Äthiopien: Mit Kaffee gegen HIV?

Traditionelle Kaffeezeremonien nutzen, um über AIDS aufzuklären

In Äthiopien sind über zwei Prozent der Bevölkerung mit HIV infiziert – eine relativ geringe Quote für Subsahara-Afrika. Doch vor allem urbane Zentren sind mit einer Quote von vier bis 14 Prozent überdurchschnittlich stark betroffen. Die Entwicklungshelferin Karolina Santana berichtet von einem innovativen Konzept der HIV-Prävention: Aufklärungsarbeit während traditioneller Kaffeezeremonien.

Die Zubereitung und der Genuss von Kaffee werden in Äthiopien, seinem Ursprungsland, auf ganz besondere Weise zelebriert: Wie schon vor Jahrhunderten werden die grünen Kaffeebohnen auf einer Feuerstelle in einer Eisenpfanne frisch geröstet und gemahlen oder zerstampft. Das Pulver wird in einem Tonkrug über der Feuerstelle mit Wasser vermischt und aufgekocht. Das Vorbereitungsprozedere dauert rund eine Stunde, der Kaffee wird drei mal aufgebrüht, dazu wird traditionelles Brot und frisches Popcorn serviert. Das braune Heißgetränk wird keineswegs allein getrunken - Freunde und Nachbarn kommen, und im Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen wird in gesellig gemütlicher Atmosphäre getratscht.

Innovativ bedient man sich in Äthiopien dieser Kaffeezeremonie, um nachhaltig über HIV aufzuklären. In seiner nationalen Strategie zur HIV-Bekämpfung propagiert die äthiopische Regierung das Instrument der Kaffeezeremonie als Präventionsmittel und unterstützt Fortbildungen für Diskussionsmoderatoren auf Gemeindeebene sowie in Schulen und Universitäten. Auch der Entwicklungsdienst unterstützt seine Partnerorganisationen dabei, das innovative und sehr kosteneffektive Mittel zur Aufklärung in ihren Arbeitsplatzprogrammen einzusetzen. In den Partnerorganisationen werden Moderatoren ausgebildet, der Entwicklungsdienst hilft bei der Planung und Durchführung der Zeremonien.

In der Partnerorganisation Federal Micro and Small Enterprises Development Agency in der Hauptstadt Addis Abeba wurde die Kaffeezeremonie auf Initiative des Entwicklungsdienstes vor vier Monaten eingeführt und findet seitdem alle zwei Wochen statt. Herr Asfaw, Leiter des HIV-Komitees bei der Partnerorganisation, koordiniert die Aktivitäten. „Die regelmäßigen Diskussionen unter Beteiligung der Angestellten haben unser Arbeitsplatzprogramm wiederbelebt", stellt er fest. „Mit der Zeit werden die Diskussionen immer offener. Die Kollegen nutzen die Möglichkeit, Probleme wie die Stigmatisierung HIV-Infizierter oder der Irrglaube bezüglich Ansteckungsgefahren aus ihrer persönlichen Perspektive zu besprechen. Auch werden die HIV-Risikofaktoren am Arbeitsplatz - zuvor Tabuthemen - offen und konstruktiv diskutiert. Insgesamt haben sich die Zeremonie und der offene Umgang miteinander sehr positiv auf unsere Arbeitsatmosphäre ausgewirkt."

Theodros Habte, ein Mitarbeiter bei der Partnerorganisation, der die Aufklärungssitzungen mit organisiert, fügt hinzu: „Mir gefällt die Kaffeezeremonie sehr gut, da sie sehr partizipativ und ergebnisorientiert ist. Die Teilnehmer gehen gestärkt und zufrieden aus den Sitzungen. Unwissen und Irrglauben werden ausführlich diskutiert bis alle Zweifel und Ängste ausgeräumt sind. Mir macht diese Arbeit sehr viel Spaß, da ich das Gefühl habe, dass wir auf individueller Ebene Verhaltensänderungen hervorrufen können und meine Kollegen ein Bewusstsein für ihr Handeln und HIV-Risiken erlangen. Das Werkzeug der Kaffeezeremonie wird mit den [...] Fachkräften regelmäßig diskutiert, wobei wir zusammen Themen erarbeiten und als Moderatoren immer besser werden."

Um das Programm abwechslungsreich zu gestalten, laden auch andere Institutionen mit Unterstützung des Entwicklungsdienstes regelmäßig externe Gäste ein. Theaterensembles aus Anti-HIV-Jugendclubs oder Mitglieder von Selbsthilfegruppen HIV-Betroffener machen die Aufklärungsarbeit dabei lebendig. Die Besucher regen die Diskussion an, und bei einer Tasse Kaffee von den Alltagssorgen eines HIV-Positiven zu erfahren, reduziert Stigma und mobilisiert Solidarität für Betroffene. Ein bewusster, aber nicht diskriminierender Umgang mit HIV-Positiven wird dadurch gefördert.

Mit der Anti-HIV-Kaffeezeremonie am Arbeitsplatz wird HIV als gesellschaftliches Problem kontinuierlich unter die Lupe genommen. Nicht nur HIV-bezogene Themen, sondern auch andere Aspekte reproduktiver Gesundheit, kommen zur Sprache. Tabuthemen wie Frühehen, Familienplanung, aber auch Genderungleichheit und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz werden gemeinsam diskutiert. Durch die Integration von jahrhundertealten Traditionen in die HIV-Präventionsarbeit wurde in Äthiopien schon viel erreicht.

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