Lösungen für Zivilisationskrankheiten in Kenia – Deutsche Unternehmen können mit neuen Geschäftsmodellen zu SDGs beitragen

Rund 50 Unternehmensvertreter und Experten aus Deutschland und Kenia kamen Ende Februar in Darmstadt zusammen, um Ideen zur Bekämpfung von Diabetes, Krebs- und Herzkreislauferkrankungen und anderen Krankheiten zu entwickeln. Das zweite gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen Merck durchgeführte „lab of tomorrow“ im Innovationszentrum der Firma brachte sieben neue Geschäftsmodelle hervor.

Insgesamt ist es nun schon das fünfte „lab of tomorrow“, das die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchführt. Drei Tage lang erarbeiten Teilnehmer aus aller Welt Geschäftsideen, um chronische, nicht-übertragbare Krankheiten (NCDs = non-communicable diseases) in Kenia einzudämmen und vorzubeugen. Die aktuelle „Challenge“, eingebracht von Dr. Heide Richter-Airijoki, Auftragsverantwortliche des Projekts „Entwicklung des Gesundheitssektors“, ist ein drängendes Thema im kenianischen Gesundheitssektor. Nach Aussage der Weltgesundheitsorganisation sind NCDs dort für 27 Prozent aller Todesfälle und 50 Prozent aller Krankenhauseinlieferungen verantwortlich. Doch diese Problematik betrifft nicht nur Kenia: Auch die Vereinten Nationen haben die gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen weltweit zunehmender NCDs erkannt und deren Bekämpfung in den UN Sustainable Development Goals (SDG) verankert. So fordert ein Unterziel des dritten SDG, die Frühsterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten bis 2030 um ein Drittel zu senken. Dabei spielen präventive Maßnahmen eine entscheidende Rolle, da NCDs in hohem Maß verhaltensbedingt auftreten. Neuerkrankungen können also durch eine Einstellungs- und Verhaltensänderung eingedämmt werden. 

Teilnehmer im Gespräch
© GIZ/Klaus Wohlmann

Know-How aus unterschiedlichsten Bereichen vereint

In sieben interdisziplinären Arbeitsgruppen vereinen die Teilnehmer beim lab ihre Expertise und Ressourcen, um mit der Design-Thinking-Methode Lösungen zu entwickeln, die zugleich Geschäftsideen sind. Neben der Firma Merck sind Boehringer Ingelheim, Bayer, SAP und Cerner, aber auch Start-Ups und mittelständische Firmen vertreten. Mit dabei sind ebenso afrikanische Unternehmen und ausgewählte Kenner Kenias aus Stiftungen, UN-Organisationen, Regierungsinstitutionen, NGOs und der GIZ. So kann ein intensiver Wissenstransfer zwischen dem privaten, sozialen und öffentlichen Sektor stattfinden.

„Für mich ist es besonders spannend, innovative Ansätze zur Verbesserung der Arzneimittelversorgung zu nutzen, also neue Technologien mit der Zufuhr von Medikamenten zu verknüpfen“, sagt Stefanie Pügge von der deutschen Hilfsorganisation „Apotheker ohne Grenzen“. Der Workshop sei zwar sehr fordernd, jedoch habe sie vieles dazu gelernt, wie auch mal „out of the box“ zu denken. Auch Karina Fassbender, Head of Accelerator Africa bei Merck, zieht ein positives Fazit aus dem zweiten „lab of tomorrow“ in Darmstadt: „Die drei Tage waren ein voller Erfolg für die innovative Zusammenarbeit internationaler Akteure. Wir freuen uns, das lab bei uns austragen zu können.“ 

Präsentation im 5. lab of tomorrow
© GIZ/Klaus Wohlmann

Ein lab – 50 Teilnehmer – 7 Geschäftsideen

Eine der Geschäftsideen basiert auf einer nationalen Gesundheitsdatenbank mit Zahlen und Fakten über NCDs. Mit Hilfe eines Algorithmus soll eine App diese Daten dazu nutzen, Symptome zu erkennen und Behandlungsvorschläge zu liefern.

Eine andere Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, jungen Kenianern auf spielerische Weise einen gesunden Lebensstil zu vermitteln. Ihre App beinhaltet ein Gesundheitsquiz, das mit einer sozialen Kampagne verknüpft ist. Die Nutzer treten in einem Turnier-Format gegeneinander an, wobei sie sowohl Wissensfragen beantworten, als auch sportlich aktiv werden müssen. Da der individuelle Wissensstand der Nutzer regelmäßig erfasst wird, werden automatisch wertvolle Daten für eine gezielte Bewusstseinsbildung und Prävention von NCDs generiert.

Ein drittes Team sieht eine Kooperation zwischen Versicherungsunternehmen, Pharmakonzernen und Krankenhäusern vor. Im Zuge dieser Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor soll der Weg der Medikamente, von der Produktion über deren Transport bis hin zur Distribution, gestrafft werden. Dadurch sollen die Preise nachhaltig sinken und, laut Viktoria Rabovskaja, „die Behandlung von NCDs für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich und bezahlbar gemacht werden“.

Im April 2017 werden ausgewählte Unternehmer, die ihre Geschäftsmodelle weiter voranbringen wollen, nach Kenia reisen, um ihre Ideen in Kooperation mit der GIZ vor Ort zu optimieren. Der Weg für eine wirtschaftliche und entwicklungspolitische Zusammenarbeit ist nach dem 5. „lab of tomorrow“ einmal mehr geebnet. So sieht es auch Christian Hagemann, zuständiger Referent im BMZ: „Mit dem lab of tomorrow bieten wir Unternehmen eine innovative Plattform. Hier werden nachhaltige Geschäftsmodelle als Lösungen für entwicklungspolitische Herausforderungen entwickelt.“