Fachkräfte über ihren Einsatz

Erfahren Sie aus erster Hand, wie vielseitig und herausfordernd eine Tätigkeit in der internationalen Zusammenarbeit ist, was Integrierte oder Rückkehrende Fachkräfte motiviert und wie sie ihre Arbeit erleben. 

Interview mit Yannick Kühl

Was machen Sie?

Äthiopien reformiert seine nationale Berufsausbildung (Technical and Vocational Education and Training, TVET) – ein wichtiger Schritt, um die Wirtschaft im Land nachhaltig zu stärken. Vorbild für die Regierung ist das deutsche duale Ausbildungssystem. Im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit mit Deutschland unterstütze ich als „Integrierte Fachkraft“ einen Prozess, der die Ausbildung praxis- und qualitätsorientierter gestaltet, die Berufsbildungsinstitutionen verbessert und kompetentes Lehr- und Fachpersonal aufbaut. Von 2011 bis 2014 habe ich das „Tegbare-id Polytechnic College“ (PTC) in Addis Abeba geleitet, das jährlich rund 4800 Studenten ausbildet. Im September letzten Jahres gab ich die Leitung an einen äthiopischen Kollegen ab und übernahm den Bereich Qualitätsmanagement und -sicherung. Derzeit führen wir ein Qualitätsmanagementsystem ein – an unserem College sowie an den vier weiteren polytechnischen Schulen der Stadt. Dazu arbeiten wir auch eng mit dem GIZ-Berufsbildungsprogramm „Sustainable Training and Education Programme“ (STEP) zusammen.

Wie sind Sie zu der Stelle gekommen?

Auf der Suche nach einer beruflichen Herausforderung im Ausland habe ich ganz gezielt nach Stellenausschreibungen in der internationalen Zusammenarbeit im Bereich Berufsbildung und Organisationsentwicklung gesucht. Die Ausschreibung vom Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) für eine Schulleiterstelle in Äthiopien hat mich sofort angesprochen. Nach eingehenden Recherchen über das Land und meinen potentiellen zukünftigen Arbeitgeber, das PTC, habe ich mich über CIM dort beworben.

Warum haben Sie sich für eine Tätigkeit in der internationalen Zusammenarbeit entschieden?

Grundsätzlich hatte ich das schon 1990, als ich mich entschied, als Entwicklungshelfer für den Evangelischen Entwicklungsdienst zu arbeiten – zunächst in Äthiopien und dann in Tansania. Das Leben und das Arbeiten in einem anderen kulturellen Umfeld konfrontiert uns immer wieder mit Situationen, die es erfordern, sich neu zu positionieren, sein Tun zu hinterfragen, auf unterschiedliche Situationen zu reagieren. In der Auslandstätigkeit sehe ich die Möglichkeit, mich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich zu entwickeln. Zurück im Schuldienst in Deutschland blieb ich der internationalen Zusammenarbeit über ehrenamtliche Tätigkeiten treu. Als dann die Kinder das elterliche Haus verlassen hatten, um ein eigenständiges Leben zu führen, entschieden ich und meine Frau uns dafür, wieder ins Ausland zu gehen.

Hatten Sie vor Ihrem Einsatz schon Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit?

Ja. Neben meiner Arbeit für den Evangelischen Entwicklungsdienst habe ich Kurzzeiteinsätze für verschiedene Organisationen, unter anderem auch für die GIZ, gemacht.

Wie wurden Sie auf Ihren Einsatz vorbereitet?

Auf den Einsatz in Äthiopien war ich durch meine vorherige EZ-Tätigkeit bereits gut vorbereitet. Integrierten Fachkräften ohne diese Vorerfahrung bietet CIM Kurse und Seminare an und auch für diejenigen mit Erfahrung gibt es hilfreiche Angebote: In der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) der GIZ nahm ich an Trainings und internen Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen teil. Die Vorbereitung dauerte drei Wochen und beinhaltete unter anderem Workshops in Landeskunde, Konfliktmanagement und Capacity Works, dem Managementmodell der GIZ zur erfolgreichen Gestaltung von Kooperationen für nachhaltige Entwicklung.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Seit ich als Qualitätsmanager im Einsatz bin, dauert mein Arbeitstag meist von acht bis achtzehn Uhr – als Schulleiter habe ich häufig auch länger gearbeitet. Ein planbarer Tagesablauf ist selten. Vielmehr muss ich kurzfristig und situationsbezogen auf anstehende Probleme oder Anfragen reagieren. Trotzdem versuche ich mir ein Stück Routine zu bewahren und einmal pro Tag einen Rundgang durch die Abteilungen zu machen. Dann kann ich mit Kollegen sprechen, ihnen zeigen, dass ihre Arbeit wahrgenommen wird, sie motivieren, mit ihnen über Vorschläge für mögliche Verbesserungen diskutieren oder ihre Meinungen zu bestimmten Themen einzuholen. Für mich ist das ganz entscheidend für qualitative und damit erfolgreiche Arbeit. Daneben gibt es natürlich viel „Schreibtischarbeit“ – Berichte schreiben oder Planungen und Projektanträge ausarbeiten.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Stelle?

Die notwendigen Strukturen, die es braucht, um ein duales Berufsbildungssystem umsetzen zu können, befinden sich hier noch im Aufbau. Wichtig ist es daher, Eigeninitiative an den Tag zu legen und Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Schritte in die richtige Richtung einzuleiten. Die ersten anderthalb Jahre waren nicht immer leicht – ich musste erst die fachliche und persönliche Anerkennung und das Vertrauen der Kollegen und Vorgesetzten gewinnen. Das erforderte Geduld und Durchhaltevermögen – aber zahlt sich am Ende aus. Heute kann ich frei und erfolgreich arbeiten. Grundsätzlich gefällt es mir, nah an der Basis zu arbeiten, um so Veränderungsprozesse von unten nach oben anzustoßen. Als Integrierte Fachkraft bin ich in die lokalen Strukturen eingebunden, muss mich ähnlichen Problemen stellen wie meine Kollegen und nach Lösungen im Konsens suchen. Das integriert, verbindet und macht Erfolge nachhaltiger. Unsere Schule wurde in den letzten zwei Jahren mehrfach als bestes College in Addis Abeba und als eines der Besten im Land ausgezeichnet – das ist natürlich ein tolles Feedback für unsere Arbeit, darauf sind wir und bin ich sehr stolz.

Was ist Ihre wichtigste Erfahrung?

Die äthiopische Gesellschaft und damit auch die staatlichen Institutionen sind sehr hierarchisch organisiert. Ich bin Gast in diesem Land, in einer fremden Kultur und noch dazu kein Muttersprachler - da ist es normal, dass ich nicht immer vollständig in den Informationsfluss eingebunden bin. Deshalb habe ich mir von Anfang an ein breites Netzwerk aufgebaut - lokal und international. Im College setze ich auf einen „bottom-up“ Führungsstil, was bedeutet, dass ich ganz gezielt auf veränderungswillige und innovative Abteilungsleiter, Lehrer und Angestellte zugegangen bin und sie in ihren geplanten Aktivitäten motiviert und unterstützt habe. Die vielfältigen Erfolge und der gute Ruf, den das College heute hat, sind insbesondere auf das Engagement des mittleren Managements und einzelner Lehrer und Angestellter zurückzuführen. Nun sind die neue College Leitung und die für berufliche Bildung verantwortlichen Behörden gefragt, ihrerseits innovativ zu handeln, um das College weiterzuentwickeln und an den Erfolgen anzuknüpfen.

Ihr Rat für jemand, der in der internationalen Zusammenarbeit arbeiten möchte?

Ich rate jedem, die Landessprache zumindest rudimentär zu erlernen und sich intensiv mit den Menschen im Land zu beschäftigen – vor der Ausreise und im Gastland. Wie im „normalen“ Leben gilt für mich in Äthiopien auch: Ich vermeide öffentliche persönliche Kritik, denn das ist der schnellste Weg, sich unweigerlich „ins Abseits zu stellen“. Ebenso verhält es sich mit Schuldzuweisungen, denn man scheitert immer gemeinsam. Misserfolge passieren und man sollte sie daher auch nicht zu vertuschen suchen – ich trage sie, soweit es geht, mit Humor. Zusammenarbeit sollte immer auf einer verlässlichen, geradlinigen, respekt- und vertrauensvollen Basis erfolgen. Wenn sich persönliche oder fachliche Schwierigkeiten anbahnen, sollte man sich frühzeitig professionelle Hilfe holen, wie zum Beispiel Coaching. Und ein sehr persönlicher Tipp zum Schluss: Feiere mit den äthiopischen Kollegen wie ein Rheinländer!

Interview mit Alexander Pforte

Was machen Sie?

Ich arbeite beim Independent Joint Anti-Corruption Monitoring and Evaluation Committee (MEC), einer unabhängigen Antikorruptionsbehörde, in Kabul, Afghanistan. Als Berater in der Präventionsabteilung bin ich gemeinsam mit meinen afghanischen und internationalen Kollegen für die unabhängige Beobachtung und Evaluierung nationaler und internationaler Reformen zur Bekämpfung von Korruption zuständig. Gleichzeitig entwickelt das MEC auch eigene Ansätze und Vorschläge, wie dem Missbrauch von Macht besser entgegengewirkt werden kann, beispielsweise durch transparente Wahlen.

Wie sind Sie zu der Stelle gekommen?

Ich wollte gerne in Afghanistan arbeiten und bin auf das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) aufmerksam geworden, das Integrierte Fachkräfte an lokale Arbeitgeber weltweit vermittelt. Nach einer Initiativbewerbung wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen und daraufhin in den Bewerberpool aufgenommen. Als CIM für meinen jetzigen Arbeitgebers, dem MEC, einen Berater im Anti-Korruptionsbereich suchte, kamen sie auf mich zurück, da ich mit meinen Qualifikationen und Erfahrungen zu dem angeforderten Profil passte. Sie schlugen mich vor, das MEC entschied sich für mich und schloss mit mir den Arbeitsvertrag ab. Im April 2013 reiste ich nach Kabul aus.

Warum haben Sie sich für eine Tätigkeit in einem Entwicklungsland entschieden?

Mein Vater war bereits beruflich in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und dadurch habe ich einen Großteil meines Lebens in Entwicklungs- und Schwellenländern verbracht. Das hat natürlich mein Interesse für entwicklungspolitische Themen geweckt. Da mich besonders die Not- und Übergangshilfe beziehungsweise humanitäre Einsätze interessieren, entschied ich mich für einen Berufseinstieg in Afghanistan.

Hatten Sie vor Ihrem Einsatz schon Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit?

Durch die Arbeit meines Vaters habe ich indirekt natürlich Erfahrungen sammeln können und viele Eindrücke gewonnen. Darüber hinaus hatte ich keine praktischen Kenntnisse.

Wie wurden Sie auf Ihren Einsatz vorbereitet?

CIM organisiert für ausreisende Integrierte Fachkräfte einen Aufenthalt in der Deutschen Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) in Bad Honnef. Meine dreiwöchige Vorbereitung beinhaltete neben Workshops zu den Themen Sicherheit, Landeskunde und Kultur auch hilfreiche Veranstaltungen zu Themen wie Beratungskompetenzen und Stressmanagement. Ich habe mich gut vorbereitet gefühlt, als es schließlich in den Flieger nach Afghanistan ging.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Der Tag beginnt jeden Morgen mit einem kurzen Meeting zwischen den Abteilungen, um den Tagesablauf abzugleichen, ehe es an den eigenen Schreibtisch geht. Den Großteil meiner Arbeitszeit verbringe ich im Büro: Ich recherchiere zu verschiedenen Themen, koordiniere meine Kollegen und ihre Termine, überprüfe den Stand verschiedener Reformvorhaben oder plane gemeinsam mit den Kollegen nächste Schritte für unsere Recherche- und Evaluierungstätigkeiten. Daneben treffe ich mich oft mit Vertretern anderer Organisationen und Institutionen, um zum Beispiel Interviews zu führen oder Quellen zu bestätigen. Gegen 17:00 Uhr endet mein Arbeitstag offiziell.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Stelle?

Die direkte und sehr enge Zusammenarbeit mit hoch motivierten und qualifizierten Afghanen, die sich dafür einsetzen, ihr Land zu verbessern. Als Integrierte Fachkraft bin ich direkt in einer lokalen Organisation angestellt und in die Strukturen voll eingebunden. Dadurch habe ich - trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit - viele Berührungspunkte mit Afghanen und ihren Behörden. Das gibt mir die Chance, Einblicke in die Kultur des Landes zu bekommen. Und ich bin froh, dass ich durch meine Arbeit gemeinsam mit meinen Kollegen einen Beitrag zur Entwicklung in Afghanistan leisten kann – es sind vielleicht oftmals kleine, aber in meinen Augen doch sehr wichtige Schritte.

Was ist Ihre wichtigste Erfahrung?

Als Berufseinsteiger musste ich mich zunächst an die Unterschiede zwischen akademischer und praktischer Arbeit gewöhnen. Darüber hinaus war die bisher wichtigste Erfahrung für mich, zu lernen, wie ich auch in einem zunächst noch fremden kulturellen Umfeld meine Arbeitsziele erreichen kann. Dafür gilt: auf kulturelle Gewohnheiten achten, ohne dabei Zielstrebigkeit und Professionalität einzubüßen.

Ihr Rat für jemanden, der in der internationalen Zusammenarbeit arbeiten möchte?

Nur zu! Die Herausforderungen lohnen sich auf jeden Fall! Die Welt braucht Menschen, die nicht nur in der Lage sind, über den Tellerrand hinauszuschauen, sondern die auch den Mut haben, den Teller ganz hinter sich zu lassen. Durch internationale Zusammenarbeit kann aus der Welt wirklich ein Dorf werden.

Interview mit Nikola Rass

Was machen Sie?

Ich arbeite bei der zwischenstaatlichen Umwelt- und Klimaorganisation OSS (Sahara and Sahel Observatory) in Tunis, Tunesien. Zu ihren Mitgliedern zählen 22 afrikanische Länder, Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada und die Schweiz sowie verschiedene UN-Organisationen. Die OSS unterstützt Länder der Sahara und Sahelzone, die Biodiversitäts-Konvention der Vereinten Nationen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung biologischer Vielfalt umzusetzen. Zum Beispiel durch Ausbildung im Umgang mit natürlichen Ressourcen oder die Förderung von Wissensaustausch. Ich baue eine Klimakomponente auf, die darauf abzielt, die Bevölkerung zu unterstützen, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Sie beinhaltet außerdem, Entscheidungsträger miteinzubinden und zum Beispiel durch Trainings für das Thema zu sensibilisieren.

Wie sind Sie zu der Stelle gekommen?

Ich habe drei Jahre im Sekretariat der UN Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) gearbeitet und mich dort vor allem mit internationaler Umweltpolitik beschäftigt. Daraufhin wuchs in mir der Wunsch, in einer regionalen Organisation zu arbeiten, die sich mit der Umsetzung globaler Umweltpolitik befasst. Die Stellenausschreibung von CIM passte da genau - das OSS arbeitet seit 20 Jahren als regionales Beratungszentrum für die Mitgliedsländer der UNCCD. Nach einem Auswahlverfahren bei CIM wurde ich der OSS als Kandidatin vorgeschlagen und von ihnen schließlich ausgewählt.

Warum haben Sie sich für eine Tätigkeit in der internationalen Zusammenarbeit entschieden?

Ich interessiere mich für Menschen aus anderen Kulturen und arbeite seit fast zehn Jahren in der internationalen Zusammenarbeit. Dabei habe ich Erfahrungen in verschiedenen Ländern sammeln können. Mir ist es wichtig, Veränderungen anzustoßen. Tunesien als Standort hat mich unter anderem gereizt, da mich der Veränderungsprozess in den arabischen Ländern interessiert und ich durch eine Tätigkeit vor Ort den arabischen Kulturkreis kennenlernen kann.

Wie wurden Sie auf Ihren Einsatz vorbereitet?

Im Fortbildungszentrum in Bad Honnef habe ich mehrere Wochen Kurse in Landeskunde, interkultureller Kommunikation und Beratungsprozessen besucht und an einem Sicherheitstraining teilgenommen – das war eine sehr gute Vorbereitung. Des Weiteren war ich gemeinsam mit anderen Integrierten Fachkräften für einige Tage in der CIM-Zentrale und lernte dort die Unternehmenspolitik sowie das Monitoring und Evaluierungssystem von CIM und der GIZ kennen. Zudem konnte ich mich in dieser Zeit auch mit Fachkollegen zu meinem zukünftigen Einsatz austauschen.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Meine Arbeit im Büro ist klassisch: Ich beantworte E-Mails, arbeite an Projektberichten oder -anträgen, erledige andere Aufgaben des Projektmanagements oder tausche mich mit Kollegen aus. Dieser typische Arbeitsalltag ist aber selten. Stattdessen bin ich bin relativ oft auf Dienstreisen – allein in meinen ersten neun Monaten war ich in Indien, Mauretanien und Mali zu Workshops oder regionalen Treffen. In Polen nahm ich an der Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention teil. Es kommen immer wieder neue Aktivitäten und Tätigkeiten auf die Agenda – und genau das macht den Einsatz für mich besonders spannend.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Stelle?

Als Integrierte Fachkraft bin ich Teil der internationalen Zusammenarbeit und angestellt bei einem lokalen Arbeitgeber. Ich bin Mitarbeiterin der OSS und lerne die Organisation von innen heraus kennen. Das ist sehr spannend. Und es ermöglicht ein viel besseres Verständnis für die Arbeitsdynamik, Potenziale und Einschränkungen einer Organisation.

Was ist Ihre wichtigste Erfahrung?

Die deutsche Arbeitskultur legt Wert auf Effizienz, Effektivität, vorausschauende Planung, Geradlinigkeit und Einsicht von eigenen Fehlern. Andere Länder haben andere Wertesysteme. Meine wichtigste Erfahrung ist, sich auf das Land und seine Kultur einzulassen. Dies gilt im Arbeitskontext ganz besonders. Wichtig ist gegenseitiges Zuhören, Lernen, Annehmen. Ein Beispiel: Die „deutsche“ Planung funktioniert hier in Tunesien nicht so, wie wir sie kennen und Dinge werden oft erst erledigt, wenn es für unser Verständnis schon viel zu spät ist. Bisher hat aber noch jeder Workshop stattgefunden, selbst wenn Flüge erst am letzten Tag gebucht oder Tagungsorte in letzter Sekunde reserviert wurden. Es lohnt sich nicht, sich über so etwas aufzuregen. Da lohnt es sich viel mehr, in zwischenmenschliche Beziehungen zu investieren und sich Zeit zu nehmen, Kollegen nach der Gesundheit ihrer Familie zu fragen.

Ihr Rat für jemand, der in der internationalen Zusammenarbeit arbeiten möchte?

Es fällt mir schwer, einen allgemeinen Rat zu geben, denn dafür sind die Einsatzmöglichkeiten in diesem Feld zu vielfältig und die Erwartungen und Wünsche jedes einzelnen zu unterschiedlich. Ich denke, jeder sollte für sich selbst prüfen, was er von einer Tätigkeit in der internationalen Zusammenarbeit erwartet und sich zunächst folgende Fragen stellen: Will ich nur kurz Erfahrungen in einem fremden Land sammeln oder will ich langfristig im Ausland leben, immer mobil sein? Was ist mein langfristiges Ziel? Was entspricht meinen Fähigkeiten? Das alles sind sehr individuelle Fragen, für die es in der internationalen Zusammenarbeit individuelle Einsatzmöglichkeiten gibt.