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09.12.2020

„Passgenaue Kenntnisse zu Regionen oder spezifischen Fachthemen“

Im Interview mit der Agentur für Wirtschaft & Entwicklung (AWE) spricht Carsten Schmitz-Hoffmann, Leiter des Bereichs International Services bei der GIZ, über die Zusammenarbeit mit Unternehmen, Projekte auf EU-Ebene und Trends.

AWE: Herr Schmitz-Hoffmann, was können Sie mit Blick auf die deutsche Wirtschaft vom Hindukusch berichten: Wie ist die wirtschaftliche Lage vor Ort? 

Schmitz-Hoffmann: Afghanistan und seine Bevölkerung sind schwer gebeutelt – 40 Jahre Kriegszustand haben tiefe Spuren hinterlassen. Auch wenn jetzt das zarte Pflänzchen des Friedensprozesses gepflanzt wird, ist der Konflikt allgegenwärtig. Dies bildet sich natürlich auch in der Wirtschaft ab: Der informelle Sektor prägt das Land, viel Geld wird im Ausland investiert, die Korruption ist ein großes Problem. Nur wenige Investitionen fließen nach Afghanistan. 

AWE: Welche Möglichkeiten für deutsche Unternehmen sehen Sie? 

Schmitz-Hoffmann: Für risikobewusste deutsche Unternehmen gibt es in Afghanistan interessante landwirtschaftliche Produkte, aber auch Absatzmärkte. Doch es ist ein Nischenmarkt. Entwicklungsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft können in der Fläche entstehen – zum Beispiel im Energie-, Wasser- oder Infrastruktursektor – wenn der Konflikt tatsächlich endet und wirtschaftliches Handeln auf dem Fundament von Sicherheit und Stabilität möglich wird. Noch ist es allerdings ein sehr weiter Weg dorthin. 

AWE: Seit kurzem sind Sie für den Bereich International Services der GIZ verantwortlich. Was macht Ihr Aufgabenspektrum aus? 

Schmitz-Hoffmann: Vereinfacht gesagt: Es ist unser Anspruch, dass sich GIZ International Services weiter als der weltweit tätige Nachhaltigkeits- und Projekt-Dienstleister für Auftraggeber etabliert, die außerhalb der deutschen staatlichen Entwicklungspolitik auf großes Know-how, regionale Breite und fachliche Exzellenz setzen. Wir implementieren weltweit Projekte und bieten eine feine, wirkungsvolle Leistungs-Palette an: Strategieberatung, Durchführung großer Projekte und Innovationsentwicklung im internationalen und im Nachhaltigkeitskontext. Für Unternehmen geht es oft um die Minimierung von Risiken in der Lieferkette, die Flankierung von Investitionen und die Sicherstellung von Nachhaltigkeitsfaktoren bei ihren internationalen Aktivitäten. Wichtig ist ihnen auch der Aufbau übergreifender Plattformen, über die selbst Marktkonkurrenten zusammenarbeiten können. 

AWE: Können Sie uns ein Beispiel nennen, wie Sie mit Unternehmen zusammenarbeiten? 

Schmitz-Hoffmann: Ein Beispiel ist unser Projekt „Ghana Heart Initiative“ im Auftrag der Bayer AG. Hier stärken wir das Gesundheitssystem im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Konkret werden die Prävention, Diagnose und Behandlung in Ghana verbessert. Unser größter bisheriger Projekterfolg ist ein standardisierter Behandlungsleitfaden, um die Basisversorgung der Bevölkerung auf ein qualitativ höheres Niveau zu heben. Ghana ist somit nach Südafrika und Kenia das dritte afrikanische Land mit einer nationalen Strategie zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Vertiefte Fortbildungsmaßnahmen und der Aufbau von Fachzentren folgen. Dies hat tolle Wirkungen auf die medizinische Behandlung der Bevölkerung vor Ort. Gleichzeitig hilft es der Bayer AG, den medizinischen Standard im westlichen Afrika anzuheben und diesen wachsenden Markt zu stärken.

AWE: Woher bekommen Sie die inhaltliche Expertise – auch bei ungewöhnlichen Anfragen?

Schmitz-Hoffmann: Wir setzten auf den Erfahrungen und Kenntnisse der GIZ weltweit auf und können so ein internationales Netzwerk von Expertinnen und Experten aus diversen Fachbereichen einbinden. So bieten wir mit hoher Reaktionsfähigkeit passgenaue Kenntnisse zu Regionen oder spezifischen Fachthemen für unsere Kunden an. Inhaltlich können wir viele Schwerpunkte abdecken: zum Beispiel den Aufbau von Ausbildungssystemen bis hin zu individuellen Trainings, die Förderung der Digitalisierung, die Etablierung einer nachhaltigen Energie- oder Wasserversorgung, den Aufbau von Klimaschutzmaßnahmen oder Beratungen bei Strategie- und Politikentwicklung.

AWE: Sehen Sie bei der Beauftragung durch Dritte momentan bestimmte Trends? 

Schmitz-Hoffmann: Mit einer steigenden Anzahl von Konflikten weltweit steigt auch die Nachfrage nach Projekten und Aktivitäten in fragilen Regionen. Das Umfeld in Ländern wie Irak, Libanon oder Kolumbien ist schwierig, sie bieten aber auch Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten. Thematisch ist in der internationalen Zusammenarbeit die Digitalisierung ein wichtiger Treiber. Im Trend liegen auch die Förderung von Investitionen, Berufsbildung sowie innovative Geschäftsmodelle für Kooperationen zwischen Marktkonkurrenten, also Kooperationsplattformen im „pre-competitive“-Bereich. Mit der lebendigen Debatte um Lieferkettengesetze steigt in der Wirtschaft zudem das Interesse an Projekten zur Förderung der Nachhaltigkeit in internationalen Lieferketten und -netzwerken. 

AWE: Gibt es aktuell spannende EU-Projekte bei Ihnen und welche Auswirkungen hat die Pandemie bei EU-Kooperationen? 

Schmitz-Hoffmann: Die EU ist ein großer und wichtiger Auftraggeber für International Services, und das seit vielen Jahren. Die Corona-Pandemie wird dieses Portfolio zunächst nicht signifikant beeinflussen – inwiefern sich mittelfristig Haushaltskonsolidierungen auswirken, können wir noch nicht sagen. Aktuell aber laufen unsere Kooperationen mit der EU sehr gut – beispielsweise wurden wir in der Türkei beauftragt, die Reformanstrengungen im Energiesektor zu unterstützen. In Afghanistan begleiten wir die Reform des Gesundheitssektors. Dadurch sind wir mit unserem Projektteam Unterstützer des nationalen Krisenstabes zur Pandemiebekämpfung. In Mali flankieren wir die Demokratisierungsbestrebungen, indem wir Basisdienste im Gesundheits- und Ausbildungssystem stärken. Gerade angesichts der Pandemiebedingungen leisten unsere Projektteams vor Ort herausragende Arbeit unter schwierigsten Voraussetzungen. 

AWE: Spielen Werte der Bundesregierung wie Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit und Inklusion auch dann eine tragende Rolle, wenn Sie durch andere Regierungen beauftragt werden? 

Schmitz-Hoffmann: Als integraler Bereich der GIZ sind wir sind wir dem Wertegerüst der GIZ verpflichtet. Über das Genehmigungsverfahren unserer Projekte mit dem Bundesentwicklungsministerium und dem Auswärtigen Amt ist sichergestellt, dass die Projekte im Drittgeschäft der GIZ der Perspektive der Bundesregierung entsprechen. Wir nehmen zudem wahr, dass Werte und hohe Standards mittlerweile bei allen Gebern zentrale Elemente bei der Konzeption und Durchführung von Projekten sind. Sie sind Normalität geworden. Compliance und Transparenz sind essentielle Grundpfeiler unserer Arbeit.

AWE: Zum Schluss noch eine persönliche Frage. Sie sind als Fußballfan bekannt. Hat die Leidenschaft für Ihren Verein mehr durch Ihre Zeit im Ausland oder durch die Pandemie gelitten? 

Schmitz-Hoffmann: Nun ja, Leidenschaft kommt ja von „Leiden“ – und wenn überhaupt, dann leidet diese Leidenschaft am ehesten an den fußballerischen Limitationen des Herzensclubs. Den Geißbock trägt man jedenfalls immer im Herzen, in Kabul ebenso wie bei „Geisterspielen“.

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