"Rohstoffreichtum – auch die Bevölkerung soll profitieren"

Unmenschliche Ressourcen zu menschlichen machen

Kann Rohstoffreichtum die Ursache von Armut sein? Nein, meint der angolanische Autor Jose Eduardo Agualusa. Es kommt darauf an, ihn menschlich zu nutzen.

Ich bin Angolaner. Seit ich denken kann, ist vom gewaltigen Reichtum Angolas die Rede. Angola ist einer der wichtigsten Erdölproduzenten des afrikanischen Kontinents, der viertgrößte Diamantenproduzent der Welt. Zu Kolonialzeiten auch einer der weltgrößten Produzenten von Kaffee.

Als Kind unterwegs in Angola fiel mir auf, dass die meisten anderen Kinder keine Schuhe anhatten. Nach der Unabhängigkeit 1975 wurde es etwas besser. Heute besitzen die meisten Angolaner Schuhe. Trotz Krieg und Misswirtschaft konnten Zehntausende Angolaner studieren, es geht ihnen heute besser als ihren Eltern. Und doch herrscht weiterhin Armut.

„Angolas Unglück ist das Erdöl" – noch so ein Satz, an den ich mich inzwischen gewöhnt habe. Den Reichtum für die Armut verantwortlich zu machen – den verborgenen Reichtum und die offensichtliche Armut –, ist mir schon immer zu einfach und, ja, auch ein wenig zu paternalistisch. Ein reiches Land kann, wie ein reicher Mensch auch, seinen Reichtum sinnvoll nutzen – für sich und für andere. Oder ihn einfach verschleudern. Natürlich wird jemand, der plötzlich zu Reichtum kommt – etwa, weil er auf seinem Dachboden einen Schatz findet –, besser damit umgehen können, wenn er bereits zuvor in den Genuss von etwas Wissen und Bildung gekommen ist, als ein Analphabet. Anders ausgedrückt: Norwegen war Angola um einige Jahre voraus, als dort Erdöl gefunden wurde, und es ist nicht wirklich verwunderlich, dass es heute damit besser umgeht.

Ein Land, das keine Rohstoffe besitzt, aber demokratisch und anständig regiert wird, kann aus dem Mangel heraus eigene Lösungen für seine Probleme entwickeln. Not macht erfinderisch, sagt das Sprichwort. Auf den Kapverdischen Inseln ist das ein bisschen der Fall. Angenommen, die Kapverdier stießen plötzlich auf Erdöl, ich bin mir sicher, sie wären in der Lage, diesen Reichtum zu nutzen und ihn, wie Dänemark, nachhaltig zu verwenden und in Humankapital zu investieren.

In der portugiesischsprachigen Welt gibt es einen beliebten Witz, der erzählt, dass Gott, als er fast fertig war mit der Erschaffung der Welt, so begeistert war von all den Schönheiten, die ihm dort, wo sich heute Angola und Brasilien befinden, gelungen waren, dass er, verliebt in die eigene Schöpfung, allerlei Reichtümer über diese Territorien zu verstreuen begann. Hände voll Diamanten, Tonnen an Gold, ergiebige Ölfelder. Einer seiner Engel beobachtete das Treiben und wandte konsterniert ein: „Lieber Gott, schauen Sie mal, das ist doch nicht richtig. Angola und Brasilien besitzen bereits unzählige Naturwunder. Sonne das ganze Jahr über, endlose Wälder, bezaubernde Vögel. Großartige Strände. Keine Erdbeben peinigen sie, keine Seebeben, keine Wirbelstürme. Zu solch großem Glück auch noch Bodenschätze in Hülle und Fülle zu geben – also entschuldigen Sie, ich finde das nicht gerecht." Gott schaute ihn an, lächelte, und dann lachte er schallend: „Du magst recht haben. Aber schau mal, wen ich das alles kolonisieren lasse."

Setzen wir anstelle der Kolonisatoren – also in unserem Falle der Portugiesen – einfach nur Menschen, die Ressource Mensch also, dann fasst dieser Witz recht gut all das zusammen, was ich weiter oben beschrieb: Das Wichtigste sind – überall auf der Welt – die Menschen. Natürliche Rohstoffe in menschliche Ressourcen zu verwandeln, scheint mir der Schlüssel zu sein für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung. Insofern hat die Armut in Angola nicht das Geringste zu tun mit seinem verborgenen Reichtum, sondern: Angola war nie eine Demokratie, und Diktaturen bringen nur selten stabile, kluge und gerechte Regierungen hervor. Eine der Lehren, die aus den jüngsten demokratischen Revolutionen in Nordafrika gezogen werden sollten, ist, dass Demokratien stabiler sind und verlässlicher als Diktaturen. Diktaturen in der Dritten Welt zu unterstützen, wie es die westlichen Demokratien bisher immer und im Namen irgendeiner Realpolitik getan haben, ist heute vielleicht keine so gute Idee mehr.

Selbst ohne die moralischen Aspekte und rein ökonomisch betrachtet liegt es für mich auf der Hand, dass die zunehmende Demokratisierung der Information durch neue Technologien den Diktaturen nicht gerade zum Vorteil gereicht. Dies sollten die westlichen Demokratien im Auge behalten. Es ist sicherer und auf mittlere Sicht sogar billiger, aufstrebende Demokratien oder in jenen Ländern, die noch unter Diktaturen leben, die demokratischen Kräfte zu unterstützen, als Geld in den Dienst von Despoten zu stellen.

Autor: José Eduardo Agualusa, angolanischer Schriftsteller.
Der Artikel erschien zuerst im GIZ-Magazin akzente, Ausgabe 04/2011.