Wir ergänzen uns und lernen voneinander

"Friedliche Integration"

2012 kehrte die ehemalige Kämpferin der maoistischen Befreiungsarmee Surya Kumari Shahi in ihr Dorf Mangragadi zurück. Gemeinsam mit ihrer Freundin aus Kindertagen, Ram Kumari Chaudhary, beschloss sie ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Als Surya Kumari Shahi sich wieder in Mangragadi niederließ, haben Sie beide beschlossen, gemeinsam eine Ausbildung als Elektrikerin zu absolvieren. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Shahi: Wir wollten schon früher immer zeigen, dass Frauen mehr leisten können als nur Hausarbeit. Nachdem sich etwa 100 ehemalige Kameraden und Kameradinnen von mir hier niedergelassen haben, bot die GIZ Ausbildungen für die Dorfbewohner an. Ram Kumari und ich waren uns sofort einig, dass wir Elektrikerinnen werden wollten.

Chaudhary: Diese Ausbildung war für uns die Gelegenheit zu beweisen, dass wir auch „Männerarbeit“ bewältigen können. Außerdem fand ich es toll, unseren neuen Gemeindemitgliedern näher zu kommen.

Sie haben sich nach der Ausbildung selbstständig gemacht. Was hat Sie dazu bewogen?

Chaudhary: In den 53 Ausbildungstagen hatten wir auch einen Baustein Unternehmensführung. Wir haben gelernt einen Businessplan zu erstellen, haben eine Grundausrüstung an Werkzeug bekommen und wir haben es uns zugetraut.

Shahi: Wir kannten uns ja schon von früher gut und haben uns während der Ausbildung noch intensiver kennengelernt. Da haben wir beide gespürt, dass wir es gemeinsam mit einer eigenen Firma schaffen können.

Wie sahen denn die ersten Monate Ihrer unternehmerischen Tätigkeit aus? Haben die Bewohner Ihr Angebot sofort angenommen?

Chaudhary: Zu Beginn haben die Leute große Zweifel gehabt. Manche hatten auch gegen Surya Vorbehalte, weil sie in der Befreiungsarmee gekämpft hatte. Dennoch gab es Bewohner, die genug Vertrauen hatten, uns zu beauftragen. Und dann haben die anderen Menschen hier gesehen, dass wir gut sind…

Shahi: …und zuverlässig! Das schätzen die Leute sehr. Die Ausbildung hat uns Selbstvertrauen und Mut gegeben. Wir sind stolz auf uns und inzwischen sind auch die anderen Gemeindemitglieder ganz schön stolz auf uns zwei.


Gibt oder gab es denn Vorbehalte im Dorf gegen Ihre berufliche Entscheidung?

Shahi: Am Anfang haben die Menschen daran gezweifelt, dass wir zusammen arbeiten können, aufgrund unserer unterschiedlichen Vergangenheit. Wir waren uns jedoch absolut sicher, dass es funktionieren würde und haben es bewiesen. Wir ergänzen uns und lernen voneinander.


Außerdem haben wir uns zum Vorbild für andere Frauen entwickelt.

Es trauen sich immer mehr, eine für Frauen unkonventionelle Ausbildung zu machen.

Wie meinen Sie das?

Chaudhary: Shahi hat als Exkämpferin eine große Disziplin, was für unser Geschäft extrem hilfreich ist. Ich dagegen habe die sozialen Kontakte im Dorf. Ich weiß, wie ich mit den einzelnen Gemeindemitgliedern umgehen muss. Gemeinsam inspirieren wir die Leute, für die wir inzwischen ein Modell sind.

Wie laufen denn die Geschäfte? Reichen Ihre Einnahmen aus?

Chaudhary: Unser Laden läuft gut. Wir müssen weder unsere Männer noch unsere Väter um Geld bitten, wir verdienen selber genug und stocken das Familieneinkommen ordentlich auf. Außerdem haben wir uns zum Vorbild für andere Frauen entwickelt. Es trauen sich immer mehr, eine für Frauen unkonventionelle Ausbildung zu machen.

Die Fragen stellte Gabriele Rzepka. Sie ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Entwicklungspolitik und Technik.

Surya Kumari Shahi und Ram Kumari Chaudhary