„Menschen neue Perspektiven eröffnen “

"Ein sicherer Ort für Flüchtlinge"

Ein Interview mit Arno Tomowski, GIZ

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Weltweit sind rund 65 Millionen Menschen auf der Flucht – so viele Menschen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Warum verlassen Menschen ihre Heimat?

Weil sie keine Zukunftsperspektive für sich und vor allem für ihre Kinder sehen. Mit sehr hohen Risiken die Heimat zu verlassen ist eine extrem schwere Entscheidung, das sollten wir nie vergessen. Die Ursachen sind vielfältig: Menschen sind von Gewalt und Krieg betroffen, ihre Menschenrechte werden missachtet. Weitere Ursachen sind, dass es keine Arbeit und unzureichend Ernährung gibt, Wasserkrisen nehmen zu. Die Umweltbedingungen verschlechtern sich zunehmend, zum Beispiel durch den Klimawandel und den Verlust natürlicher Ressourcen. Eine Ursache allein – kriegerische Auseinandersetzungen und unkontrollierte Gewalt ausgenommen - führt in der Regel nicht dazu, dass Menschen fliehen. Das tun sie dann, wenn sie perspektivlos sind, also die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich die Situation zum Besseren ändern wird, und wenn sie in ihrer Mobilität nicht eingeschränkt sind.


Und was brauchen die Länder bzw. die Regionen, die viele Flüchtlinge aufnehmen?

Die meisten Länder stehen auch ohne Flüchtlinge schon vor immensen Herausforderungen. 38 der 60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, bleiben innerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen. Ihre Heimatstaaten können die Versorgung oft nicht gewährleisten. Besonders schwierig ist die Lage zum Beispiel im Südsudan, wo es aufgrund des Bürgerkriegs zwei Millionen Binnenvertriebene gibt. Dort unterstützen wir im Auftrag des BMZ dabei, eine Million Menschen mit sanitären Anlagen, mit Trinkwasser und mit Saatgut zu versorgen – damit sie sich heute und vielleicht auch in Zukunft wieder selbst versorgen können. Davon profitieren sowohl die Ortsansässigen als auch die Binnenvertriebenen. Wir müssen zusehen, dass wir Situationen durch einseitige Unterstützung nicht noch verschärfen. Die GIZ versucht immer, die Gemeinschaft zu stärken, das bedeutet, wir fördern von Anfang an nicht nur die Flüchtlinge und Binnenvertriebenen sondern auch die aufnehmenden Gemeinden. Dass Konflikte entstehen können, ist normal. Es kommt darauf an, damit konstruktiv umzugehen. Schauen wir zum Beispiel nach Jordanien: Dort herrscht ohnehin gravierender Wassermangel. Nun leben in Jordanien zusätzlich viele Flüchtlinge aus Syrien. Die GIZ unterstützt dort im Auftrag des BMZ die Ausbildung von Fachkräften für die Wasserversorgung, sowohl jordanischen als auch syrischen. Davon profitieren alle Seiten: Der Mangel an Fachkräften wird gemindert, es wird weniger Wasser durch marode Leitungen verschwendet und Menschen bekommen Arbeit und Perspektive.

Immer mehr Menschen kommen auch in Europa an, jeden Tag hören wir seit Monaten von den gefährliche Fluchtrouten und überforderten Transitländern.

Das BMZ unterstützt Gemeinden in Serbien und Mazedonien dabei, diese Herausforderungen zu bewältigen und dabei auch Strukturen zu schaffen, die über die reine humanitäre Hilfe hinausgehen. Notunterkünfte für Flüchtlinge werden errichtet oder vorhandene winterfest gemacht. Die GIZ hat den Auftrag erhalten, mobile Dienste an den Grenzübertrittsorten in Serbien und Mazedonien flexibel einzusetzen. Zu diesen Teams gehören zum Beispiel Krankenschwestern und Rechtsberater. Sie beraten und versorgen täglich rund 200 Menschen, auch mit Regenkleidung oder Hygiene-Kits.


Was wird gegen diese Fluchtursachen unternommen?

Sehr viel und doch viel zu wenig. Auch die GIZ ist im Auftrag der Bundesregierung aktiv, um die Lebensgrundlagen in den Herkunftsländern zu verbessern. Die GIZ unterstützt zum Beispiel im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) dabei, in Äthiopien, Kenia, Indien und weiteren Ländern die landwirtschaftliche Produktivität zu erhöhen und so die Ernährungsgrundlage zu verbessern.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und des Australischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und Handel konnten wir in Vietnam 40.000 Menschen besser vor Hochwasser schützen. Salzwasser-resistente Reissorten wurden eingeführt, die Lebensgrundlage von 8500 armen Haushalten, die von der Landwirtschaft leben, wieder hergestellt. Das alles ermöglicht Menschen, zu bleiben. Für Zukunftsperspektiven im eigenen Land sind Arbeit und Einkommen zentrale Faktoren, auch innerhalb Europas. Vielen Menschen aus dem westlichen Balkan mangelt es in ihren Herkunftsländern unter anderem an Einkommensperspektiven. Deshalb unterstützt die GIZ zum Beispiel im Auftrag des BMZ in Serbien beim Aufbau eines dualen Berufsbildungssystems. Das sind strukturelle Veränderungen, die langfristig die Situation auf dem Arbeitsmarkt verbessern sollen. Der erste Jahrgang mit 380 Schülerinnen und Schülern ist gestartet und in Serbien kann man sich vorstellen, dass sie dann auch eine Anstellung finden. Wie gesagt, immer noch viel zu wenig, aber ein Beitrag, den wir ausweiten könnten. Im Kosovo gibt es viele junge Menschen, viel zu wenig Arbeit und geringe Chancen auf ein auskömmliches Einkommen.

Ebenfalls im Auftrag des BMZ betreibt die GIZ in Pristina ein Informationsbüro, um Optionen im Kosovo, aber auch legale Wege in die Bundesrepublik aufzuzeigen. Dazu arbeiten wir eng mit dem Arbeitsministerium zusammen, unterstützten kleine und mittelständische Unternehmen auf dem Land und verbessern die Qualität der Ausbildung. Ziel ist, die Wirtschaft zu beleben und Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn Menschen sehen, dass sich in ihrem Land etwas zum Besseren verändert und sie eine Zukunftsperspektive haben, machen sie sich sehr viel seltener auf den Weg.

Das ist ein ganz kleiner Ausschnitt zahlreicher Ansätze, die Wirkungen erzielen. Aber man darf sich mit Blick auf die Bekämpfung von Fluchtursachen auch nichts vormachen: Wenn zum Beispiel offene bewaffnete Konflikte herrschen oder korrupte illegitime Regierungen an der Macht sind, sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt.

Was brauchen Menschen, die in einem Flüchtlingslager unterkommen?

Ob sie in einem Flüchtlingslager oder außerhalb leben – ganz praktisch brauchen sie Unterkünfte mit ausreichender Infrastruktur, in denen sie sauberes Wasser und eine Grundversorgung erhalten. Es müssen ordentliche Sanitäranlagen vorhanden sein die – wie die Unterkünfte selbst – auch winterfest sind. Dazu trägt die GIZ beispielsweise im Nordirak, in der Ukraine und in Kenia im Auftrag des BMZ bei. Ganz wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass die Menschen in und um Lager herum tatsächlich Schutz finden. Zum Beispiel achten wir darauf, dass die Einrichtungen so gestaltet sind, dass Wege für Frauen sicher sind und sie Rückzugsräume haben. Wichtig ist auch psychosoziale Betreuung, ein Angebot für Grundbildung und berufliche Bildung, ansonsten werden die Kinder und Jugendlichen den Weg in eine geordnete Gesellschaft nicht mehr finden. Sollte es in Syrien und Irak einmal Frieden geben, dann geht es darum, Flüchtlinge – aber auch Binnenvertriebene und Menschen, die in ihr Heimatland zurückkehren können – bei der Integration zu unterstützen und Perspektiven zur Selbstversorgung zu eröffnen. Bei all dem arbeiten wir sehr eng mit dem UN-System, internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen zusammen.

Wenn Menschen sehen, dass sich in ihrem Land etwas zum Besseren verändert und sie eine Zukunftsperspektive haben, machen sie sich sehr viel seltener auf den Weg.

Werden Flüchtlinge dazu beitragen, den Fachkräftemangel in Deutschland zu verringern?

Mit der Stadt Hamburg werden wir einen praktischen Nachweis führen, dass das gelingen kann. Aufbauend auf das schon laufende Europäischer-Sozial-Fonds-Projekt „Make it in Hamburg!“, das ausländischen Fachkräften bei der Integration in den deutschen Arbeitsmarkt hilft, gehören nun auch Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive zur Zielgruppe. In einem ersten Schritt wird herausgefunden, welche berufliche Qualifikation jemand mitbringt. Die GIZ ist mit „Make it in Hamburg!“ Teil eines 20-köpfigen Teams aus Arbeitsagentur, Jobcenter und weiteren Trägern aus dem Bereich der Flüchtlingsarbeit. Ein gutes Beispiel dafür, dass wir alle nur im Team bei der langfristigen Integration der Flüchtlinge in Deutschland erfolgreich sein werden. Wir wissen bisher ja kaum, welche Qualifikationen die Flüchtlinge der verschiedenen Herkunftsländer tatsächlich haben. Und, es ist trivial aber eine sehr große Herausforderung: Die deutschen Sprachkenntnisse sind eine universelle Voraussetzung für die Integration, besonders die Integration in den Arbeitsmarkt.

Davon unabhängig gibt es Programme zum Anwerben qualifizierter Fachkräfte, zum Beispiel Pflegekräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina oder Vietnam. Meine Meinung ist, dass Flüchtlinge sicher einen Beitrag leisten können, aber ich glaube trotzdem, dass wir weiterhin gezielt Fachkräfte mit guten Vorkenntnissen anwerben müssen.

Die Fragen stellte Sandra Voglreiter.
Ein sicherer Ort für Flüchtlinge