Grüne Moscheen für die Energiewende

„Eine zu 100 Prozent marokkanische Initiative“

Jan-Christoph Kuntze leitet das Projekt „Grüne Moscheen“ in Marokko.

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Herr Kuntze, worum geht es genau bei den „Grünen Moscheen“?

2014 haben vier staatliche Institutionen in Marokko das Programm „Grüne Moscheen“ gestartet: Das Energieministerium, das Religionsministerium, die marokkanische Agentur für Energieeffizienz (AMEE) und die staatliche Investitionsagentur für Energieprojekte (SIE). Es handelt sich also um eine zu 100 Prozent marokkanische Initiative. Die vier Partner haben sich vorgenommen, die Moscheen im Land energieeffizient und nachhaltig auszustatten. Dazu gehören zum Beispiel Solaranlagen, nachhaltige Beleuchtung wie LED-Lampen oder Photovoltaik-Systeme. Das Projekt soll dazu beitragen, bis 2030 mehr als 50 Prozent des Energiebedarfs in Marokko mit erneuerbaren Energien zu decken. Zusätzlich sollen Arbeitsplätze geschaffen und die marokkanische Bevölkerung vom Nutzen erneuerbarer Energien und energieeffizienter Technik überzeugt werden.

Gab es denn nicht schon vorher Bemühungen, erneuerbare Energien zu fördern?

Doch, die gab es. Aber das Innovative am Programm „Grüne Moscheen“ ist, dass es auf religiöse Gelehrte als Multiplikatoren setzt – sie erreichen einen Großteil der marokkanischen Bevölkerung. Außerdem wurde ein neuer Dienstleistungsansatz zur energetischen Modernisierung öffentlicher Gebäude entwickelt, der Arbeitsplätze schafft.

Wie wird die energetische Sanierung der Moscheen denn finanziert?

Über sogenannte Energiesparverträge. Die Idee ist, dass die beauftragten Dienstleister die anfallenden Investitionskosten für die Installation der Technologien selbst tragen. Anschließend werden sie über die tatsächlich erzielten Energieeinsparungen entlohnt. Potenzielle Kunden müssen also nicht selbst für die Sanierungskosten aufkommen – das verbessert die Marktchancen für die Energieunternehmen.

Wie kam es zu der Idee, die Moscheen ins Zentrum der Energiewende zu rücken?

Das hat einen ganz pragmatischen Hintergrund: Religion spielt eine große Rolle in der marokkanischen Gesellschaft. Es gibt 51.000 Moscheen im Land. Sie sind ein Ort, der für viele Marokkaner in ihrem Alltag sehr wichtig ist. Und so hat das Wort der Imame auch einen großen Einfluss – bei den Freitagspredigten hören beispielsweise viele Menschen zu.

Die Imame können also dabei helfen, Wissen zu bestimmten Themen in der Bevölkerung zu verbreiten?

Genau. Wir bilden sie im Rahmen des Projekts fort, unser Angebot stößt auf großes Interesse. In den Workshops diskutieren die Imame leidenschaftlich über erneuerbare Energien, Energiesparen und Umweltschutz. Diese Begeisterung überträgt sich auf die Gläubigen. Wir hoffen, dass die bereits geschulten Imame nächstes Jahr genügend Erfahrung haben werden, um selbst Fortbildungen übernehmen zu können.

Gibt es außer den Imamen noch andere potenzielle Multiplikatoren?

Neben Imamen werden durch das Programm auch Mourchidas fortgebildet, das sind weibliche Religionsgelehrte. Sie leiten in den Gemeinden Alphabetisierungskurse und sind Ansprechpartnerinnen für Fragen zu alltäglichen Religionspraktiken. Mehr als ein Viertel der Teilnehmer an unseren Workshops sind Mourchidas. Ihre Mitwirkung wird vom Religionsministerium gezielt gefördert, da sie vor allem mit Frauen in Kontakt stehen.