Sicherheit, Wiederaufbau, Frieden

Nordirak: Ein Leben nach der Flucht

Die autonome Region Kurdistan hat eine Million Binnenvertriebene und 250.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Sie benötigen vielfältige Unterstützung.

Eine Million Binnenvertriebene und etwa 250.000 syrische Flüchtlinge hat die autonome Region Kurdistan seit dem Vormarsch des sogenannten Islamischen Staates und der Syrienkrise aufgenommen. Neue Schulen, Krankenstationen, Einkommensmöglichkeiten, Beratungs-, Schulungs- und Freizeitangebote sowie ein neues Wasserversorgungssystem erleichtern ihnen den Start in ihrem neuen Lebensumfeld.

Seit dem Ausbruch der Syrienkrise im Jahr 2011 und dem Vormarsch des sogenannten Islamischen Staates (IS) haben rund eine Million Binnenvertriebene und etwa 250.000 syrische Flüchtlinge in der autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak Schutz gesucht. Für die Region, die sonst sechs Millionen Einwohner hat, eine große Herausforderung: Die Mehrheit der Neuankömmlinge lebt in normalen Gemeinden, oftmals bei Verwandten oder Freunden. Lediglich 40 Prozent der Geflüchteten sind in Camps untergebracht.

Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH seit 2014 die kurdische Regionalregierung dabei, die Flüchtlinge und Binnenvertriebenen im Nordirak zu versorgen. Dazu gehört zum einen, die Lebenssituation der Geflüchteten unmittelbar zu verbessern. Zum anderen müssen Bildungsangebote sowie die Gesundheits- und Trinkwasserversorgung ausgebaut werden.

Eine der wichtigsten Aufgaben ist, den vielen betroffenen Kindern weiterhin den Schulbesuch zu ermöglichen. Die bestehenden Schulgebäude reichten für die zusätzlichen Schüler nicht aus, 23 neue Schulen hat die GIZ seit 2015 in den Camps sowie in den Städten Dohuk und Zakho gebaut. Zwei davon entstanden in Zusammenarbeit mit UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Weitere zwei befinden sich noch im Bau. Vom Schulneubau profitieren derzeit mehr als 20.000 Kinder und Jugendliche. Doch nicht nur die Gebäude kamen an ihre Grenzen: In einer einzelnen Klasse sind nicht selten bis zu 60 Kinder. 3.000 Lehrer werden bis Ende 2018 an methodisch-didaktischen Fortbildungen teilnehmen, um so große Klassen erfolgreich unterrichten zu können.

Schülerin mit arabischem Comicheft in der Hand

Hilfe für den Übergang: Beratung, Gesundheitszentren und Jobs

Die Menschen sind aber auch auf Rechtsberatung, Fortbildungen und Freizeitangebote angewiesen. All dies wird in 14 Gemeindezentren geleistet, die im Jahr 2015 von der GIZ errichtet wurden. Aktuell betreibt das Bundesunternehmen zusammen mit einem kurdischen Partner sechs dieser Zentren. Da viele der Flüchtlinge stark traumatisiert sind, benötigen sie psychosoziale Betreuung. Deshalb erhalten mehr als 200 Sozialarbeiter eine dreimonatige Ausbildung zu psychologischer Beratung, 1.350 Personen werden in psychologischer Ersthilfe geschult. Die verschiedenen Angebote der sechs Zentren werden nachgefragt – mehr als 140.000 Teilnahmen sind bereits zu verzeichnen.

Auch die körperliche Gesundheit steht im Fokus der Arbeit vor Ort: In den Camps wurden sechs Gesundheitszentren errichtet und ausgestattet – eines davon mit einer Geburtenstation. Vier der Zentren werden von kurdischen und internationalen Partnern der GIZ betreut. Sie bieten den Bewohnern der Camps und der umliegenden Gemeinden unentgeltlich eine medizinische Grundversorgung. Allein rund 80.000 Binnenflüchtlinge profitieren davon.

Bauarbeiten, kulturelle und soziale Aktivitäten benötigen viele helfende Hände. Gleichzeitig ist ein eigenes Einkommen und Beschäftigung einer der dringendsten Wünsche der geflüchteten Menschen. Eine schnelle und unmittelbare Hilfe bietet das sogenannte „Cash for Work“-Programm: Zwischen April 2016 und April 2017 konnten mehr als 30.000 Menschen bei Bauprojekten und sozialen Aktivitäten mitarbeiten und ein temporäres Einkommen von rund 20 Euro am Tag verdienen. So auch die 47-jährige alleinerziehende Jesidin Nada Yussuf Kada: Sie hat zusammen mit anderen Bewohnern des Camps unter Anleitung der GIZ eine Freizeitanlage gebaut und damit eine Million irakische Dinar, rund 800 Euro, erarbeitet. „Als erstes habe ich einen Wasserfilter gekauft, denn die Wasserqualität ist nicht sehr gut. Dann habe ich einen Kleiderschrank und einen Fernseher angeschafft. Wir werden sicher noch eine lange Zeit im Camp bleiben müssen. Ich finde es wichtig, das eigene Heim so schön wie möglich zu gestalten.“

 

Stand: Mai 2017