Wirtschaft und Beschäftigung

Von Streitschlichtern und Bäckerinnen: Fortschritte in Afghanistan

Im Norden des Landes finden mehr Menschen Arbeit und können auf ihre Rechte bauen.

Von Streitschlichtern und Bäckerinnen: Fortschritte in Afghanistan

Im Norden Afghanistans finden mehr Menschen Arbeit: Mit Weiterbildungen für Unternehmer und Infrastruktur für Kleinbauern wird die wirtschaftliche Entwicklung gestärkt. Streitschlichter und Anlaufstellen für Frauen erleichtern es den Einwohnerinnen und Einwohnern, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen und stärken das Vertrauen in die Justiz. 

Eigenes Geld verdienen und damit ein Studium finanzieren: Für Nasiba ist das jetzt möglich geworden. Die 24-jährige ist leitende Ausbilderin in einem Bäckerei-Schulungszentrum in Mazar-i-Sharif im Nordosten Afghanistans. „Damit kann ich einen großen Teil meiner Ausgaben finanzieren und habe gleichzeitig einen Job, der mir richtig viel Spaß macht“, sagt Nasiba. 

Nasiba hatte zuvor zu Hause Brot gebacken und von dort aus in der Nachbarschaft und an kleine Läden verkauft. In einem von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH unterstützten Schulungszentrum konnte sie ihre Backtechnik verbessern, sich in Betriebswirtschaft und Vermarktung weiterbilden. Schnell zeigte sich, dass sie auch anderen Teilnehmern viel beibringen konnte, so dass sie zur Ausbilderin aufstieg. 

Das Backen ist insbesondere im Norden von Afghanistan ein traditionelles und beliebtes Handwerk. An vielen Orten sind in den letzten Jahren neue, professionelle Bäckerei-Unternehmen entstanden. Sogenannte Bäckergruppen bieten gerade Frauen die Chance, Berufstätigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verbinden. 

Den Frauen und Männern, die in Mazar-i-Sharif ausgebildet werden, eröffnen sich Perspektiven, die vielen Menschen in Afghanistan bislang fehlen. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt – das Pro-Kopf-Einkommen liegt noch unter dem Mittelwert der am wenigsten entwickelten Länder. Sechs von zehn Einwohnern können nicht lesen und schreiben. Die fragile, teils prekäre Sicherheitslage hemmt auch den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung. 
 

Mehr Jobs und Einkommen in der Lebensmittel-Produktion

Im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) arbeitet die GIZ im Norden des Landes daran, Wirtschaft und Beschäftigung zu fördern. Im Bereich der Unterstützung von Rückkehrern und Binnenvertriebenen kooperiert die GIZ mit Nichtregierungsorganisationen wie Caritas International und Hand in Hand International. Und die GFA Consulting erbringt für die GIZ einen wichtigen Beitrag bei der Förderung von Wertschöpfungsketten.

Das Programm für Wirtschaft und Beschäftigung verfolgt einen umfassenden Ansatz: Ziel ist es, die Wertschöpfung für landwirtschaftliche Produkte wie etwa Weizen, Milch, Geflügel und Gemüse zu verbessern. Die Vermarktung und den Absatz der verarbeiteten Produkte zu erhöhen ist einer der Schwerpunkte. Das kann bedeuten, neue Infrastruktur zu installieren, zum Beispiel Wasserspeicher. Oder auch die Qualität der Produkte zu steigern, wie in Nasibas Schulungszentrum. 

Und das Programm wirkt: Rund 13.000 ständige sowie saisonale Arbeitsplätze sind seit 2015 gefördert worden. 19.000 Unternehmen und Kleinbauern haben von Trainingsmaßnahmen profitiert. Dabei werden insbesondere die Kenntnisse und Fähigkeiten von Frauen verbessert. Die neuen Fertigkeiten führen dazu, dass Ertrag und Einkommen steigen. 

Mehr juristischer Beistand für alle Bürger – besonders für Frauen

Nicht nur Wirtschaft und Entwicklung, sondern auch Rechtsstaatlichkeit ist Thema der Zusammenarbeit in Afghanistan. Schwache Institutionen und das Nebeneinander von traditionellem, staatlichem und islamischem Recht führen dazu, dass viele Bürger im Streitfall auf informelle Strukturen zurückgreifen. 

Im Auftrag des BMZ unterstützt die GIZ die afghanische Regierung bei der Reform des Rechtswesens. Das Ziel: mehr rechtstaatliche Strukturen für alle Bürgerinnen und Bürger zu schaffen. Ein Mittel dazu sind Schlichtungs-Stellen, sogenannte Huquq-Büros, die von der Bevölkerung anerkannt werden. Das afghanische Justizministerium hat sie auch in den sechs Nordprovinzen eingerichtet. Sie vermitteln bei Streit zwischen Bürgern, zum Beispiel über Grund und Lohn oder in Familienangelegenheiten Im ländlichen Raum werden auch immer wieder Auseinandersetzungen über Weiderechte, Viehverkäufe und Grundstücksstreitigkeiten vorgebracht.

Die GIZ begleitet in den Huquq-Büros die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum geltenden Recht und unterstützt dabei, Lehrmaterial zu erstellen. Die Schlichter werden befähigt und sensibilisiert, bei Entscheidungen auch die Rechte der Frauen zu beachten. Häufig geht es um Unterhalt, Scheidung oder vorenthaltene Mitgift. 

Zudem unterstützt die GIZ das afghanische Familienministerium dabei, spezielle Anlaufstellen für Frauen zu schaffen. Rund 100 solcher Anlaufstellen sind seit 2015 in den Nordprovinzen entstanden. Vor allem in ländlichen Regionen schaffen sie Zugang zum Recht, der bislang fehlte. Ehrenamtlich tätige Bürgerinnen bieten Frauen eine erste Beratung, etwa bei häuslicher Gewalt. Sakina Nejrabi aus dem Distrikt Nahr-e-Shahi ist eine von ihnen. Sie hat an einem Training mit Unterstützung der GIZ teilgenommen. „Frauen kannten ihre Rechte nicht“, sagt sie über die Situation in Nahr-e-Shahi. „Doch durch unseren Einsatz hat sich ihre Ansicht geändert“. Nejrabi ermutigt sie darin, sich an Gerichte und andere Stellen zu wenden. Auch im Alltag in der Familie und der Gemeinschaft fordern nun mehr Frauen ihre Rechte ein, berichtet sie.
 


Stand: Oktober 2018