Wirtschaft und Beschäftigung

Ausbildung und Beschäftigung für Flüchtlinge und Einheimische

In der Türkei bieten Arbeits- und Ausbildungsangebote direkte Einkommensmöglichkeiten und bessere Chancen am Arbeitsmarkt.

Ausbildung und Beschäftigung für Flüchtlinge und Einheimische

Flüchtlinge aus Syrien und Menschen in den Aufnahmeregionen der Türkei leben unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Neben Kurzzeitjobs können sie Sprachkurse belegen, Berufskenntnisse erwerben und diese in Betrieben praktisch anwenden. Dabei erhalten sie direkt einen Lohn und verbessern ihre Perspektiven für eine stabile Beschäftigung.

Ibrahim Mohamed Almohamed blickt wieder mit mehr Hoffnung in die Zukunft. Mit seiner sechsköpfigen Familie lebt der 24-jährige Syrer in der Türkei. In Homs hatte er bis 2016 als Lehrer gearbeitet. In der Türkei schlug er sich anfangs mit Gelegenheitsjobs durch, schuftete 12 Stunden am Tag. In Gaziantep absolvierte Ibrahim Mohamed Almohamed einen Türkischkurs und eine Fortbildung zum Anlagenführer. Nun steuert er Anlagen und Maschinen in einer Garnfabrik, die Materialien für die Textilherstellung produziert. „Ich bin jetzt legal angestellt und krankenversichert und habe mehr Zeit für meine Familie“, sagt er Für die Zukunft hofft er, die türkische Staatsbürgerschaft zu erlangen und eines Tages wieder als Lehrer zu arbeiten. 

Mit seinem Schicksal steht er nicht alleine da: rund vier Millionen Menschen haben seit Beginn des Krieges in Syrien Zuflucht in der Türkei gefunden. Das sind mehr als in jedem anderen Land. Flüchtlinge und Bewohner*innen der Aufnahmegemeinden stehen vor großen Herausforderungen. Städte und Gemeinden sind mit dem Andrang überlastet. Den Menschen – Flüchtlingen wie der lokalen Bevölkerung – fehlen oft legale Einkommensmöglichkeiten. Dennoch haben die Unternehmen in Gaziantep und anderen Regionen Schwierigkeiten, qualifizierte Fachkräfte mit bestimmten Fähigkeiten zu finden.
 

Im Auftrag der deutschen Bundesregierung unterstützt die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH türkische Behörden und lokale Partnerorganisationen dabei, die finanziellen Perspektiven für Flüchtlinge und bedürftige Einheimische zu verbessern. Sie arbeiten in befristeten Bauprojekten oder kulturellen und sozialen Einrichtungen und werden für ihre Tätigkeit direkt entlohnt („Cash for Work“). So erfüllen die Angebote zwei dringende Wünsche für die Menschen auf der Flucht und die lokale Bevölkerung: sie können einer Arbeit nachgehen und ein eigenes Einkommen verdienen. Auch für Selbstständige gibt es Unterstützung, etwa bei bürokratischen oder rechtlichen Hürden, damit sie sich auf dem regulären Arbeitsmarkt etablieren können. So wurden zwischen 2016 und 2018 553 Unternehmen von Syrerinnen und Syrern registriert, die vormals inoffiziell tätig waren.

Ein Pilotprojekt mit der Industriekammer in Gaziantep hat einen zusätzlichen Ansatz. An diesem Programm, das Trainings und Berufspraxis kombiniert, nahm auch Ibrahim Mohamed Almohamed teil. Im ersten Schritt besuchen die Kandidatinnen und Kandidaten berufsvorbereitende Kurse, etwa im Tür- und Fensterbau, im Malerhandwerk oder in der Metallbearbeitung. Anschließend können sie ihr neues Wissen in mittelständischen Betrieben direkt anwenden und lernen dort die Praxis kennen. Sie erhalten dafür den gesetzlichen Mindestlohn. Er wird je zur Hälfte von den beteiligten Organisationen und Unternehmen aufgebracht. Ergänzend besuchen syrische Absolventen türkische Sprachkurse, durch die sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt langfristig verbessern können. 
 

Auch türkische Fachkräfte bringen sich in „Cash for Work“-Projekte ein. So wie die Jura-Studentin Meryem Özge Karabağ: In einer gemeinsamen Initiative der GIZ und der Nichtregierungsorganisation „International Blue Crescent“ berät sie in Sultanbeyli, einem Stadtteil Istanbuls, syrische Flüchtlinge kostenlos zu rechtlichen Anliegen. „Mithilfe dieses Projekts habe ich erste Arbeitserfahrungen sammeln können. „Obwohl es nur ein kurzfristiger Job ist, nehme ich sehr viel mit“, sagt die 25-jährige Bachelor-Absolventin. Auch in Gaziantep profitieren neben den Menschen auf der Flucht auch die ansässigen Bürger*innen vom Programm. Dort kamen 60 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Syrien, 40 Prozent aus der Türkei. 

Insgesamt haben seit 2016 rund 25.000 Menschen an Jobinitiativen in der Türkei teilgenommen, mehr als die Hälfte davon Frauen. So können sie die finanzielle Lage ihrer Haushalte stabilisieren: acht von zehn Absolventen bestätigten, dass sie mit dem Einkommen aus den Projekten für ihre Familien sorgen können.

Neben mehr Einkommen und neuen berufliche Perspektiven wirken sich die Programme positiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Aufnahmeregionen aus: 70 Prozent der Beteiligten erklärten, dass sie durch das Projekt ihren Bekanntenkreis erweitert haben.

Stand: März 2019