"Alles Nötige für die Wahlbeobachter"

Wenn Politik ganz nahe kommt

Ohne die aktive Teilhabe von mündigen Bürgern kann keine Demokratie wachsen und keine nachhaltige Entwicklung entstehen.

Die Wucht der Ereignisse hat viele überrascht. Auch Ines Abid. Am Ende dauerte es nur vier Wochen – einen Monat –, um Ben Ali außer Landes zu treiben: Nach Jahrzehnten unter diesem Diktator und seinem Vorgänger Habib Bourguiba begehrten die Tunesier auf gegen Willkürherrschaft, Unfreiheit und Perspektivlosigkeit. Sie demonstrierten so lange und so intensiv, bis sich Ben Ali nicht anders zu helfen wusste, als die Flucht zu ergreifen. Auch die Medizinstudentin Ines Abid reihte sich ein, ging auf die Straße und bekundete ihren Widerstand gegen den starken Mann im Staat – damals in diesen aufregenden Dezembertagen des Jahres 2010. Als das Ziel am 14. Januar erreicht war, schneller als erwartet, kehrte sie aber nicht zurück in den Hörsaal und die alte Routine, sondern machte weiter. Die neuen Freiheiten und Beteiligungsmöglichkeiten gefielen der heute 22-Jährigen. „Wir haben riesiges Glück, dass wir diesen historischen Moment erleben dürfen. Wie könnte man das alles an sich vorbeiziehen lassen, ohne selbst aktiv teilzunehmen?", sagt sie im Rückblick.

Nur einen Tag später traf sich Ines mit einer Gruppe von Studenten in Tunis und gründete die „Jungen Unabhängigen Demokraten" (Jeunes Independants Democrates - JID) als Ausdruck eines neuen Lebensgefühls, aber auch als Form der politischen Teilhabe. Denn ein freies Meinungsklima hatte es bis dahin nicht gegeben, auch keine unabhängige Presse, keine Nichtregierungsorganisationen, die den Namen wirklich verdient hätten, und keine politischen Organisationen jenseits der von oben zugelassenen. Es fehlten der offene Austausch und das konstruktive Miteinander. Beides aber brauchen moderne Staaten, um sich zu organisieren, Herausforderungen zu meistern und Entscheidungen zum Wohle der Bevölkerung herbeizuführen. Nun plötzlich gab es Raum dafür – und den wollten Ines und ihre Kommilitonen nutzen. „Dafür opferte ich gern einige Monate meiner Zeit."

Der Demokratie den Weg bereiten

JID ist keine Partei, auch wenn das Kürzel dies vermuten lässt, sondern eine politisch unabhängige zivilgesellschaftliche Organisation. Nicht der Einzug in die verfassunggebende Versammlung war ihr Ziel, sondern „der Demokratie den Weg zu bereiten und sie zu festigen". Dafür, so dachten sich die Studenten, brauchen die Menschen im Land vor allem eines: gute Informationen - über die aktuellen politischen Ereignisse, aber auch über die neuen Parteien, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Also begannen die jungen Demokraten, mit Handy und Laptop ausgestattet, Informationen zu sammeln, ohne sich selbst parteipolitisch zu binden. Sie befragten Parteien nach ihren Zielen und Positionen und fügten alles im Internet zusammen. „Müssen Staat und Religion getrennt sein?", lautete eine der Fragen. „Brauchen wir ein starkes Parlament oder einen starken Präsidenten - oder beides?" eine andere. Aus dieser Sammlung von Fragen und Antworten entwickelten sie, begleitet von einem politischen Expertengremium, ein interaktives Computerprogramm - nach deutschem Vorbild und mit deutscher Unterstützung. Als „Wahlomat" ist dieser Service hierzulande bekannt, der einem in kurzer Zeit zeigt, welche Partei am besten zu den eigenen Überzeugungen passt. In Tunesien heißt er „ikhtiartounes.org", was so viel wie „tunesische Wahl" bedeutet. Die GIZ hat im Auftrag des BMZ dabei geholfen, das Computerprogramm zu entwickeln und die Abläufe zu organisieren. „Das war ein spannender Prozess", berichtet Marion Geiss aus dem GIZ-Büro Tunis, „auf den wir inhaltlich aber keinen Einfluss genommen haben." Vielmehr kämpften Ines und ihre Mitstreiter sich selbstständig durch das Durcheinander an neuen Parteien und unvollständigen Programmen; nicht selten lösten sie mit ihren Erkundigungen heiße Diskussionen innerhalb der befragten Gruppen selbst aus: Sind wir wirklich dafür, dass die Regionen mehr Mitspracherecht erhalten? Wollen wir Frauen tatsächlich ganz genauso im öffentlichen Leben sehen wie Männer?

Inzwischen hat Tunesien gewählt und die Zusammensetzung einer verfassunggebenden Versammlung bestimmt. Fast 90 Prozent der Tunesier haben daran teilgenommen. Nicht allen gefällt das Ergebnis, aber dass die Wahlen stattgefunden haben und demokratisch abgehalten wurden, daran haben auch die Studentinnen und Studenten um Ines Abid ihren Anteil: Mit „ikhtiartounes.org" haben sie vielen Tausend Tunesiern wertvolle Informationen geliefert - und Orientierung gegeben für die ersten freien Wahlen seit der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich im Jahr 1956. Das Computerprogramm hat die GIZ inzwischen an die JID übergeben – für den nächsten Urnengang zum nationalen Parlament, der bis Ende 2012 folgen soll. Dann wollen Ines und ihre Mitstreiter wieder aktiv werden.

Auch wenn sich die Ereignisse in Tunesien und seinen Nachbarländern gerade überschlagen, vor allem die junge Generation verantwortungsvolle Regierungen und politische Teilhabe einfordert, sind Entwicklungen in Richtung Demokratie - mehr oder weniger stark - in allen Weltgegenden im Gange. Allein in den letzten zwanzig Jahren haben die Vereinten Nationen (UN) in über 100 Ländern Wahlhilfe geleistet. Diese „wachsende Nachfrage", mit der sich die Weltorganisation letzthin konfrontiert sah, spricht eine eindeutige Sprache: Wahlen gehören heute zum politischen Alltag wie Facebook zum Internet. Ob sie immer fair und frei sind, mag dahingestellt bleiben, auch wenn sich der Wahlakt mit modernen Kommunikationsmitteln besser als früher beurteilen und einstufen lässt. Aber immerhin glauben selbst zweifelhafte Potentaten inzwischen, auf einen Urnengang zur vordergründigen Bestätigung ihrer Macht nicht verzichten zu können. Umso wichtiger ist es, dass Wahlen mehr sind als eine reine Stimmabgabe, dass sie Anlass geben für lebhafte Debatten um Lösungen und Positionen, an denen sich nicht nur die etablierte politische Klasse beteiligt.

Wie in Sambia zum Beispiel. Ziemlich unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, aber kaum weniger spektakulär als in Tunesien haben sich auch dort vor kurzem die Machtverhältnisse verändert: Zum zweiten Mal nach seiner Unabhängigkeit 1964 fand in dem südafrikanischen Land ein friedlicher Machtwechsel nach dem Sieg einer Oppositionspartei statt. Nach drei erfolglosen Anläufen schaffie Michael Sata von der „Patriotischen Front" dieses Mal den Sprung ins höchste Staatsamt. Zuletzt war er bei der Wahl 2008 gegen Rupiah Banda angetreten, seinem Widersacher dann aber knapp unterlegen. Sata sprach damals von Wahlbetrug, akzeptierte aber schließlich die Niederlage. Ob er recht hatte, blieb letztlich unklar. Solche Unsicherheiten sollten sich nicht wiederholen, fanden nicht nur internationale Beobachter und Geber, sondern auch die sambische Zivilgesellschaft. Beim nächsten Mal, so der Vorsatz, sollte der Zweifel keine Chance mehr erhalten und mehr Wähler zur Urne gehen als 2008. Damals lag die Wahlbeteiligung auf einem Rekordtief von 45 Prozent.

Übung macht den Meister

So rüsteten sich vor allem die Nichtregierungsorganisationen im Land. Nachwahlen in Sambia, sogenannte „bi-elections", nahmen sie zum Anlass, ganz genau hinzuschauen. Solche Nachwahlen werden nach sambischem Recht immer dann nötig, wenn ein Abgeordneter des nationalen Parlaments stirbt oder seine Partei verlässt. Anders als in Deutschland, wo automatisch Nachrücker zum Zug kommen, finden auf diese Weise ein paarmal im Jahr „Miniwahlen" in verschiedenen Wahlkreisen Sambias statt - ein perfektes „Übungsfeld" für den nationalen Urnengang, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. Denn dort konnten zivilgesellschaftliche Organisationen konzentriert arbeiten und „lernen", worauf es ankommt: Wie informiert man die Bevölkerung am besten über die unterschiedlichen Positionen der Kandidaten, den Nutzen, den Wert und den Ablauf von Wahlen? Wie organisiert man sich, um sich am Wahltag ein möglichst gutes Bild von den Vorgängen machen zu können? All das im Kleinen „durchzuspielen", half später bei der „großen Wahl". Im Auftrag des BMZ führt die GIZ seit 2005 ein Programm zur Stärkung der Zivilgesellschaft in Sambia durch. In dessen Rahmen hat sie in den vergangenen Jahren zivilgesellschaftliche Organisationen und Netzwerke wie das „Anti-Voter Apathy Project", „Caritas Sambia" oder das „Southern African Centre for Conlict Resolution and Disputes" unterstützt, die politische Aufklärungsarbeit betreiben und Reformprozesse voranzutreiben versuchen. Für die bedeutungsvolleren Wahlen im September 2011, bei denen nicht nur der Staatspräsident, sondern auch gleich das nationale Parlament bestimmt wurden, schloss sich diese Gruppe unter Führung von „Caritas" mit einem halben Dutzend weiterer Organisationen zu einem Netzwerk, der „Civil Society Election Coalition", zusammen – ebenfalls gefördert von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und mitfinanziert von Irish Aid. Gemeinsam, so lautete ihre schlichte Motivation, erreichen wir mehr.

Tatsächlich fand der Urnengang im Herbst unter starker Aufsicht statt: Mehr als 1.500 Wahlbeobachter, darunter auch viele von diesem Netzwerk, überwachten die Geschehnisse am 20. September ganz genau: Kein Wahlkreis blieb unbeobachtet. Der Machtwechsel von Banda zu Sata „ist zweifellos auch ein Verdienst der Zivilgesellschaft", urteilt deshalb GIZ-Programmleiter Jörg Holla. „Ohne ihr Monitoring hätte es womöglich wieder Zweifel und Konflikte gegeben." So aber hat Banda innerhalb von 14 Stunden seine Niederlage eingestanden und die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger übergeben. Und das alles „total friedlich", wie Holla berichtet. Die Wahl selbst ist jedoch nur ein, wenn auch der offensichtlichste Beleg dafür, welche Bedeutung der Zivilgesellschaft in Sambia – und anderswo – zukommt. Auch bei Armutsbekämpfungsprogrammen spielt sie dort eine große Rolle. So haben verschiedene Organisationen zum Beispiel das Netzwerk „Civil Society for Poverty Reduction" gegründet, in dessen Rahmen sie unter anderem regelmäßig bewerten, ob öffentliche Dienstleistungen – wie sauberes Wasser – ausreichend vorhanden sind und tatsächlich bei den Menschen ankommen. Aus ihren Analysen leiten sie Politikempfehlungen ab, die alle sechs Monate an die zuständigen Regierungsstellen und an die Medien gehen. Das schafft die Grundlage für einen konstruktiven Dialog zwischen öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft um den jeweils besten Weg. Überhaupt sind Wahlen ja isolierte Ereignisse. Bedeutsam zwar, weil sie Macht legitimieren und dem Volk, dem „Souverän", Entscheidungsgewalt geben, doch sie allein genügen nicht. „Freie und faire Wahlen sind zentrale Bestandteile von Demokratien", sagt Katrin Schäfer, Fachplanerin für politische Teilhabe in der GIZ. „Aber sie sind kein Garant für demokratische Verhältnisse, sondern nur ein Indikator. Wichtig ist auch, was zwischen den Wahlterminen passiert." Anders gesagt: Der politische Alltag ist ebenso wesentlich – und für das Leben der Menschen mindestens so entscheidend.

Deshalb ist politische Teilhabe ein unverzichtbarer Teil von Good Governance – guter Regierungsführung –, die es von „oben" braucht, um einen Staat zu einem lebenswerten Gemeinwesen zu machen, und einer engagierten Zivilgesellschaft, die das Ganze von „unten" durchschüttelt und dadurch letztlich festigt.

Der Begriff Good Governance gibt leicht zu verstehen, worum es geht: um die Art, wie in einem Staat Entscheidungen getroffen werden, wie Politik formuliert und gestaltet wird. Es geht um den Ausgleich verschiedener Interessen, aber auch um Normen, Institutionen und Verfahren, die nachvollziehbar sind und klaren Regeln folgen. Es geht um Freiheit und Menschenrechte und um verantwortliches Regierungshandeln, das dem Einzelnen ein selbstbestimmtes Leben in Würde ermöglicht. Das Gegenteil davon sind Willkür und Folter, Fremdbestimmung und Elend. Für Good Governance braucht es verschiedene Faktoren, wie umsichtige Politiker, ein intaktes Justizsystem, ein unabhängiges Parlament, freie Medien, aber auch eine aktive Zivilgesellschaft, die am gesellschaftlichen und politischen Geschehen teilnimmt und im besten Sinne des Wortes „mitdenkt". Die sogenannte „zivile Gesellschaft" ist wörtlich genommen zunächst nichts weiter als alles Nichtmilitärische in einem Staat. So platt und wenig präzise diese Beschreibung klingt, eines drückt sie ganz direkt aus: Zivilgesellschaft hat etwas mit dem „normalen" Leben zu tun, mit dem Alltag, mit den üblichen Wünschen und Sorgen von Menschen. Sie ist nichts Außergewöhnliches oder Hochgeschraubtes, Seltenes oder Knappes. Ihrem Charakter entspricht eher das Gebräuchliche, Umfassende, Einbindende und Vermittelnde – Zivile eben. Und verwandt ist sie, wenn überhaupt, mit der „Zivilcourage", mit dem Mut also, sich einzumischen und Dinge beim Namen zu nennen.

Politisch betrachtet, geht der Begriff Zivilgesellschaft zurück auf den italienischen Theoretiker Antonio Gramsci, der darunter die Gesamtheit aller nichtstaatlichen Organisationen fasste, die auf den Alltagsverstand und die öffentliche Meinung Einfluss nehmen. Heute beschreibt er meist jenen Teil einer Gesellschaft, der zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor angesiedelt ist und damit eine wichtige Diskussions- und Kommunikationsfunktion wahrnimmt. Dazu gehört alles Engagement der Bürger, das nicht nach Profit strebt und nicht abhängig ist von Parteiinteressen. Die Tunesierin Ines Abid und ihre Kommilitonen repräsentieren die Zivilgesellschaft geradezu idealtypisch, weil sie weder Geld mit ihrem Einsatz verdienen wollen noch parteipolitisch gebunden sind. Doch ganz so einfach lassen sich die verschiedenen Gruppen nicht immer zuordnen und voneinander abgrenzen. Gelegentlich variiert das Verständnis davon auch von Land zu Land. Vereine, Verbände, Initiativen, soziale Bewegungen, Kirchen und Gewerkschaften gelten gemeinhin als Teile der Zivilgesellschaft, die nötig sind, um Regierungen zu kontrollieren und eine pluralistische Gemeinschaft von engagierten Bürgern zu bilden. Oftmals organisiert sich die Zivilgesellschaft in Nichtregierungsorganisationen; sie sind so etwas wie die Träger von Zivilgesellschaft, bilden diese aber nicht komplett ab.

Die Zivilgesellschaft stößt Entwicklungen an

Jenseits aller Definitionsfragen ist eines sicher: Die Zivilgesellschaft gilt für das Fortkommen eines Landes als unverzichtbar. Dabei hat sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen ungeheuren Aufschwung erlebt; manche meinen auch, sie sei zum Trend und Modebegriff geworden, weil Regierungen die komplexen Probleme der heutigen Zeit nicht mehr allein lösen könnten. Das gilt in der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung genauso wie in der internationalen Politik generell. Ohne Nichtregierungsorganisationen, darüber sind sich alle politischen Beobachter einig, gäbe es heute weder ein Verbot der Landminen noch ein Atomtestverbot, kein Kyoto-Protokoll für den Klimaschutz, keinen Internationalen Strafgerichtshof und – ganz aktuell – keine eigene UN-Organisation für Frauen (UN Women). Immer waren es Nichtregierungsorganisationen, die Einfluss nahmen, Wissen ansammelten und Druck aufbauten, bis das Ziel erreicht war. Und immer waren es offene Politiker und Diplomaten, die den Sachverstand und die Zähigkeit ihrer „Partner" aus der Zivilgesellschaft trotz gewisser Meinungsunterschiede - und gelegentlich auch langatmiger Diskussionen - durchaus zu schätzen wussten. Der frühere deutsche Chefunterhändler und heutige Richter am Internationalen Strafgerichtshof, Hans-Peter Kaul, ist sich sehr sicher, dass der Internationale Strafgerichtshof ohne das Interesse und die Leidenschaft der Zivilgesellschaft heute nicht existieren würde. Allein bei den Vereinten Nationen in New York sind inzwischen mehr als 13.000 solcher Organisationen registriert; wie viele es weltweit gibt, weiß niemand. Aber ihre Zahl steigt. Die UN sprechen jedenfalls von einer „wachsenden globalen Zivilgesellschaft"

Auch in der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung spielen politische Teilhabe und Zivilgesellschaft als ein Ausdruck von guter Regierungsführung eine immer größere Rolle. „Die Zivilgesellschaft einzubinden, ist in allen Vorhaben der GIZ wichtig, nicht nur im Governance-Bereich, sondern in allen Sektoren", sagt zum Beispiel die GIZ-Expertin Katrin Schäfer. „Zivilgesellschaft kann sowohl dazu beitragen, die Akzeptanz für Reformen in einer Gesellschaft zu erhöhen, als auch dazu, die Rechte und Interessen möglichst großer Teile der Bevölkerung bei Entscheidungen zu berücksichtigen." Eine fruchtbare Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft ist deshalb Ziel für und Bedingung von nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit gleichermaßen.

Wie zum Beispiel in Bolivien. Der Andenstaat war bis 1994 eines der zentralisiertesten Länder der Welt. Alle wichtigen politischen Entscheidungen kamen aus La Paz, wirkten jedoch wenig außerhalb der großen Städte. Die ländlichen Gegenden bekamen kaum etwas vom Staat, geschweige denn von öffentlichen Dienstleistungen zu spüren. Ihre Beteiligung beschränkte sich – wenn überhaupt – auf Präsidentschafts- und Kongresswahlen. Auf dem Land aber lebte mit etwa 60 Prozent die Mehrzahl der Bolivianer. Weil der Andenstaat, verkürzt geschildert, von einer Krise in die nächste schlitterte, leitete die Regierung umfassende Reformen ein, um die Bevölkerung besser ins politische Leben einzubeziehen und Entscheidungen damit leichter umzusetzen. Mit dem „Ley de Participacion Popular" aus dem Jahr 1994 änderte sich die politische Landschaft Boliviens grundlegend - ein Veränderungsprozess, der bis heute andauert. Wo vorher 23 Verwaltungsdistrikte (municipios) waren, gibt es nun 337. Und überall tagen Gemeinderäte, Stadträte, werden Bürgermeister und Landräte gewählt.

Bürger kontrollieren die Machthaber

Die wohl bedeutsamste Neuerung aber bestand in der Bürgerbeteiligung, die mit der Dezentralisierung einherging: Plötzlich durfte die Bevölkerung mitsprechen und Entschlüsse beeinflussen, über sogenannte „organizaciones territoriales de base" und „comites de vigilancia" (Überwachungs-Komitees). Zwar ist das „Ley de Participacion Popular" mittlerweile außer Kraft gesetzt und soll durch ein neues Gesetz zu „Bürgerbeteiligung und sozialer Kontrolle" ersetzt werden, die institutionalisierte Mitsprache der Menschen, die „participacion popular", ist aber nicht mehr wegzudenken: In jedem Dorf und Stadtviertel können sich die Bolivianer zu Organisationen zusammenschließen, um von Bürgermeistern und anderen Würdenträgern Einblick, Auskunft und Mitsprache zu verlangen. Mit anderen Worten: Ihr Engagement ist Teil der politischen Kultur des Landes geworden.

Seit vielen Jahren begleitet und unterstützt die GIZ im Autrag des BMZ diese Veränderungen in Bolivien im Rahmen des „Programms zur Unterstützung dezentraler Regierungsführung und Armutsbekämpfung" mit dem Ziel, die Zivilgesellschaft und ihre Möglichkeiten der politischen Teilhabe zu stärken. Nach fast einem Jahrzehnt zieht Julia Iversen von der GIZ in Bolivien ein positives Fazit: „Bei allen Herausforderungen, die die starke Bürgerbeteiligung mit sich bringt, können wir für unser Projektgebiet festhalten, dass die sozialen Unterschiede dort geringer sind, wo Menschen sich tatsächlich am ganzen ,Politikzyklus' – also nicht nur an der Planung, sondern auch an der Umsetzung, Kontrolle und Bewertung von Politik – beteiligen können." Damit bestätigt die GIZ-Beraterin aus ihrer konkreten Projektarbeit in Bolivien, was auch in der internationalen Politik mittlerweile als Konsens gilt: Ohne Good Governance lässt sich ein Land nicht nachhaltig entwickeln. Und ohne lebendige Zivilgesellschaft verkommt Good Governance zur bloßen Rhetorik, zum Gemeinplatz, zur Modefloskel. Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan hat diesen Zusammenhang bereits im Jahr 1998 folgendermaßen beschrieben: „Demokratisierung lässt jeden einzelnen Bürger Anteil an der Gesellschaft nehmen. Ihre Bedeutung kann nicht genug unterstrichen werden, denn dauerhafter Friede und eine nachhaltige Entwicklung lassen sich nur dann verwirklichen, wenn jeder Einzelne das Gefühl hat, die Gesellschaft, in der er lebt, mitgestalten zu können." Die Staatengemeinschaft hat diese Verknüpfung in zahlreichen Dokumenten und Erklärungen in den vergangenen Jahren immer wieder bestätigt, zuletzt beim Millennium+10-Gipfel im Herbst 2010, wo es in der Abschlusserklärung heißt: „Wir erkennen an, dass gute Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit auf nationaler und internationaler Ebene unerlässlich sind, um ein anhaltendes, alle einschließendes und ausgewogenes Wirtschaftswachstum und eine nachhaltige Entwicklung herbeizuführen und Armut und Hunger zu beseitigen."

Entsprechend liegt einer der Arbeitsschwerpunkte der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung auf Demokratisierung, Zivilgesellschaft und politischer Teilhabe. Die Programme variieren je nach Lage und Land, aber sie folgen einer strikten Grundregel: „Politische Teilhabe zu fördern, heißt nicht, das Machtgefüge im Land von außen zu verändern", so Katrin Schäfer. „Wir helfen, die Rahmenbedingungen zu setzen, den Dialog zwischen Staat und Zivilgesellschaft zu begünstigen, und qualifizieren Entscheidungsträger für eine teilhabeorientierte Politikgestaltung." Wie in Ägypten auf dem Tahrir-Platz, dem „Platz der Befreiung". Dort stellt die GIZ im Auftrag des BMZ der jungen Demokratiebewegung eine Anlaufstelle zur Verfügung: Direkt neben dem inzwischen weltweit bekannten Ort im Herzen von Kairo wurde in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und der Deutschen Botschaft eine sogenannte „Tahrir-Lounge" eröffnet. Seit April 2011 können sich Interessierte dort auffhalten, um Vorträgen über das neue Ägypten zuzuhören, an Schulungen und Trainings teilzunehmen oder einfach um sich mit anderen auszutauschen.

„Hier geht wirklich was ab", beschreibt GIZ-Landesdirektor Roland Steurer das große Interesse an der Lounge. „Die Nachfrage ist enorm, das Angebot stimmt." Der Erfolg ist so groß, dass in Monofeya im Nildelta noch ein solcher Treff floriert und in Oberägypten zwei weitere in Vorbereitung sind. Geleitet werden sie in keinem der Fälle von Deutschen, in Kairo organisiert und koordiniert eine junge Ägypterin die Veranstaltungen. Ähnlich wie die Tunesierin Ines Abid hat sie im arabischen Frühling alles stehen und liegen lassen, um „ihrem Land nach der Revolution zu helfen". Gefragt, was sie mit ihrer Arbeit zu erreichen gedenke, antwortete sie vor kurzem, sie wolle politisches Bewusstsein in der ägyptischen Bevölkerung wecken und ihre Landsleute über die Zusammenhänge der Politik informieren. Letztlich aber gehe es um: „Demokratie, Demokratie, Demokratie." Und die zu entwickeln, braucht Engagement und Zeit. 

Autorin: Friederike Bauer, schreibt als freie Autorin über internationale Politik und Zusammenarbeit.
Der Artikel erschien zuerst im GIZ-Magazin akzente, Ausgabe 01/2012.