"Strom für den Senegal"

Anschluss an die Welt

Ein Mikroenergieversorger aus Deutschland, ein senegalesisch-deutsches Entwicklungsprogramm und eine engagierte Dorfgemeinschaft im Senegal bringen Strom in das abgelegene Dorf Sine Moussa Abdou. Für ihr innovatives Betreibermodell gewinnen sie sogar internationale Preise.

Leiterplatten, Kabelrollen, Steuerungen, Regler und Windmessanlagen, wohin das Auge auch blickt. Mitten im Harz, zwischen Kopfsteinpflaster, Schieferhäuschen und Fachwerk, arbeitet auf dem Gelände des Energieforschungszentrums Niedersachsen in Goslar die INENSUS GmbH. In diesen Hallen, dem Herzen des Unternehmens, dreht sich alles um Energie, vor allem Windenergie. Was für Nico Peterschmidt, Holger Peters und Jakob Schmidt-Reindahl nach einer studentischen Arbeit über Windenergieanlagen für Entwicklungsländer zunächst eine vage Idee ist, nimmt für die drei 2005 konkrete Gestalt an: Sie gründen nach Studienabschluss ihre eigene Firma und spezialisieren sich auf Produkte und Dienstleistungen für Kleinwindanlagen. Damit erobern sie sich rasch einen Platz auf dem europäischen Markt.

Strom für den Senegal

Gleichzeitig engagiert sich die Firma von Anfang an auch für Afrika. Die drei Unternehmer arbeiten an sogenannten Inselsystemen, die nicht mit dem öffentlichen Netz verbunden sind, völlig unabhängig arbeiten und so die Energieversorgung auf dem Land gewährleisten. Nur einige Kilowatt sollen die Anlagen erzeugen, gerade genug, um abgelegene Dörfer mit elektrischer Energie zu versorgen. „Uns geht es um die Schnittstelle zwischen der Technik und einem funktionierenden Betreibermodell auf Dorfebene", beschreibt Nico Peterschmidt die Grundidee. 2007 bietet sich INENSUS eine Gelegenheit im Senegal: Während einer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie finanzierten und der GIZ organisierten Wirtschaftsreise knüpfen sie Kontakte zu der senegalesischen Firma Matforce, die ihre Produktpalette von Dieselgeneratoren auf erneuerbare Energien ausweiten will.

2008 gründen INENSUS und Matforce das Gemeinschaftsunternehmen INENSUS West Africa S.A.R.L. Ländliche Elektrifizierung steht auch ganz oben auf der Prioritätenliste des Programms zur Förderung der erneuerbaren Energien und der ländlichen Elektrifizierung, das die GIZ seit 2003 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchführt.

Was liegt also näher, als sich in einer Entwicklungspartnerschaft (PPP) zusammenzuschließen? Gesagt, getan. Die Partner wollen ihr Können zunächst in einem Modelldorf unter Beweis stellen. Es geht mit Windmessungen los; sozioökonomische Studien schließen sich an. Dann fällt die Entscheidung für das Dorf Sine Moussa Abdou im Westen des Senegals. Gerade einmal 900 Menschen leben hier, insgesamt 70 Familien. Licht spenden Kerosinlampen oder Kerzen, ein uralter Diesel treibt die Mühle an, der Schneider seine Nähmaschine mit dem Fußpedal.

Knapp drei Jahre nach Beginn der Partnerschaft geht hier 2010 ein Minikraftwerk ans Netz, das Strom aus Wind, Sonne und bei hohem Bedarf auch aus einem Dieselgenerator erzeugt. INENSUS West Africa ist der Betreiber, das Geschäftsmodell nennt sich Mikroenergiewirtschaft. Damit beginnt in Sine Moussa Abdou ein neues Zeitalter: Der Schneider macht mit seiner elektrischen Maschine sechsmal so viel Umsatz wie zuvor, die Schule schafft sich einen Computer an, einige Frauen wollen einen Dorfladen mit einem Kühlschrank eröffnen und sogar das Internet soll bald Einzug halten. Die Stromversorgung des entlegenen Dorfes ist zuverlässig und weitaus besser als in der Stadt – dort fällt fast täglich der Strom aus.

Der Anschluss an den Rest der Welt hat seinen Preis, das ist den Dorfbewohnern wohl bewusst. Denn auch Mikroenergiewirtschaft ist ein gewinnorientiertes Geschäft, wie Nico Peterschmidt betont: „Wir haben dieses Modell entwickelt und es soll zu einem unserer Hauptgeschäftsfelder werden. Unser Ziel ist es, im Senegal als Energieversorger Geld zu verdienen. Die Rendite, die wir an Investoren ausschütten, beträgt 10 bis 15 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung auf Dorfebene durch die Elektrifizierung macht das möglich." Für Risikokapital ist die Rendite gering, im Vergleich zu derjenigen vieler europäischer Elektrizitätsversorger aber fast doppelt so hoch.

Erfolgreich und preisgekrönt

Die internationale Resonanz auf das Gemeinschaftsprojekt von INENSUS und der GIZ ist beeindruckend: Es räumt im März 2011 den Innovationspreis für Klima und Umwelt in der Kategorie Technologietransfer ab, den das Bundesumweltministerium und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verleihen. Ebenfalls erhält INENSUS den SEED Award (SEED steht für „Supporting entrepreneurs for sustainable development"), der junge Unternehmer auszeichnet, die sich für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung engagieren. Die SEED-Initiative wurde von mehreren UN-Organisationen sowie von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) 2002 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg ins Leben gerufen.

Doch worin besteht eigentlich das Erfolgsrezept dieser Projektidee? Die reine Technik ist es sicher nicht! Das Geheimnis verbirgt sich hinter dem Betreibermodell der Mikroenergiewirtschaft. Nicht wenige Anläufe zur Elektrifizierung armer ländlicher Regionen auf der Welt scheiterten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Oft bauen Investoren mit hohen Subventionen. Steigt die Nachfrage nach Energie, können sie diese nicht mehr zu dem subventionierten Strompreis bedienen. Andere Schwierigkeiten betreffen die Zahlungsmoral der Kunden oder den Diebstahl von Energie. Aus solchen Beobachtungen definiert Peterschmidt die Voraussetzungen, unter denen die Mikroenergiewirtschaft funktioniert: „Wir brechen die Energiewirtschaft auf Dorfebene herunter. Das heißt, wir müssen uns dem Wettbewerb auf Dorfniveau stellen, die Dorfbewohner müssen unser Modell wollen und sich dazu auch organisieren. Die Idee ist, die Dorfwirtschaft mit dem Zugang zu Energie anzukurbeln. Also brauchen wir auch noch eine Mikrofinanzorganisation mit im Boot. Nur unter diesen Bedingungen investieren wir."

Das Modell der Mikroenergiewirtschaft ist bestechend. 40 Prozent der Gesamtinvestition kommt von internationalen Gebern, in diesem Fall dem BMZ-finanzierten Programm zur Förderung erneuerbarer Energien und der ländlichen Elektrifizierung. Daraus finanziert INENSUS sämtliche festen Anlagenbestandteile wie Gebäude, Strommasten, Leitungen. Deren Besitz geht auf die Dorfgemeinschaft über. Die anderen 60 Prozent bezahlt ein Investor, in Sine Moussa Abdou INENSUS, und dem gehören die beweglichen Komponenten wie Solarpanels, Windrad oder Batterien. Bevor es überhaupt losgeht, gründen die Dorfbewohner ein Dorfstromkomitee. „Wir begegnen den Dorfbewohnern auf Augenhöhe", beschreibt Peterschmidt die Geschäftsbeziehung. Mit dem Energiekomitee verhandelt INENSUS und bildet einen der Dorfbewohner als Elektriker aus, der den Netzbetrieb sicherstellt. Am Ende der Verhandlungen steht ein Vertrag zwischen Dorfkomitee und INENSUS über den Strompreis und die zu liefernde Energiemenge. Der läuft immer über sechs Monate. Danach können sich die Bewohner für einen anderen Betreiber entscheiden oder den Vertrag neu verhandeln.

Ein Erfolgsfaktor des Modells ist die Planungssicherheit sowohl für den Betreiber als auch die Energiekonsumenten. Sechs Monate lang wissen beide Partner, wer wie viel Strom benötigt und auch bezahlt. Jede Familie legt sich fest, welche Energiemenge sie pro Woche verbrauchen möchte, und lädt ein entsprechendes Guthaben auf eine Prepaidkarte auf. Ist für ein besonderes Ereignis mehr Strom gefragt, dann kauft sie Sonderstrom, sogenannte Extraenergie. Die ist teurer, denn sie kommt von Dieselgeneratoren und nicht aus erneuerbaren Energien. Auch Stromklau ist in Sine Moussa Abdou kein Problem. Dafür sorgt das Herz der Anlagentechnik der Goslarer – der sogenannte Smart Meter. Dieser zwei Handteller große Kasten prüft die Prepaidkarten von immer drei Haushalten, ist verplombt und hat einen transparenten Deckel. Macht sich daran jemand zu schaffen, stiehlt er den Strom seiner Nachbarn und das fällt sofort auf.

Marktgetrieben und nachhaltig

Das Geschäftsmodell findet immer mehr Zulauf. Vom niederländischen Daey Ouwens Fund haben die drei Unternehmer öffentliche Mittel zugesagt bekommen, um 30 weitere Dörfer mit insgesamt 30.000 Einwohnern zu elektrifizieren. Dafür nehmen die drei einen zusätzlichen Kredit von der niederländischen Entwicklungsbank auf, um die Privatinvestitionen – eben die beweglichen Komponenten der Minikraftwerke – zu finanzieren. Es interessieren sich nicht nur internationale Geber für die Idee, sondern immer mehr Privatinvestoren. Peterschmidt ist voller Zuversicht: „Wir müssen unser Gesamtpaket günstig anbieten und dazu müssen wir es oft verkaufen. Die Margen halten wir gering, denn es ist uns wohl bewusst, dass die Bewohner in den Dörfern unsere Gewinne bezahlen müssen. Dennoch ist unser Modell privatwirtschaftlich und marktgetrieben und genau deshalb nachhaltig!"

Autorin: Gabriele Rzepka, freie Journalistin mit den Schwerpunkten Entwicklungspolitik und Technik.
Der Artikel erschien zuerst im GIZ-Magazin akzente, Ausgabe 03/2011.