Themenservice Transformation gestalten

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Für die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft gibt es kein Rezept, keinen Gesamtplan und auch kein fest definiertes Ziel. Dafür sind Probleme, Ursachen und Rahmenbedingungen zu vielschichtig, die beteiligten Akteure bringen zu unterschiedliche Vorstellungen und Interessen ein. Eine gemeinsame Vision als Orientierung ist notwendig, doch die Beteiligten müssen ständig bereit sein, ihren Weg zu überdenken. Nicht ein vorab geplanter Endzustand, sondern der Prozess des Wandels selbst steht im Mittelpunkt.  

Die GIZ gestaltet und begleitet im Auftrag der Bundesregierung komplexe Transformationsprozesse. Dabei greifen wirtschaftliche, politische, soziale und ökologische Entwicklung eng ineinander. In diesem Themenservice stellen wir Ihnen verschiedene Facetten von Transformation vor: Im Maghreb richten zahlreiche Städte nach dem politischen Umbruch Bürgerbüros ein. In Brasilien hat die Regierung erkannt, dass erneuerbare Energie die Lebensbedingungen der Armen verbessert. Kleinkredite für Bauern und Handwerker in Uganda tragen dazu bei, eine soziale Marktwirtschaft aufzubauen.

Information

Der Themenservice für Journalisten informiert zu einem aktuellen Thema oder Ereignis mit Bezug zur internationalen Zusammenarbeit. Er umfasst Bilder, Hintergründe und Interviews, stellt Projekte vor und liefert weiterführende Links. Zu jedem Thema vermitteln wir gerne Interviewpartner.

Die Texte und Fotos aus diesem Themenservice stehen Redaktionen zum honorarfreien Abdruck zur Verfügung.

Maghreb: Politische Transformation

Die Menschen in Nordafrika haben sich erfolgreich gegen Regime aufgelehnt, die grundlegende Prinzipien wie Freiheit und Gerechtigkeit verletzt haben. Wie geht es nun weiter? Auf dem Weg in eine demokratische Zukunft bekommen die Gesellschaften des Maghreb Rat und Unterstützung aus Deutschland. Sie lernen aber auch viel voneinander.

„Eine Demokratie ist schwieriger zu regieren als eine Diktatur, aber sie verspricht sozialen Frieden“, meint Meinolf Spiekermann von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH. Er leitet seit 2008 ein Projekt zur Stärkung kommunaler Strukturen in den Maghreb-Ländern Tunesien, Marokko und Algerien – im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die ersten drei Jahre zeigte die autoritäre Regierung Tunesiens wenig Interesse an starken, selbstbewussten Städten. „Mit der Revolution kam das Projekt in Schwung. Auf einmal konnte es nicht schnell genug gehen mit der Unterstützung aus Deutschland“, erinnert sich Spiekermann. „Inzwischen nehmen zwölf tunesische Städte an dem Projekt teil.“

„Die Menschen wollen Arbeitsplätze, Wohnraum und eine gerechte Verteilung der Haushaltsmittel“, berichtet der Bürgermeister von Tunis auf einer von der GIZ und ihren tunesischen Partnern organisierten Tagung von deutschen Kommunen und ihren nordafrikanischen Partnerstädten. In den vernachlässigten Regionen im Landesinneren sind 20 bis 50 Prozent der Menschen arbeitslos. Das dringende Bedürfnis nach gerechter Verteilung und nach Bürgerbeteiligung machte die „Jasmin-Revolution“ im Dezember 2010 so erfolgreich. Nun stehen Bürgerrechte, freie Wahlen, demokratische Parlamente, Pressefreiheit und demokratisch kontrollierte, bürgernahe Verwaltungsstrukturen auf der Tagesordnung.

Die Menschen sind ungeduldig, sie erwarten schnelle Verbesserungen. Doch von heute auf morgen lässt sich der Wandel nicht bewerkstelligen. Besonders die Gemeindeverwaltungen stehen vor großen Herausforderungen. Sie bekommen Aufgaben übertragen, für die es weder Strukturen noch qualifiziertes Personal gibt. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes unterstützt die GIZ deshalb unter anderem den Aufbau von Bürgerbüros. Bei der kommunalen Selbstverwaltung gilt Deutschland als großes Vorbild. Acht Städtepartnerschaften gibt es, zum Beispiel zwischen Köln und Tunis oder Marburg und Sfax. Die Tunesier wollen von ihren deutschen Partnern lernen, wie eine effiziente, bürgernahe Verwaltung funktioniert und wie ein Bürgerhaushalt entsteht. Sie interessieren sich für vorbildliche Mobilitätskonzepte, kommunale Energieversorgung und Modelle für eine effiziente Abfallwirtschaft.

Die GIZ unterstützt nicht nur die Vernetzung zwischen deutschen und nordafrikanischen Städten, sondern auch den Austausch zwischen den Städten im Maghreb. Zwölf Städte aus Marokko nehmen an einem Lernnetzwerk zum Thema Abfallwirtschaft teil. In Zukunft soll es zudem regionale Netzwerke mit algerischen und tunesischen Städten geben. Der Umgang mit Abfällen ist ein besonders großes Problem in Großstädten, wo sie häufig das Grundwasser verseuchen. Andere Städte im Maghreb wussten vor Gründung des Lernnetzwerkes nicht, dass die marokkanische Stadt Fes bereits eine Lösung erarbeitet hat, die nun für viele andere Städte als Modell dient. In Fes werden Deponien vorbildlich geführt, es gibt Mülltrennung und Biogasanlagen.

Ein anderes Thema, das viele Maghreb-Städte beschäftigt, ist die Altstadtsanierung verbunden mit dem Erhalt des kulturellen Erbes. Vorreiter in diesem Lernnetzwerk, das Ende 2012 mithilfe der GIZ ins Leben gerufen wird, ist Tunis. Dort leben über 100.000 Menschen in der Altstadt, die als Weltkulturerbe ausgezeichnet ist. Was andere Städte von Tunis lernen können: Wirtschaftliche Dynamik in Gang zu setzen und dabei das kulturelle Erbe zu bewahren. Damit das gelingt, nehmen die Menschen aktiv an der Stadtentwicklung teil, um gemeinsam zu planen, wie sie in den Altstädten leben, arbeiten und ihre Kultur pflegen wollen.

Uganda: Wirtschaftliche Transformation

80 Prozent der Ugander leben von der Landwirtschaft. Die meisten sind Selbstversorger mit wenigen Möglichkeiten, ihr Einkommen zu steigern. Formale Banken geben ihnen keine Kredite, doch mit der Regulierung des Mikrofinanzsektors bekommen zunehmend auch ärmere Bevölkerungsschichten Kapital, um in ihre Zukunft zu investieren.

Thadeus Kiggundu ist ein wohlhabender Bauer aus Zentraluganda. Er baut Kochbananen und Kaffee an. Schritt für Schritt hat er seinen Betrieb ausgebaut, heute besitzt er über 40 Hektar Land und beschäftigt ein Dutzend Mitarbeiter. Für die Bewässerung seiner Kochbananenstauden will er eine Pumpe anschaffen. Dafür benötigt er ein Darlehen. Das bekommt er von der ländlichen Spar- und Kreditgenossenschaft, die 4.500 Mitglieder zählt. Er gilt als verlässlicher Kunde. In den letzten Jahren hat er mehrfach kleine Kredite aufgenommen, um Geräte, Saatgut oder Dünger zu kaufen – und um das Schulgeld für seine Kinder zu bezahlen. Die Investitionen haben sich gelohnt, und er hat stets alle Raten pünktlich zurückgezahlt.

Wie er profitieren auch andere Bauern oder Kleingewerbetreibende von den Angeboten der Spar- und Kreditgenossenschaften. Bevor es diese Institutionen gab, wendeten sich Arme, ländliche Haushalte und Kleinbetriebe, die bargeldlos bezahlen, sparen oder einen Mikrokredit bekommen wollten, häufig an nicht regulierte Finanzdienstleister, da die formalen Banken sie nicht als kreditwürdig betrachten.

Etwa 2.000 ländliche Kreditgenossenschaften gibt es in Uganda. Wenige haben bislang das Potenzial, ihre Mitglieder nachhaltig mit Finanzdienstleistungen zu versorgen. Den meisten Institutionen fehlen die technische Ausstattung und qualifiziertes Personal. Sie wirtschaften oft nicht nachhaltig und schneiden die Produkte nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kunden zu. Auch Betrugsfälle, bei denen sich Manager mit Einlagen ihrer Kunden aus dem Staub machen, kommen vor. Damit sich mehr solide und kundenorientierte Kreditgenossenschaften etablieren, muss vor allen Dingen ein verbindlicher Rechtsrahmen für Mikrofinanzorganisationen geschaffen werden. Bis 2014 soll es soweit sein, mithilfe der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und der KfW Entwicklungsbank, die im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit der Zentralbank Ugandas zusammenarbeiten. Eine Reihe von Spar- und Kreditgenossenschaften wird dabei unterstützt, Finanzprodukte für den landwirtschaftlichen Sektor zu entwickeln, die Kundenberatung zu verbessern und elektronische Systeme einzuführen.

Die Reformbemühungen im Finanzsektor Ugandas zeigen beachtliche Fortschritte. Seit 2003 gibt es ein Gesetz zur Bankenaufsicht, bei dem die GIZ die Zentralbank und die Regierung beraten hat. Seitdem können zertifizierte Mikrofinanzinstitutionen private Spareinlagen aufnehmen, sofern sie sich regelmäßig kontrollieren lassen und ein nachhaltiges Wirtschaften nachweisen. Davon haben bis Ende 2010 800.000 Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten profitiert. Um die Guthaben zu schützen, hat die Zentralbank einen Einlagensicherungsfonds eingerichtet. Seit Ende 2008 unterstützt eine Kreditauskunftei nach dem Vorbild der deutschen Schufa die Kreditinstitute dabei, ihr Risiko im Kreditgeschäft zu mindern. Inzwischen sind alle Finanzinstitute angeschlossen, die von der Zentralbank beaufsichtigt werden. Insgesamt sind über 600.000 Kundendatensätze erfasst. Durchaus zum Vorteil von Kunden wie Thadeus Kiggundu. Bisher nimmt er lediglich die Kleinkredite seiner Spar- und Kreditgenossenschaft in Anspruch. Sollte er den umfassenderen Service einer Geschäftsbank und höhere Kredite benötigen, so kann er sich über die Kreditauskunftei nun eine positive Kundenhistorie aufbauen. Das wird bei der Kreditvergabe ähnlich positiv gewertet wie Sicherheiten, die üblicherweise angefordert werden. 

Brasilien: Ökologische und soziale Transformation

Steigende Preise für Strom und Gas belasten die arme Bevölkerung in den Elendsvierteln brasilianischer Großstädte. Kraftwerke werden mit fossilen Brennstoffen betrieben, auf Kosten von Umwelt und Klima. Mit deutscher Hilfe geht das Land nun neue Wege: Bis zu 400.000 Wohnungen bekommen warmes Wasser durch die Sonne.

Der brasilianische Bundesstaat Sao Paulo verpflichtet seine Bürgerinnen und Bürger dazu, Sonnenenergie für die Warmwassererzeugung zu nutzen. Andere Regionen ziehen nach, zum Beispiel die Millionenstadt Rio de Janeiro. Dort sind in einem von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH durchgeführten Pilotprojekt 500 neu gebaute Sozialwohnungen in der Favela Mangueira mit Solarkollektoren ausgestattet worden. Wohnungsbausekretär Jorge Bittar erklärt die Vorteile: „Wir senken den Energieverbrauch, stärken das Umweltbewusstsein und schaffen bessere Lebensbedingungen für sozial schwache Familien.“

Wer eine der neuen Wohnungen ergattert, hat Glück. „Die Wohnung ist viel besser als mein baufälliges Haus“, schwärmt eine junge Mutter. „Die sonnenbetriebenen Duschen helfen mir, Kosten zu sparen, weil ich keinen Durchlauferhitzer mehr brauche.“ Ihr altes Haus wurde abgerissen, dort baut die Stadt staatlich finanzierte Wohnhäuser für bedürftige Familien. Zuerst konnte sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, ihr Haus zu verlassen. Doch im Nachhinein ist sie froh. Die Infrastruktur in ihrer Siedlung ist katastrophal gewesen, die meisten Haushalte zapfen den Strom illegal ab, weil sie Energie nicht bezahlen können.

Die GIZ hat im Rahmen der Klimaschutzinitiative im Auftrag des Bundesumweltministeriums einen nationalen Qualitätsstandard für solarbetriebene Warmwasseranlagen entwickelt und Brasilien insgesamt bei der landesweiten Planung und Umsetzung seiner Solarenergie-Strategie beraten. GIZ-Experten schulen die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort. Sie sollen Verantwortung für die Anlagen übernehmen, die regelmäßig gereinigt werden müssen.

Die brasilianische Entwicklungsbank hat das Projekt finanziert, sie arbeitet gerade ein Instrument für die Solarförderung aus. Auch Unternehmen, öffentliche Verwaltungen und Verbände sollen künftig Solarenergie nutzen und die Technologie verbreiten. Dafür werden mithilfe der GIZ Entwicklungspartnerschaften mit Technologieanbietern aus Deutschland – wo es viel Erfahrung mit der Solarenergienutzung gibt – angestrebt.

Die 500 Wohnungen sind ein Anfang, der Bedarf ist weit größer, denn in den Hügeln Rio de Janeiros leben zig Millionen Menschen, für die eine Sozialwohnung eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bedeuten würde.

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