Veränderung für oder mit der Basis?

Die Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer (EH) der GIZ arbeiten hauptsächlich auf lokaler und regionaler Ebene. Sie leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass Veränderungsprozesse, die auf übergeordneten Ebenen angestoßen werden, tatsächlich vor Ort ankommen können. Entwicklungsfördernde Rahmenbedingungen, die legislativ oder strukturell auf nationaler Ebene geschaffen werden, brauchen ihre regionalen Transmissionsriemen und lokalen Stützen, Strukturen und Akteure. Hier setzt die Beratung durch EH an.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit sieht in der Umsetzung des „Mehrebenen-Ansatzes“ einen komparativen Vorteil innerhalb der internationalen Zusammenarbeit. Institutionen und Akteure in den Partnerländern werden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene beraten und unterstützt, um ihre Kapazitäten zu stärken, so dass sie wirtschaftliche, politische sowie gesellschaftliche Prozesse, die zur Verbesserung der Lebensbedingungen insbesondere von benachteiligten Bevölkerungsgruppen notwendig sind, in Gang setzen beziehungsweise sich aktiv an ihnen beteiligen können.

Nationale Wasserversorgungssysteme zum Beispiel werden die Bevölkerung nur dann mit Wasser versorgen können, wenn vor Ort die Pumpen funktionieren, Wasserkiosks etabliert sind, Brunnen gewartet werden und die Menschen kontinuierlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Kommunen und Distrikte, in deren Verantwortung diese Aufgaben liegen, werden durch Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer (EH) beraten und geschult, wie sie ihrer Verantwortlichkeit in der Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung tatsächlich entsprechen können. Zudem werden Wassernutzergruppen beraten, wie sie selbst den Erhalt von Brunnen und Pumpen sichern und einen geregelten, nachhaltigen Zugang der Nutzerinnen und Nutzer selbst bestimmen können.

Die Wirkungen der Beratung der EH der GIZ zeigen sich jedoch nicht nur vor Ort. Durch das Eingebunden sein in das Gesamtgerüst der deutschen beziehungsweise internationalen Entwicklungszusammenarbeit ermöglichen die vor Ort gemachten Erfahrungen und erzielten Wirkungen einen direkten Informationstransfer zurück an Kooperationsstrukturen auf nationaler Ebene, um dort wiederum relevante Anpassungsleistungen möglich zu machen. So nutzt das Ministerium für Stadtplanung in Malawi die Vor-Ort-Erfahrungen bei der Erstellung seines Handbuchs zur Umsetzung von Planungsvorschriften. Oder nehmen wir das Beispiel der Einführung des computergestützten Finanzmanagements in Kenia, welches durch Beratung von EH auf kommunaler Ebene begleitet wurde. So konnte schnell herausgefunden werden, was funktioniert und was nicht und direkt auf die nationale Ebene zurückgespiegelt werden. Diese Art von Realitätsprüfung dient der Nachhaltigkeit und fördert die Motivation der am Vorhaben Beteiligten.

Stärkung der Kompetenzen der Partner

Ziel der Beratung durch Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer ist die Kapazitätsstärkung der Partnerorganisationen auf lokaler und regionaler Ebene. Es ist die Befähigung zum Gestalten und das Begleiten von Prozessen, die die Zielgruppen, also die Menschen, die von Entwicklungszusammenarbeit letztendlich profitieren sollen, in den Mittelpunkt stellt. Ownership, also die Eigenverantwortung der Partner und damit logisch verbunden partizipatives Vorgehen in allen Stadien der Entwicklungsmaßnahmen sind traditionell wichtige Elemente der Arbeit der EH. Die Partnerorganisationen werden befähigt, sich verändernde Handlungsspielräume zu nutzen, um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse (mit) zu gestalten. So werden zum Beispiel Verbände, Kammern und unternehmerische Interessensgruppen beim Aufbau und der Entwicklung ihrer Organisation beraten, um wiederum ihre Beratungstätigkeit gegenüber kleinen und mittelständischen Unternehmen zu professionalisieren und die Interessen ihrer Mitgliedsbetriebe im politischen Raum besser vertreten zu können.

Gerade wenn das Ziel die Nutzung von Handlungsspielräumen ist, um Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten, erhält Beratung im interkulturellen Kontext einen besonderen Mehrwert. Der Blick von außen, das Infragestellen von Alltäglichkeiten, die Notwendigkeit von „sich-erklären-lassen“, bietet die Möglichkeit zur Analyse von vermeintlich Selbstverständlichem und öffnet den einen oder anderen Spielraum.

Zentrale Bedeutung von Kommunikation und Sprache

Da Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer basisnah arbeiten, stellen sich hier besondere Herausforderungen. Nur wenige Menschen der Partnerorganisationen auf lokaler Ebene haben in Europa oder Nordamerika studiert oder gearbeitet. Die Kenntnis europäischer Kultur und Verhaltensweisen sind dort sicherlich weniger ausgeprägt als in den Führungsetagen des Finanzministeriums im Partnerland. Diesem Fakt muss der Beratungsprozess von Anfang an Rechnung tragen – insbesondere, wenn Zielgruppen nicht nur vom Prozess profitieren, sondern in ihn einbezogen werden sollen.

Die EH sind vor Ort. So können sie Partnerorganisationen bei Bedarf auch bei der Arbeit im Stadtteil oder auf dem Dorf, bei Aktivitäten für und mit den Zielgruppen begleiten und eine direkte, konstruktive Rückmeldung geben. Will man Zielgruppennähe und Veränderungsprozesse nicht nur an der Basis, sondern mit der Basis umsetzen, ist es hilfreich, auf eine vielfältige Methodenkompetenz zurückgreifen zu können. Um diese Kompetenz weiter auszubauen, nutzt die Mehrheit der EH die Möglichkeit, im Rahmen ihrer Vorbereitung oder während ihres Heimaturlaubs ein Beratungstraining oder eine Fortbildung zu partizipativen Methoden zu besuchen.

Gerade die Anwendung von partizipativen Ansätzen und Methoden, die auch weniger wort- oder verhandlungsstarke Partner aktiv einbeziehen, ist in diesem Kontext von hoher Relevanz. Aktives Zuhören ist notwendig. Sprachliche Verständigung ist erforderlich, was insbesondere in Drittsprachenländern eine tägliche Herausforderung ist. Beratung mit Übersetzung wird von den meisten EH als Hemmnis empfunden. Die Motivation, auch Sprachen wie Khmer oder Creole zu lernen, ist bei vielen Entwicklungshelfern/innen folglich hoch und der Spracherwerb Teil ihrer Vorbereitung in Deutschland wie im Partnerland. Des Weiteren bietet die Zusammenarbeit beziehungsweise die Arbeitsteilung mit einheimischen Fachkräften im Beratungsprozess eine gute Brückenfunktion an der Basis, von der alle Seiten profitieren.

Kurzum: Es ist ein Qualitätskriterium der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, dass die Kompetenzen der Entwicklungshelfer/innen, ihre Ideen, Methoden und Erfahrungen, ihre basisnahe Fachlichkeit zur Beratung von Partnerorganisationen im Gesamtspektrum des Capacity Development (Kapazitätsstärkung) ihren Platz haben und in einem gemeinsam mit den Partnern konsequent umgesetzten Mehrebenen-Ansatz zu breiter Wirkung kommen.

Andrea Winter

ehemalige Entwicklungshelferin und Mitarbeiterin der GIZ

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