Bolivien: Die Veränderung beginnt in dir

Wir befanden uns am Ende des 2. Moduls der Bolivianischen Dialogschule in 2012 und waren rund 20 Personen, die auf Stühlen in einem Kreis versammelt waren.

Die Trainerin hatte vorgeschlagen, dass jede_r Teilnehmer_in mitteilt, was er/sie von der Dialogschule mitnimmt. Sonia, eine Indigene des Volkes der Leco, die eine indigene Frauenorganisation in der Region führt, bat um das Wort.

Sie schaute einen anderen Teilnehmer direkt an und sagte:

"In diesem Modul habe ich gemerkt, dass ich Angst vor dir hatte, Pedro. Und den Blick nun auf die Gruppe gerichtet, fährt sie fort: Ich hatte Angst davor, wie er so ist, weil er zur Universität gegangen ist und gut reden kann. Ich habe ihm zugehört – und dann habe ich auch gemerkt, dass wir beide eine Geschichte haben, zudem Kinder und dass wir beide etwas hier lernen. Jetzt möchte ich keine Angst mehr haben, jetzt möchte ich dich noch besser kennen lernen, möchte ich alle kennen lernen."

Dieser Moment war ein Meilenstein im Prozess. Alle haben wir eine Veränderung erlebt in der Art, wie sich die beiden miteinander verbunden haben und jeder von den beiden mit der Gruppe. Die beobachtende, distanzierte Haltung von Pedro wandelte sich in eine zugewandte, respektvolle und auch amüsante Führung. Die schüchterne Art von Sonia veränderte sich hin zu einer aktiven Teilnahme, engagiert sich selbst und der Gruppe gegenüber.

Alle kennen wir das, den Klick oder Aha-Ef fekt, wenn wir uns einer Sache bewusst werden. Es ist der Moment, der tief in uns die Bedeutung eines Aspekts der Realität verändert und gleichzeitig ein neues Geflecht von Einsichten erzeugt. Wir erleben das wie eine Überraschung, eine Entdeckung – und daher der Ausdruck Klick oder Aha!

Eli, Teilnehmer der Dialogschule in 2014 beschrieb es so: "Der Klick bedeutet, dass ich mir einer Sache bewusst werde, die möglicherweise schon vorher da war oder die gerade in diesem Moment auftaucht und erscheint. Es ist etwas, was deine Neuronen aufweckt: Ah, so hatte ich das bisher noch nicht gesehen! Es bedeutet, dass du dich nicht verschließt oder in etwas einpasst, was du als abgeschlossen gesehen hast, sondern im Moment des Klicks denkst du: Ja, es könnte auch so sein."

Der Klick steht für eine Erweiterung des Bewusstseins, eine Art Verlagerung im Inneren, bei der wir unsere Sicht auf die Anderen, auf das Thema, das uns beschäftigt, auf die Geschichte oder die Zukunft erweitern und vertiefen: "Ich verstand und sah die Herrschaftsverhältnisse bisher als etwas Äußeres, etwas außerhalb von mir, etwas zwischen den Anderen … natürlich auch der Anderen über mich, aber ich sah mich selbst in der Position des Beherrschten. Ich habe mich als jemanden gesehen, der anderen unterworfen ist. Doch sehr subtil habe ich gemerkt, dass Macht und Herrschaft auch etwas in mir sind, dass ich z. B. unterbreche, weil ich denke, dass mein Wort mehr wert ist als das der Anderen. Ich habe gemerkt, dass ich mich darüber ärgere, wenn die Sachen nicht so laufen, wie ich es erwarte, weil ich denke, dass meine Art, die Dinge zu sehen, besser ist als die der Anderen. Es tut weh, mich so zu sehen, mir gefällt es nicht, mich so zu sehen, aber ich merke auch, dass es mich stärkt, mich selbst zu sehen, weil ich jetzt besser verstehe, um was es geht, weil ich jetzt besser weiß, was wir verändern wollen."

Diese Erweiterung des komplexen Verständnisses führt zugleich zu neuen oder anderen Handlungsoptionen und bedeutet eine Veränderung des "Raumes der Möglichkeiten".

Arthur Battram, vom Institut Santa Fe beschreibt ihn folgendermaßen: "Der Raum der Möglichkeiten ist der Ort, in dem all unsere Ideen leben, bevor sie Realität werden. Der Raum der Möglichkeiten ist genauso real wie eine Organisation real ist: Er entsteht in der Sprache. Wenn man die Ideen erkundet, erkundet man den Raum der Möglichkeiten. Man stellt keine simple Analogie her, sondern eine Beschreibung des Suchprozesses, der im Geiste vor sich geht. Normalerweise, wenn man etwas im Raum der Möglichkeiten sucht, sucht man nur in einem kleinen, bekannten Teil, aber wenn wir uns nicht aus der Zone des Vorhersagbaren heraus wagen, werden wir nie diese (neuen) Ideen entdecken."

Er ergänzt: "Der fundamentale Mechanismus, um neue Realitäten zu schaffen, befindet sich im Gespräch. Meine eigene Sichtweise über die Möglichkeiten ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Ganzen. Wenn wir deine Sichtweise hinzufügen und die der Anderen, die unserer 'Gemeinschaft' angehören, können wir unseren Raum der Möglichkeiten enorm erweitern."

Der Dialog, der verändert, funktioniert wie ein Transformator, durch den die Wahrscheinlichkeiten zunehmen, solche Momente der Umdeutung und Erweiterung der Räume der Möglichkeiten zu erleben. In gemeinsamen Reflexionsprozessen werden neue kollektive Einsichten geschaffen, die als neue Pakte auftauchen und sich durch Erlebnisse der Begegnung und der gegenseitigen Bereicherung erhalten. Es handelt sich dabei um eine Erfahrung, die weit über die simplifizierende lineare Rationalität hinausgeht.

Es sind keine Veränderungen, die sich "wiederholen", sondern solche, die "ausstrahlen". 

Im Durchgang einer Dialogschule in 2014 empfingen wir vier Teilnehmende, die aus derselben Gemeinde kamen und sich in einem lokalen Konflikt miteinander befanden. Als Vertreterinnen und Vertreter einer städtischen und einer ländlichen Indigenen-Organisation, einer Gruppe sogenannter "Interkultureller" und der Gemeindeverwaltung hatten sie vier verschiedene Perspektivenauf die wirtschaftliche Entwicklung in der Gemeinde. Durch unsere Methoden und praktischen Übungen präsentierten sich die vier Konfliktparteien im Laufe der Dialogschule als Gruppe mit einer neuen kollektiven Einsicht: Sie beschlossen, aus den unterschiedlichen Perspektiven EIN Video
zu machen, welches zum weiteren Dialog in der Gemeinde verteilt werden sollte. Das Bürgermeisteramt schließlich stellte dafür sein Kommunikationsteam zur Verfügung und unterstützte bei der Endversion.

Auf die Frage, ob die Dialogschule zur sozialen Transformation beitragen könnte, meinte einer von ihnen: "Ich glaube, wir sind die kleinen Lichter, die aus der Fackel hervorkommen. Wir müssen dem Ganzen diese Form des Gelingens geben, wenn es uns gelingt, mehr Prozessbegleiter zu bekommen, viel mehr Personen, mehr Leute, viel mehr kleine Lichter, die verschiedene Orte zum Leuchten bringen
können. So sähe das Gelingen aus."

Solche Erfahrungen lassen uns glauben, dass ein Kollektiv von Menschen, das es schafft, die Annahmen zu reflektieren und zu hinterfragen, mit denen wir die Welt wahrnehmen, deuten und formen, gleichzeitig die Macht hat, die Wirklichkeit zu verändern.
So werden wir selbst die Veränderung, die die Welt braucht. 

Carolina Gianella, Psychologin und Mediatorin, ZFD-Fachkraft
Übersetzung: Evelyn Hartig, Diplom-Ingenieurin Landschaftsplanung und Journalistin ZFD-Programmkoordinatorin

Info.Box Projekt

Der ZFD arbeitet seit 2008 in Bolivien. Er unterstützt staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure im bolivianischen Tiefland dabei, soziale und Umweltkonflikte im Rahmen von interkulturellen Dialogprozessen und rechtsstaatlichen Verfahren zu bearbeiten.

Im Rahmen der Dialogschule treten Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Gruppen miteinander in Dialog, bauen gegenseitige Vorurteile ab und befördern innerhalb ihrer Gruppe sowie zu den jeweils Anderen die Bereitschaft zu Dialog, gegenseitigem Verständnis und gewaltfreier Konfliktbearbeitung.

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