Hintergrund

Mutter und Toechter in Guinea

Was ist weibliche Genitalverstümmelung?

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) bezeichnet verschiedene Formen operativer Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien ohne medizinische Gründe teilweise oder ganz entfernt werden. Durchgeführt wird diese Praktik meist an Minderjährigen, überwiegend ohne Betäubung und unter schlechten hygienischen Bedingungen. Der Eingriff kann nicht rückgängig gemacht werden und führt häufig zu direkten, aber auch langfristigen psychischen und körperlichen Schäden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit rund 140 Millionen Mädchen und Frauen von FGM betroffen sind. Weibliche Genitalverstümmelung ist vor allem in Afrika sowie in Teilen der arabischen Halbinsel weit verbreitet.

Zahlreiche internationale Konventionen beziehen Stellung gegen FGM. Besondere Bedeutung kommt im afrikanischen Zusammenhang dem 2003 unterzeichneten Maputo-Protokoll, einem Zusatzprotokoll zur Afrikanischen Charta für Menschen- und Völkerrechte zu. Artikel 5 erkennt schädliche Praktiken wie FGM ausdrücklich als Menschenrechtsverletzung an und unterstreicht die Verantwortung der Staaten, Frauen durch Gesetzgebung und öffentliche Bewusstseinsbildung zu schützen und zu fördern. In vielen Ländern steht weibliche Genital- verstümmelung inzwischen offiziell unter Strafe. Einen echten Schutz bieten Verbote aber erst, wenn sie nicht nur im Strafrecht, sondern auch im Rechtsbewusstsein der Bevölkerung verankert sind.

Eine Herausforderung für die Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung ist es, den Dialog mit den Menschen zu suchen, sie für die negativen Folgen von FGM zu sensibilisieren und auf Meinungsführer einzuwirken. Nur so kann langfristig ein Wandel der Einstellungen und des Verhaltens erreicht und weibliche Genitalverstümmelung überwunden werden.

Fortbildung zu FGM in Guinea © GIZ
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Klassifikation

Formen von Genitalverstümmelung: Einteilung durch die Weltgesundheitsorganisation

Die verschiedenen Formen und Ausprägungen weiblicher Genitalverstümmelung wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in vier Typen eingeteilt:

  • Typ I
    Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie)
  • Typ II
    Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der großen Schamlippe (Exzision)
  • Typ III
    Verengung der vaginalen Öffnung mit Herstellung eines bedeckenden, narbigen Hautverschlusses durch das Entfernen und Zusammenheften oder -nähen der kleinen und/oder großen Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der Klitoris (Infibulation)
  • Typ IV
    Alle anderen Eingriffe, die die weiblichen Genitalien verletzen und keinem medizinischen Zwecke dienen, z.B.: Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Ausschaben und Ausbrennen oder Verätzen

Diese Einteilung vereinfacht die Verständigung, eine eindeutige Zuordnung ist in der Realität allerdings oft schwierig. Nähere Informationen zu den verschiedenen Ausprägungen genitaler Verstümmelung finden Sie in der Publikation der Weltgesundheits- organisation "Eliminating female genital mutilation" sowie auf der Internetseite des Inter-African Committee on Traditional Practices.

Eliminating female genital mutilation Inter-African Committee on Traditional Practices
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Terminologie

Welche Bezeichnung verwenden wir?

Der Begriff weibliche Genitalverstümmelung beziehungsweise sein englisches Pendant female genital mutilation findet seit Anfang der 70er Jahre Verwendung. Er bringt klar zum Ausdruck, dass das Recht von Mädchen und Frauen auf körperliche Unversehrtheit auf das Gröbste verletzt wird. Darüber hinaus soll verdeutlicht werden, dass sich die Praktik in Art, Ausmaß und Folgen von männlicher Beschneidung unterscheidet und nicht mit dieser zu vergleichen ist. Die Aktivistinnen des Inter-African Committee on Traditional Practices haben sich im Jahr 1990 für diesen Begriff entschieden und die Entscheidung durch die Bamako-Deklaration im April 2005 nochmals bekräftigt.

In der konkreten Arbeit ist dieser Sprachgebrauch jedoch nicht unproblematisch: Mütter und Eltern schrecken oft davor zurück, ihre Töchter als "verstümmelt" zu bezeichnen. Der Begriff wird als wertend empfunden und Betroffene fühlen sich durch die Bezeichnung Genitalverstümmelung stigmatisiert. Daher greifen viele Organisationen auf die Bezeichnung Beschneidung (engl.: cutting) zurück.

Zahlreiche UN-Organisationen sprechen von Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C), um so auf die Menschenrechtsverletzung hinzuweisen und gleichzeitig auf lokaler Ebene einen wertneutralen Dialog zu ermöglichen.

Die GIZ verwendet den Begriff weibliche Genitalverstümmelung. In der Arbeit vor Ort wägen unsere Mitarbeiter/innen jedoch von Fall zu Fall ab und entscheiden sich dabei – je nach Zielgruppe – durchaus für unterschiedliche Lösungen.

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Begründungen

Warum wird FGM praktiziert?

Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Menschen aus vielen Kulturen, einschließlich Frauen, die selbst von FGM betroffen sind, an der schädlichen Praktik festhalten und sie verteidigen.

FGM wird oft nicht als Menschenrechtsverletzung sondern als gesellschaftliche Norm betrachtet. Tradition, Respekt vor der älteren Generation und Gruppenzugehörigkeit sind soziale Motive, die zum Fortbestehen der Praktik beitragen. Das gemeinsame Ritual verleiht Identität und stiftet Solidarität für eine Altersgruppe. Wer die Tradition missachtet, wird häufig geächtet und ausgegrenzt.

Weibliche Genitalverstümmelung sagt viel über gesellschaftliche Machtverhältnisse und Geschlechterrollen aus. Dass die Rituale Frauen in den bestehenden, ungleichen Geschlechterverhältnissen zumindest ein gewisses Maß an Macht, Status und Respekt sichern, trägt zum Fortbestehen der Praktik bei.

Der Druck auf die Familien ist groß. Vielerorts gelten nur beschnittene Mädchen als heiratsfähig und als gute Ehefrauen. Um die Ehre, das wirtschaftliche Auskommen und das gesellschaftliche Ansehen ihrer Töchter zu sichern, halten viele Eltern an der Praktik fest.

Zahlreiche Befürworter der Genitalverstümmelung berufen sich auch auf vermeintliche religiöse Gebote und Pflichten. Allerdings schreiben weder Koran noch Bibel Genitalverstümmelung vor.

In vielen afrikanischen Gesellschaften wird der beschnittene Körper als ästhetische Norm erlebt. Auch medizinische Mythen sind weit verbreitet.

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Folgen

Ein Schnitt mit gravierenden Folgen

Weibliche Genitalverstümmelung gefährdet die körperliche und seelische Gesundheit

Während der genitalen Verstümmelung treten oft starke Blutungen und Schockzustände auf. Auch können innere Verletzungen auftreten und das Risiko einer HIV-Übertragung erhöhen. Die Erfahrung der Beschneidung und die Schmerzen traumatisieren viele Frauen: Sie leiden unter Angstzuständen und Depressionen.

Es gibt eine steigende Tendenz, den Eingriff unter hygienischen Bedingungen von medizinischem Personal vornehmen zu lassen. Diese so genannte Medikalisierung legitimiert aber die Praktik und trägt so zu ihrem Fortbestand bei.

Weibliche Genitalverstümmelung bremst Entwicklung

Weibliche Genitalverstümmelung mindert die Potentiale von Mädchen und Frauen und wirkt sich negativ auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Staaten aus. Der Staat verliert dadurch, denn er braucht die Fähigkeit aller, um sich zu entwickeln und die Armut zu mindern. Weibliche Genitalverstümmelung gefährdet die Bemühungen, die Millennium Development Goals (MDG) zur Minderung extremer Armut zu erreichen.

Weibliche Genitalvestümmelung verletzt Menschenrechte

FGM verletzt die zivilen, politischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte. Verschiedene internationale und regionale Deklarationen und Konventionen lassen sich auf FGM anwenden. Besondere Bedeutung kommt im afrikanischen Kontext dem 2003 unterzeichneten Maputo-Protokoll, einem Zusatzprotokoll zur Afrikanischen Charta für Menschen- und Völkerrechte zu.

  • Weibliche Genitalverstümmelung und Gesundheit
  • Weibliche Genitalverstümmelung und Bildung
  • Weibliche Genitalverstümmelung und Menschenrechte
  • FGM, MDGs und PRSPs: Zusammenhänge
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Verbreitung

Wo ist Genitalverstümmelung besonders verbreitet?

Weibliche Genitalverstümmelung wird vor allem in 28 Ländern Afrikas südlich der Sahara sowie in Ägypten, Jemen, Oman und Indonesien praktiziert. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit rund 140 Millionen Mädchen und Frauen von FGM betroffen, jährlich kommen weitere drei Millionen hinzu.

Zudem ist die Praktik nicht länger auf diese Regionen begrenzt; durch Migration hat sie auch in Asien und Europa Einzug gehalten. Viele Zuwandererfamilien halten fernab ihrer Heimat an der Tradition fest.

Die Karte gibt einen Überblick über den prozentualen Anteil der weiblichen Bevölkerung in den Ländern Afrikas, die von FGM betroffen ist. Die schwerste Form der Genitalverstümmelung, die Infibulation (TYP III), wird überwiegend in den ostafrikanischen Staaten Somalia, Dschibuti, Eritrea und Sudan sowie in Mali und in Teilen von Burkina Faso praktiziert. 

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Kontakt

Female Genital Mutilation
fgm@giz.de