Hintergrund

Menschen verlassen ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen: auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen, aus Furcht vor Krieg und Verfolgung, für Bildung und Ausbildung. Im Jahr 2016 lebten über 250 Millionen Menschen außerhalb ihrer Herkunftsländer; die Hälfte von ihnen in einem von nur zehn Ländern, vor allem in Nordamerika und Europa. Sehr viele Menschen migrieren jedoch auch zwischen Entwicklungs- und Schwellenländern –Süd-Süd-Migration ist zahlenmäßig größer als Migration in Richtung Europa und Nordamerika.

Internationale Migration birgt Risiken (z.B. Brain Drain, Gefahr der Ausbeutung von Migranten), aber auch Potenziale für Migranten und ihre Familien sowie für die Aufnahme- und Herkunftsländer.

Die internationale Staatengemeinschaft sieht immer stärker die Chancen von Migration für Entwicklung: Geldtransfers von Migranten machen das Dreifache der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit aus. In Krisenzeiten wird aus Solidarität sogar mehr geschickt. Das Geld ermöglicht den Schulbesuch der Kinder, ärztliche Behandlungen, steht für unvorhergesehene Ausgaben zur Verfügung oder dient als Startkapital für den eigenen Betrieb.

Vereine von Migranten initiieren aus den Aufnahmeländern heraus oft gemeinnützige Aktivitäten: Sie sorgen für Wissenstransfer zwischen ihrer neuen und alten Heimat, kümmern sich um Universitätskooperationen und verbessern die Lebensumstände der Menschen in ihren Herkunftsländern. Zahlreiche Migranten engagieren sich privatwirtschaftlich durch Unternehmensgründungen, im Handel oder durch Firmenkooperationen. Diese Aktivitäten stärken die lokale Wirtschaft sowie die soziale Infrastruktur. Das im Aufnahmeland gewonnene Know-how kommt so ihrem Herkunftsland wieder zugute.

Auch für die Aufnahmeländer sind die positiven Wirkungen sichtbar: Migranten stellen die hohe Produktivität überalternder Gesellschaften sicher, gründen Unternehmen im Aufnahmeland und schaffen neue Handelsverbindungen zwischen Aufnahme- und Herkunftsländern. So bauen sie Brücken zwischen zwei oder mehr Ländern. Ihre Sprach- und Landeskenntnis nutzt der Wirtschaft in Herkunfts- wie Aufnahmeländern. Migration kann für Migranten, Herkunfts- wie Aufnahmeländer von Vorteil sein – eine sogenannte „Triple-Win“-Situation.

Will man das Potenzial von Migration für Entwicklung ausschöpfen, stellen sich in der Praxis zahlreiche Hindernisse in den Weg. Im Auftrag der Bundesregierung nimmt sich die GIZ dieser Herausforderungen an.

In der Agenda 2030 wird dem Thema Migration eine wichtige Rolle bei der Erfüllung globaler Entwicklungsziele zugewiesen. Die politische Deklaration der Agenda 2030 erkennt einerseits die bedeutenden Beiträge von Migranten für nachhaltige Entwicklung an und will diese fördern. Andererseits werden Migranten, Flüchtlinge und Binnenvertriebene als vulnerable Gruppen hervorgehoben, deren Schutz und Gleichberechtigung sichergestellt werden muss. Insbesondere die Ziele 10.7. (Förderung geordneter, sicherer und legaler Migration) und 10.c (Reduzierung der Überweisungskosten von Remittances) sind für den Kontext Migration und Entwicklung relevant. Die positiven Entwicklungswirkungen von Migration werden auch in der New York Deklaration von September 2016 bestätigt und durch die Entwicklung des „Migration Compact“ bis 2018 weiter operationalisiert.

Das „Global Forum on Migration and Development (GFMD)“ ist das wichtigste internationale Forum zum Thema Migration und Entwicklung. In diesem informellen, nichtbindenden und staatlich geführten Austauschformat zum Thema Migration und Entwicklung werden relevante Themen wie sozioökonomische Beiträge von Migranten in Herkunftsländern oder Schutz von Migranten in Aufnahmeländern diskutiert. In 2017 und 2018 werden Deutschland und Marokko den gemeinsamen Vorsitz innehaben.

Auch die Europäische Union hat Migration zu einem wichtigen Thema in ihren Außenbeziehungen gemacht. Für die Ausgestaltung des Themenfeldes Migration und Entwicklung, die Förderung legaler Migration und die Bekämpfung irregulärer Migration stellt sie immer mehr finanzielle Mittel zur Verfügung.

In Deutschland setzt sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für eine stärkere Kohärenz zwischen Migrations- und Entwicklungspolitik ein und nutzt den neuen Ansatz im Rahmen von Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit und auch bei der Entwicklung einer internationalen Migrations-Governance. Ein Beispiel ist die Wissenspartnerschaft „Global Knowledge Partnership on Migration and Development (KNOMAD)“, die sich zum Ziel gesetzt hat, praxisorientiertes Wissen und Handlungsempfehlungen für das Thema Migration in der Politikberatung zu erarbeiten.

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Diasporakooperation

Viele der in Deutschland lebenden Migranten haben sich in Organisationen zusammengeschlossen. Diese engagieren sich häufig bei der Verbesserung der sozialen Infrastruktur ihrer Herkunftsländer: Sie bauen Wasser- und Abwasserleitungen, errichten Gesundheitszentren, Schulen und Berufsschulen, kaufen Medikamente oder kümmern sich um die Energieversorgung in Dörfern.

Die Ziele der Organisationen, die Lebensumstände der Menschen in den Herkunftsländern nachhaltig zu verbessern, decken sich häufig mit denen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Die GIZ unterstützt gemeinnützige Projekte von Migrantenorganisationen in ihren Herkunftsländern. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die in Deutschland lebenden Migranten kennen die gesellschaftlichen und politischen Strukturen ihres Herkunftslandes, sie haben Kontakte zu Entscheidungsträgern aus Kommunen, Institutionen und Organisationen in beiden Ländern. Sprache, Traditionen und Kultur stellen für sie keine Barriere dar, sie kennen das Terrain, auf dem sie sich bewegen – sowohl in ihrer neuen Heimat Deutschland als auch in ihrer alten Heimat und können so Brücken zwischen den beiden Ländern bauen.

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Geldtransfers

Geldtransfers aus der Diaspora (sogenannte Remittances) können Entwicklungs- und Schwellenländern wirkungsvolle Wirtschaftsimpulse bringen. Im Durchschnitt schicken Migranten etwa 20 bis 30 Prozent ihres Einkommens an Familie und Freunde in ihren Herkunftsländern. Im Jahr 2015 kam so, nach Untersuchungen der Weltbank, eine Summe von über 601 Milliarden US-Dollar zusammen; 441 Milliarden US-Dollar gingen dabei in Entwicklungsländer. Vermutlich ist das Gesamtvolumen der weltweiten Remittances weitaus größer; es lässt sich jedoch nur schwer bestimmen, da insbesondere informelle Geldtransfers statistisch nicht erfasst werden. Die weltweiten Mittel offizieller Entwicklungszusammenarbeit lagen 2015 dagegen bei 131 Milliarden US-Dollar – weniger als ein Drittel.

Remittances tragen zur Armutsreduzierung bei: Mit dem Geld der Familienangehörigen aus dem Ausland finanzieren die Menschen ihren Lebensunterhalt, kaufen Nahrung und Kleidung sowie Medikamente, halten ihre Wohnungen instand und investieren in die Schulbildung der Kinder. Bleibt noch Geld übrig, nutzen sie es häufig als Startkapital für kleine Geschäftsgründungen. Gerade in Entwicklungsländern existiert aber oft kein flächendeckendes Bankensystem; ein eigenes Konto zu haben ist meist unüblich. Hinzu kommt, dass Banken und andere Geldtransferanbieter für Überweisungen ins Ausland oft hohe Gebühren verlangen. Migranten nutzen deshalb häufig informelle Kanäle, wenn sie Geld in ihr Herkunftsland senden: Manche geben es Busfahrern mit, die eine Gebühr einbehalten, andere bitten Bekannte, die in das Land reisen, das Geld mitzunehmen oder nehmen es persönlich dorthin mit. Das Risiko, das Geld zu verlieren, z.B. durch einen Überfall oder eine Auseinandersetzung mit korrupten Zoll- oder Grenzbeamten, ist dabei hoch.

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Politikberatung

Erst durch Zusammenarbeit vieler Institutionen und Akteure sowie mit einem guten Migrationsmanagement entsteht aus der Wanderung von Menschen eine gewinnbringende Situation für alle Beteiligten – für die Herkunfts- und Aufnahmeländer sowie für die Migranten selbst. Die Politik der Herkunftsländer gegenüber ihrer Diaspora und den Rückkehrern aus den Aufnahmeländern spielt dabei eine bedeutende Rolle. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit berät Regierungen der Herkunftsländer dabei, spezielle Stellen oder Strukturen für Migrationsangelegenheiten aufzubauen. So können z.B. Beratungsansätze zur Verbesserung einer gendersensiblen Datenerhebung und -auswertung einen kohärenten Migrationsansatz der Kooperationsländer unterstützen.

Aufnahme- wie Herkunftsländer benötigen politische Strategien für die drei Phasen der Migration: Die Zeit vor der Ausreise, während der Migration und nach der Rückkehr. Für die Phase vor einer Migration ist entscheidend, ob Migrationsinteressierte genügend Optionen haben, sodass ihre Migration freiwillig ist. Hierzu zählen etwa Ausbildungs- und Beschäftigungsperspektiven. Für Migrationsinteressierte können Herkunftsländer durch gute Information und Beratung dazu beitragen, dass die Migration sicher und für alle Beteiligten gewinnbringend verläuft. Hierfür sind Beratungsstrukturen z.B. in staatlichen Arbeitsverwaltungen notwendig. In einigen Fällen können Herkunftsländer Berufsgruppen auch in ihrem Land halten, indem sie bessere Verdienstmöglichkeiten oder soziale Vergünstigungen anbieten. Berufliche Qualifizierungen und Sprachkurse vor der Ausreise verbessern die beruflichen Chancen im Aufnahmeland. Aufnahmeländer können klare Kriterien für die Zuwanderung festlegen und Abschlüsse der Migranten anerkennen, damit diese nicht unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten müssen. Leben die Menschen erst im Ausland, ist es für die Herkunftsländer sinnvoll, Angebote zum Transfer von Know-how und Geld zu schaffen, sowie Investitionen, Handel und gemeinnütziges Engagement der Migranten zu fördern. Dadurch unterstützen Migranten die Entwicklung ihrer Herkunftsländer. Ebenso finden sie eher den Weg zurück, wenn ihnen die Rückkehr erleichtert wird, wie zum Beispiel durch Reintegrationsmaßnahmen oder die Sicherung von Renten- und Versicherungsansprüchen.

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Privatwirtschaftsentwicklung durch Migration

Migration birgt Potenziale für die wirtschaftliche Entwicklung der Herkunfts- und Aufnahmeländer. Migranten kennen die Situation im Aufnahme- wie im Herkunftsland. So können sie Marktlücken und wirtschaftliche Gelegenheiten nutzen. Sie gründen neue oder investieren in bestehende Unternehmen oder handeln mit Produkten zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland. Sie sind außerdem Berater und Vermittler von Investitionen und Handelsbeziehungen, da sie Kontakte und Know-how hier wie dort besitzen. Migration ist dadurch weltweit der drittwichtigste Faktor für Innovationen geworden.

In den Aufnahmeländern schafft die dort lebende Diaspora die Nachfrage nach Produkten aus ihrem Herkunftsland. Auf diese Art entstehen neue Märkte: Die Bevölkerung in den Aufnahmeländern lernt neue Lebensmittel und Produkte kennen und schätzen. Die Nachfrage steigt und der Handel nimmt zu. Investitionen, Handel und Innovationen werden auch durch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit ihrer Arbeit in zahlreichen Programmen rund um den Globus gefördert. Innerhalb der einzelnen Länder nutzen die Vorhaben der GIZ die Potenziale der Migranten und Rückkehrer und fördern diese.

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Entwicklungsorientierte Arbeitsmobilität

Viele Menschen verlassen ihre Herkunftsländer, um im Ausland zu arbeiten – darunter Hochschulabsolventen und Fachkräfte, Unternehmer und Selbstständige sowie Mittel- und Geringqualifizierte. Deutschland ist heute eines der wichtigsten Zielländer für Arbeitsmigranten weltweit. Nicht immer ist Arbeitsmigration jedoch von Vorteil für die Migranten selbst, für das Herkunftsland und für die Arbeitgeber in Aufnahmeländern wie Deutschland. Ein Grund hierfür ist, dass die Qualifikationen der Migranten im Aufnahmeland oft nicht anerkannt werden (können). Dies erschwert den Wissens- und Kompetenzzuwachs von Migranten und den Wissenstransfer.

Ein wichtiger Baustein für eine entwicklungsorientierte, aber auch arbeitsmarktorientierte Migrationspolitik ist daher die Anerkennung der Qualifikationen von Migranten. Jedoch gibt es auch andere institutionelle und politische Barrieren sowie sprachliche und kulturelle Hindernisse. Es gibt einige Voraussetzungen, die geschaffen werden können, damit Herkunftsländer, Aufnahmeländer und auch die Arbeitsmigranten selbst von Migration profitieren können: bilaterale oder regionale Regelungen zum Schutz von Arbeitsrechten und zur Regulierung der Kosten von Rekrutierung können dazu beitragen, Arbeitsmigration für alle Seiten gewinnbringend zu gestalten.

Durch die entwicklungsorientierte Gestaltung von langfristigen und kürzeren internationalen Arbeitsaufenthalten trägt die GIZ dazu bei, dass alle drei Seiten von Arbeitsmobilität profitieren – die Migranten, die Aufnahme- und Herkunftsländer – man spricht dann von einer „Triple Win“-Situation.

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Integration und Reintegration

Migration hat vor allem dann Entwicklungswirkungen, wenn sich Migranten im Aufnahmeland integrieren können. Je mehr Zugang sie zu Bildung und Beschäftigung haben und auch am kulturellen Leben im Aufnahmeland teilhaben können, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie wertvolles Wissen und Know-how, aber auch Geld in ihre Herkunftsländer transferieren können. Der Transfer kann, muss aber nicht durch die physische Rückkehr erfolgen, sondern z.B. über Diasporaengagement oder kurze Unterstützungseinsätze der Migranten im Herkunftsland. Aus entwicklungspolitischer Sicht sind aber auch die Rückkehr und Integration im Herkunftsland, die sog. Reintegration, wichtige Schritte im Migrationsprozess.

Reintegration hat entwicklungspolitisches Potenzial für den Einsatz erworbener Kenntnisse nach der Rückkehr, welches gefördert werden kann. Allerdings muss Reintegration angesichts von oftmals schwachen Arbeitsmärkten in Partnerländern und/oder gesellschaftlichen Vorbehalten gegenüber Rückkehrern zugleich entwicklungspolitisch flankiert werden.

Die Entwicklungszusammenarbeit kann dazu beitragen, den Reintegrationsprozess bereits frühzeitig einzuleiten und noch vor der Rückreise Grundlagen für Reintegration zu schaffen: durch Information zu den Lebens- und Beschäftigungsbedingungen im Herkunftsland, durch Vermittlung an Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen und vor Ort durch eine Reintegrationsbegleitung, die auch berufliche Qualifizierung einschließen kann.

Kontakt

Peter Bonin
migration@giz.de
Telefon: +49 6196 79-6338
Fax: +49 (6196) 79 80 6338