Armut weltweit: Wie ungerecht ist die Welt?
Krisen, Konflikte und weniger Geld für Entwicklung treffen die Ärmsten am stärksten: Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst weiter.
Ab wann gilt ein Mensch als arm?
Menschen gelten der Weltbank zufolge als arm, wenn sie mit weniger als einer bestimmten Summe pro Tag auskommen müssen. Die Grenze für extreme Armut liegt seit 2025 bei drei US-Dollar täglich. Da Armut noch andere Formen annehmen kann, spricht man auch von mehrdimensionaler Armut. Hier werden neben dem Einkommen Faktoren wie mangelnde Bildung, Gesundheit oder fehlender Zugang zu sozialer Sicherung erfasst.
Wie viele Menschen leben in Armut?
Im Vergleich zu 1990 leben heute rund 1,5 Milliarden weniger Menschen in extremer Armut. Nichtsdestotrotz waren 2025 nach Angaben der Weltbank noch circa jeder zehnte Mensch und fast jedes fünfte Kind extrem arm. Das entspricht insgesamt rund 831 Millionen Menschen. Bei der mehrdimensionalen Armut waren es sogar wesentlich mehr: rund 1,1 Milliarden Menschen, darunter mehr als die Hälfte (586 Millionen) Kinder. Sie erhalten zu wenig Schulbildung, haben keine angemessene Unterkunft, keine Toilette oder Waschgelegenheiten.
Wer ist am meisten von extremer Armut betroffen?
Die meisten Menschen in extremer Armut leben auf dem Land, in Subsahara-Afrika oder in Konfliktgebieten. Subsahara-Afrika ist die am stärksten von extremer Armut betroffene Region. Fast jede zweite Person muss hier mit weniger als drei US-Dollar am Tag auskommen. Auch in fragilen und von Konflikten heimgesuchten Gegenden grassiert das Elend: Mehr als zwei Drittel aller Menschen, die weltweit von extremer Armut betroffen sind, leben in fragilen Kontexten.
Welche Rolle spielt der Klimawandel in Bezug auf Armut?
Die Folgen der Erderwärmung treffen die arme Bevölkerung besonders hart. Rund 80 Prozent der Menschen in mehrdimensionaler Armut leben in Gebieten, die von starker Hitze, Dürre, Überschwemmungen oder Luftverschmutzung betroffen sind. Dabei können sich arme Menschen schlechter vor Überschwemmungen oder Hitze schützen, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen oder sie keine Absicherung haben. Das ist ungerecht, denn gerade sie haben am wenigsten zum Klimawandel beigetragen. Das reichste Prozent verursacht so viele klimaschädliche Emissionen wie zwei Drittel der Weltbevölkerung. Die ärmsten 50 Prozent tragen jedoch drei Viertel der Einkommensverluste durch den Klimawandel. Ohne konsequenten Klimaschutz werden die Armutszahlen bis zur Mitte des Jahrhunderts wieder steigen.
Wie ungleich ist die Welt bei Einkommen und Vermögen?
Die Unterschiede zwischen und innerhalb von Ländern sind nach wie vor groß und haben sich zuletzt sogar noch verstärkt. So verfügte die untere Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 2022 nur über acht Prozent des Einkommens, während die oberen zehn Prozent mehr als die Hälfte für sich beanspruchen konnten. Bei Vermögen sind die Unterschiede noch stärker. Die reichsten zehn Prozent besaßen rund drei Viertel des globalen Vermögens, die unteren 50 Prozent hingegen nur zwei Prozent. Die Ungleichheit hat zuletzt weiter zugenommen. So stieg das durchschnittliche Vermögen des reichsten Prozents seit dem Jahr 2000 um 1,3 Millionen US-Dollar, das der ärmeren Hälfte hingegen nur um 585 US-Dollar. Die mehr als 3.000 Milliardäre der Welt verfügen mittlerweile über ein Vermögen, das das Bruttoinlandsprodukt aller Länder bis auf China und die USA übertrifft.
Welche Unterschiede bestehen zwischen Männern und Frauen?
Frauen sind besonders stark von Einkommens- und Vermögensungleichheit betroffen. Weltweit besitzen Männer 105 Billionen US-Dollar mehr Vermögen als Frauen, auch beim Einkommen gibt es starke Unterschiede. Frauen und Mädchen arbeiten weltweit in den am schlechtesten bezahlten Jobs und verdienen pro Stunde 39 Prozent weniger als Männer. Eigentlich müsste ihr Anteil am globalen Einkommen ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend bei 50 Prozent liegen. Der Fortschritt ist hier zu langsam, um in absehbarer Zeit gleiche Bezahlung zu erreichen. Besonders gravierend sind die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in Nordafrika, dem Nahen Osten sowie in Asien.
Wo ist die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß?
Am gerechtesten geht es in Europa zu. Danach kommt Ostasien vor Nordamerika. Die größten Unterschiede verzeichnen Nordafrika und der Nahe Osten, gefolgt von Lateinamerika und Subsahara-Afrika. Dabei ist der Graben größer innerhalb von Staaten als zwischen Staaten. Das heißt, die Welt hat sich auf Staaten-Niveau in den vergangenen vier Jahrzehnten angenähert, Unterschiede innerhalb von Ländern sind dafür sogar noch gewachsen. Zwei Drittel aller Menschen leben in Ländern, in denen Einkommensungleichheit innerhalb der Länder zunimmt.
Welche Risiken birgt Ungleichheit?
Ungleichheit greift den Zusammenhalt von Gesellschaften an und gefährdet politische Systeme. In Ländern mit hoher Ungleichheit ist eine Schwächung der Demokratie sieben Mal wahrscheinlicher als in Ländern, die weniger Ungleichheit aufweisen. Denn Ungleichheit fördert das Gefühl von Ungerechtigkeit, untergräbt das Vertrauen in staatliche Institutionen und polarisiert.
Wie lassen sich Armut und Ungleichheit am besten beseitigen?
Der weltweite Kampf gegen Armut stagniert: Konflikte, steigende Schulden und sinkende Mittel der Entwicklungszusammenarbeit belasten vor allem die ärmsten Länder. Während der Covid-19-Pandemie stiegen zudem extremer Reichtum und extreme Armut erstmals seit 1990 gleichzeitig. Der Klimawandel verschärft die Lage zusätzlich. Das bedeutet, dass Armut und Ungleichheit diverse Ursachen haben und komplexe Probleme sind, die nicht einfach zu lösen sind. Unstrittig ist jedoch, dass unter anderem der Zugang zu medizinischer Versorgung, sozialer Sicherung, Bildung und zu menschenwürdiger Beschäftigung einen beträchtlichen Beitrag zu weniger Armut leisten kann. Zudem gilt es, durch eine direkte, progressive Besteuerung Einkommen und Vermögen umzuverteilen und die Staatseinnahmen zu erhöhen, um so wichtige Investitionen in Bildung und Gesundheit zu ermöglich. Vor allem in Ländern mit hohen Einkommensunterschieden lässt sich Armut mit Wirtschaftswachstum allein nicht verringern. Besonders dort muss auch die Ungleichheit aktiv angegangen werden.