„Profit um jeden Preis ist schädlich“
Mit ihrem markant abgeschnittenen „V“ fallen VEJA-Sneaker nicht nur durch ihr Design auf, sondern auch durch die Werte, die sie verkörpern. Angesichts der stetig wachsenden Popularität der Marke blickt Mitgründer François-Ghislain Morillion auf den Weg von VEJA zurück: Er spricht über die Philosophie des Unternehmens – und darüber, welche Rolle die Zusammenarbeit mit Organisationen wie der GIZ für nachhaltige Produktion spielt.
Wie ist der Name „VEJA“ entstanden – und wofür steht er?
„VEJA“ ist Portugiesisch und bedeutet „sieh“ oder „schau“. Wir haben diesen Namen gewählt, weil wir möchten, dass unsere Kundinnen und Kunden unsere Produkte genauer betrachten. In diesem Fall ist es natürlich ein Schuh. Aber woraus besteht dieser Schuh? Wer hat ihn hergestellt? Woher stammen die Materialien? Wir laden die Menschen dazu ein, sich genau diese Fragen zu stellen – und bewusster darüber nachzudenken, was sie eigentlich kaufen.
Sie beschreiben VEJA oft als ein Projekt und nicht einfach als ein Unternehmen. Warum?
Mein Mitgründer Sébastien Kopp und ich waren früher Investmentbanker. Irgendwann haben wir gemerkt, dass Geld allein uns nicht erfüllt. Wir haben unsere Jobs gekündigt und sind auf Reisen gegangen. In Brasilien entstand dann die Idee, eine Sneaker-Marke zu gründen, die auf Nachhaltigkeit und fairer Bezahlung basiert. Auf der Suche nach nachhaltigen Materialien sind wir auf kleine Produzenten von wildem Naturkautschuk und Biobaumwolle in Brasilien und Peru gestoßen. Von Anfang an war VEJA als ein fortlaufendes Projekt konzipiert – immer in Bewegung, mit dem Anspruch, sich stetig weiterzuentwickeln und zu verbessern.
Geht es auch darum, Selbstzufriedenheit zu vermeiden?
Ganz genau. Wir wollen außerdem anderen Unternehmen zeigen, dass es möglich ist, schöne Produkte nachhaltig herzustellen – und dass sie das ebenfalls schaffen können. Wir möchten beweisen, dass der Privatsektor Teil der Lösung sein kann und nicht nur Teil des Problems.
Was genau macht Ihre Produkte nachhaltig?
Wir verwenden biologische Materialien und zahlen den Landwirtinnen und Landwirten faire Preise. Unsere Mitarbeitenden in Brasilien erhalten faire Löhne. Wir beuten niemanden aus. Zudem nutzen wir ausschließlich recycelten Kunststoff und Polyester. Für uns hat Nachhaltigkeit drei Dimensionen: eine wirtschaftliche, eine soziale und eine ökologische.
In Brasilien arbeiten Sie mit der GIZ zusammen. Wie sieht diese Kooperation konkret aus?
Derzeit führen wir zwei Projekte mit der GIZ durch: eines zur Produktion von Biobaumwolle und eines zu wildem Naturkautschuk. Das Baumwollprojekt setzen wir gemeinsam mit unserer lokalen NGO-Partnerorganisation Diaconia um. Es unterstützt Bauernkooperativen im Nordosten Brasiliens beim Übergang zu agroökologischen Anbaumethoden. Das ist besonders wichtig in dieser halbtrockenen Region, weil sie durch den Klimawandel noch anfälliger wird. Um Erträge zu sichern, wird Baumwolle dort jetzt zusammen mit anderen Nutzpflanzen angebaut und Wasser effizienter eingesetzt.
Diaconia begleitet die Landwirt*innen und Kooperativen bei der Umsetzung dieser Methoden. Die GIZ wiederum leistet institutionelle Unterstützung, indem sie Verarbeitungsanlagen für die biologisch angebauten Nahrungsmittel finanziert und entsprechende Schulungen für die Kooperativen anbietet. Wir bei VEJA fördern diesen Wandel, indem wir jedes Jahr garantierte Mengen an Baumwolle abnehmen – und so eine höhere Produktion ermöglichen und den Übergang beschleunigen.
„Wir wollen zeigen: Beim Übergang zu Nachhaltigkeit kann der Privatsektor Teil der Lösung sein.“
Würden Sie diese Zusammenarbeit als eine Partnerschaft bezeichnen, von der alle Beteiligten profitieren?
Auf jeden Fall! Die Landwirtinnen und Landwirte profitieren von sicheren Einkommen und sind besser auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereitet. Diaconia kann im Rahmen ihres Mandats immer mehr Betriebe bei der Umstellung unterstützen, mit institutioneller Rückendeckung durch die GIZ. Im Gegenzug profitieren wir von einer wachsenden Menge nachhaltig angebauter Baumwolle für unsere Sneaker. Es ist eine klassische Win-win-Situation für alle Beteiligten.
Wie funktioniert das Kautschukprojekt – und welche Rolle spielt die GIZ dabei?
Seit rund 20 Jahren kauft VEJA Kautschuk aus dem Amazonasgebiet und arbeitet dabei direkt mit Kooperativen der sogenannten Seringueiros, also Kautschukzapferinnen und -zapfer, zusammen. Neben dem Kauf des Kautschuks ist es unser Ziel, den Wald zu schützen, indem wir die Produzentinnen und Produzenten für den Rohstoff und zugleich für den Erhalt des Waldes entlohnen – im Einklang mit gesetzlichen Vorgaben. Außerdem haben wir vor kurzem beschlossen, einen Schritt weiterzugehen und aktiv zur Wiederherstellung zerstörter Flächen beizutragen. Dieses Projekt haben wir gemeinsam mit der GIZ entwickelt. Über einen Zeitraum von drei Jahren werden teilnehmende Familien zusätzlich dafür bezahlt, dass sie abgeholzte Flächen regenerieren lassen und gezielt heimische Baumarten pflanzen. Diese liefern später vermarktbare Produkte wie Früchte, Nüsse oder Öle. So entstehen durch die Wiederherstellung des Amazonaswaldes neue wirtschaftliche Perspektiven für die produzierenden Familien.
Warum ist die Beteiligung der GIZ für dieses Projekt wichtig?
Es handelt sich um ein Pilotprojekt mit 66 Familien über einen Zeitraum von drei Jahren. Wenn das Projekt erfolgreich ist, wollen wir diesen Ansatz auf unsere gesamte Kautschuk-Lieferkette übertragen. Für ein privates Unternehmen, das wirtschaftlich arbeiten muss, ist es jedoch schwierig, ein solches innovatives Pilotprojekt allein zu finanzieren. Die finanzielle Unterstützung der GIZ ermöglicht es uns, die langfristigen Auswirkungen auf die Regeneration von Flächen, Biodiversität und Haushaltseinkommen systematisch zu beobachten. Diese Daten sind entscheidend, um den Erfolg des Projekts zu bewerten und über weitere Kooperationen zu entscheiden.
VEJA ist eine französische Sneaker-Marke, die 2004 von den ehemaligen Investmentbankern Sébastien Kopp und François-Ghislain Morillion gegründet wurde. Das Unternehmen investiert nur wenig in Werbung. Es setzt stattdessen auf fair gehandelte und umweltfreundliche Materialien. VEJA arbeitet direkt mit Kleinbauern und Kooperativen zusammen. Den Großteil seiner Schuhe produziert VEJA in Brasilien, wo das Unternehmen in zwei Projekten mit der GIZ kooperiert – eines zur Förderung von wildem Naturkautschuk, eines zum Anbau von Biobaumwolle. VEJA zeigt, dass modernes Design mit wirtschaftlichem Erfolg, sozialer Verantwortung und ökologischer Nachhaltigkeit vereinbar ist. 2024 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 250 Millionen Euro und beschäftigt heute mehr als 600 Mitarbeitende in Europa und Lateinamerika.
Sind öffentlich-private Partnerschaften aus Ihrer Sicht entscheidend, um nachhaltige Innovationen voranzubringen?
Meiner Meinung nach sind sie unverzichtbar. Wir sprechen hier von einem Paradigmenwechsel, den der Privatsektor allein nicht bewältigen kann. Der Übergang zu nachhaltigeren Wirtschaftspraktiken braucht auch öffentliche Mittel, um Veränderungen anzustoßen und abzusichern.
Wie schwierig ist es, an Nachhaltigkeit festzuhalten, wenn das Interesse daran aktuell eher nachzulassen scheint?
Wir erleben tatsächlich so etwas wie eine Ermüdung in Bezug auf Nachhaltigkeit. Ein Grund dafür ist, dass der Begriff von vielen Unternehmen genutzt wurde, die nie wirklich nachhaltig waren. Ein weiterer Grund ist politischer Natur – wir beobachten gerade ein Erstarken konservativer Strömungen. Doch all das beeinflusst uns nicht. Wir ändern unseren Kurs nicht, weil Nachhaltigkeit gerade im Trend liegt oder auch nicht. Sondern wir handeln so, weil wir davon überzeugt sind, dass wir das Richtige tun.
Warum ist Profit für VEJA wichtig, aber kein Selbstzweck?
Wir sind nicht gegen Gewinne. Aber wir sind überzeugt, dass Profit um jeden Preis schädlich ist. Wer ausschließlich den Gewinn im Blick hat, schaut nur auf Zahlen – nicht auf Menschen oder den Planeten. Mit dieser Einstellung haben wir VEJA nicht gegründet und wollen dort auch nicht landen. Aber natürlich ist es schön, wenn sich dieser Kurs wirtschaftlich auszahlt.