Soziale Entwicklung

Bildung muss weitergehen

Corona hat die Welt in eine Bildungskrise gestürzt. Ist Digitalisierung die Rettung?

© GIZ/Thomas Imo

Die Corona-Pandemie hat eine globale Bildungskrise ausgelöst – mit dramatischen Folgen für Schüler*innen auf der ganzen Welt. Die GIZ unterstützt afrikanische Länder dabei, ihre Bildungssysteme mithilfe von digitalen Lösungen krisensicher und zukunftsfähig zu machen.

Laut Angaben der UNESCO konnten mehr als 1,6 Milliarde Kinder und Jugendliche weltweit zum Höhepunkt der Corona-Pandemie im April 2020 keine Schule besuchen – das sind 94 Prozent aller Schüler*innen. Besonders hart hat es Afrika getroffen: „Kaum ein afrikanisches Land war auf die Krise vorbereitet“, sagt Grant Kasowanjete. Der 45-Jährige arbeitet für die Globale Bildungskampagne (Global Campaign for Education, GCE) in Südafrika, einem Dachverband von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) weltweit, die sich für bessere Bildung in ihren Ländern einsetzen.

Während Schulen in anderen Regionen der Erde innerhalb von relativ kurzer Zeit zumindest teilweise auf Online-Unterricht umsatteln konnten, fehlen in vielen Gegenden Subsahara-Afrikas nach wie vor Alternativen zum Präsenzunterricht: „Sind die Schulen geschlossen, fällt Bildung aus“, bringt Kasowanjete es auf den Punkt.

Das kann schwerwiegende Folgen für die Zukunftschancen der Schüler*innen haben: Statt zu lernen, müssen sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen. Sie verpassen den Unterricht und schaffen später im schlimmsten Fall den Wiedereinstieg in die Schule nicht – und fallen aus dem System. „‘Leave no one behind‘ ist das Motto der Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen“, sagt Kasowanjete. „Aber in der Pandemie haben wir viele Schülerinnen und Schüler zurückgelassen.“

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Bildung für alle: Digitalisierung als Schlüssel

Grant Kasowanjete will das nicht akzeptieren. „Bildung muss weitergehen“, betont der Leiter des Dachverbands GCE. Er sieht die Lösung in der Digitalisierung der afrikanischen Bildungssysteme: Mit E-Learning will GCE eine Bildungsalternative schaffen: für alle und auch in schwierigen Zeiten.

Dabei geht es ihm nicht nur um Corona: „Pandemien, Naturkatastrophen, Bürgerkriege – all das kann auch in Zukunft dazu führen, dass Kinder in Afrika nicht zur Schule gehen können. Aber wenn die Lerninhalte digitalisiert sind, wenn Lehrer unterrichten können, ohne vor den Schülern zu stehen, dann hat Bildung eine Chance.“

Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das größte Hindernis für virtuelles Lernen, sagt Kasowanjete, sei die fehlende Kommunikationsinfrastruktur: Vor allem in ländlichen Regionen Afrikas gibt es oft kein Internet, teilweise nicht einmal Strom für Radio oder TV. Er selbst ist in Malawi aufgewachsen, erst als junger Angestellter bei einer internationalen Organisation kam er mit Computern in Berührung. Auch Mobilfunk ist nur bedingt eine Lösung: „In manchen Gegenden müssen die Menschen 15 Kilometer fahren, um ein Handy-Telefonat zu führen.“ 

Die Probleme sind offensichtlich. Nur: Belegen kann er es nicht – denn es gibt kaum Daten. Doch die brauchen die NGOs, wenn sie die Regierungen von einem Ausbau der Digitalisierung überzeugen und neue E-Learning-Konzepte entwickeln wollen.

© GIZ/Thomas Imo

GCE und GIZ machen Bildung krisensicher

Unterstützung kommt aus Deutschland: Bereits seit 2011 unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Rahmen der BACKUP Initiative die GCE. Im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) trägt sie unter anderem dazu bei, den afrikanischen Bildungs-NGOs eine starke Stimme zu geben und sie für Verhandlungen mit den Regierungen fit zu machen. Die Partnerschaft ist eingespielt.

2020 wurde die Zusammenarbeit thematisch ausgeweitet: Gemeinsam gehen GCE und BACKUP nun auch das Thema Digitalisierung der Bildung an – als Teil eines Programms, das von der Europäischen Union als Reaktion auf Corona mitfinanziert wird. Die GIZ setzt es gemeinsam mit der belgischen Entwicklungsorganisation Enabel um, in acht afrikanischen Ländern und mit verschiedenen lokalen Partnern, darunter Ministerien und NGOs. Das Ziel: Die Bildungssysteme durch digitale Lösungen krisenfester machen.

„Schon vor Corona hat der digitale Wandel die Bildungslandschaft weltweit grundlegend verändert“, erklärt Ronja Hölzer, die das Programm bei der GIZ leitet. Der Ausbau von digitalen Lösungen auch in Afrika trage dazu bei, dass viel mehr Menschen einen Zugang zu Bildung bekämen und ihre Zukunftsperspektiven deutlich verbessern könnten. „Durch die Pandemie ist das Thema noch dringlicher geworden.“

Der Plan von GCE: Im ersten Schritt gibt der Dachverband mit Unterstützung der GIZ eine Studie in Auftrag, die die fehlenden Daten zum Status quo der Kommunikationsinfrastruktur liefern soll – in Ländern mit so unterschiedlichen Voraussetzungen wie der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda und Sambia. Eine wichtige Grundlage für die Arbeit des Programms: „Alles, was wir in Zukunft entwickeln, muss für den öffentlichen Bildungssektor in ganz Afrika umsetzbar sein“, fordert Kasowanjete. „Gibt es kein Internet, geht es vielleicht mit Radio oder über Mobilfunk. Gibt es keinen Strom, gibt es vielleicht Batterien, Generatoren oder Solarenergie.“

Alle Player an einem Tisch

Die Studienergebnisse und Empfehlungen für den Ausbau von E-Learning-Strukturen wird GCE den Bildungs-NGOs in ganz Afrika zur Verfügung stellen. In einer großangelegten Kampagne wollen sie auf dem gesamten Kontinent für den digitalen Wandel werben – und alle wichtigen Player für die Umsetzung an einen Tisch bringen: die zuständigen Ministerien, die NGOs, die internationalen Organisationen genauso wie die lokalen Telekommunikationsunternehmen und Gemeinden. Gemeinsam sollen sie zukunftsfähige und praktikable Lösungen für virtuellen Unterricht erarbeiten, die auf den lokalen Kontext zugeschnitten sind.

Die GIZ unterstützt GCE mit Beratung und ihrer jahrzehntelangen Erfahrung beim Thema Bildung sowie digitale Bildung, mit finanziellen Mitteln – und ihren internationalen Netzwerken. „Ohne die GIZ wären wir mit GCE nicht da, wo wir heute stehen“, fasst Kasowanjete zusammen.

Fragt man ihn nach dem Zeitplan, zeigt er sich optimistisch: „Wenn Corona es geschafft hat, in zwei Jahren alles zu zerstören, sollten wir es schaffen, in zwei Jahren alles wiederaufzubauen – und zukunftsfähig zu machen.“

Stand: September 2021

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