Interview

„Die Digitalisierung des Gesundheitssektors ist ein Empowerment-Programm für Afrika und Europa“

Digitalisierung macht die medizinische Versorgung effizienter, sicherer und patientenfreundlicher. Was Afrika und Europa dabei voneinander lernen können, wissen Kirstin Grosse Frie und Julius Murke, die für die GIZ Vorhaben im Bereich digitale Gesundheit in Afrika umsetzen.

Mehrere Personen sitzen in einem hellen Raum an einem Tisch mit Laptop und Unterlagen und sprechen miteinander, im Hintergrund ein Banner „One Health Data Alliance Africa“.
Studio-Porträt einer Frau mit schulterlangem blondem Haar, dunklem Oberteil und dunkelblauem Blazer vor dunklem Hintergrund.
Kirstin Grosse Frie leitet das BMZ-Projekt „One Health Daten Allianz Africa“ sowie zwei GIZ-eigene Projekte zu digitaler und technologiegestützer Gesundheit in Afrika.

Frau Grosse Frie, Herr Murke, welche Rolle spielt Digitalisierung im Gesundheitswesen dabei, das Leben zu verbessern, besonders in afrikanischen Staaten?

Julius Murke: 30 Prozent aller weltweiten Daten sind heute schon Gesundheitsdaten. Das zeigt die Bedeutung des Sektors. Er repräsentiert zehn Prozent des weltweiten Wirtschaftsvolumens und ist Europas zweitwichtigster Exportsektor. Wie überall auf der Welt geht es auch in Afrika darum, Verwaltungsprozesse in der Gesundheitsversorgung effizienter zu gestalten. Das geschieht etwa durch digitale Abrechnungssysteme, durch Patientendokumentation im Krankenhaus oder die Logistik für Medikamentenlieferketten.

Digitale Anwendungen können außerdem Patient*innendaten wie etwa Röntgenbilder, Laborbefunde, Diagnosen und Behandlungsverläufe an einem Ort bündeln. So haben Ärzt*innen und Pflegekräfte schneller Zugriff darauf. Manche Länder, wie beispielsweise Kenia, sind hier schon sehr weit, andere noch nicht.

Kirstin Grosse Frie: Darüber hinaus können solche Daten anonymisiert beispielsweise mit Klimadaten verbunden und für den Gesundheitsschutz genutzt werden. In einem Vorhaben haben wir mit Daten von der European Space Agency KI-Modelle entworfen, die Hinweise geben, wo Malariaausbrüche zu erwarten sind. Gesundheitsbehörden können diese Daten künftig nutzen, um in gefährdeten Regionen rechtzeitig Malariamedikamente oder Sprühmittel gegen Mücken bereitzustellen, ohne dass sie extra in neue Datenerhebungssysteme investieren müssen.

In Afrika wie in Europa ist das Interesse groß, Gesundheitsdaten vor Missbrauch zu schützen und die Kontrolle darüber zu behalten.

Kirstin Grosse Frie

Wie unterstützt die GIZ afrikanische Länder sonst noch auf diesem Gebiet?

Grosse Frie: Nicht erst seit der Coronapandemie wissen wir, dass Krankheiten immer häufiger vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Um solche Infektionskrankheiten zu verhindern oder früh zu stoppen, müssen wir Daten aus der Tiergesundheit und der Humanmedizin verknüpfen. Doch das war bisher kaum möglich, weil sich die Datenstandards und Informationssysteme stark unterscheiden. Oft wissen Forschende nicht einmal, über welche Daten andere Fachbereiche verfügen.

Wir bringen nun erstmals auf Länderebene, aber auch auf Ebene der Afrikanischen Union, Partner aus der Humanmedizin und der Tiergesundheit zusammen, um die Voraussetzungen für einen Datenaustausch zwischen Ministerien und Ländern zu schaffen.

Murke: Auf nationaler Ebene unterstützen wir unsere Partnerländer dabei, ihr Gesundheitswesen digital aufzustellen, etwa mit elektronischen Patientenakten. Kurz: Wir beraten sie beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur für ihr Gesundheitswesen.

Studio-Porträt eines Mannes mit lockigem dunklem Haar in schwarzem Rollkragenpullover vor neutralem Hintergrund.
Julius Murke arbeitet bei der GIZ an den Themen One Health und Digital Health in Afrika und berät die Regierung in Kamerun zur Digitalisierung des Gesundheitssektors.

„Wir machen uns damit unabhängiger von der Dominanz amerikanischer oder chinesischer Anbieter.“

Julius Murke

Auch Europa steht vor großen Herausforderungen bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Können wir voneinander lernen?

Grosse Frie: In Europa stecken viele Daten in sogenannten Datensilos, also in unterschiedlichen Systemen, die nicht zusammenpassen. Solche Fehler können afrikanische Länder von Anfang an vermeiden, indem sie eine entsprechende digitale Infrastruktur schaffen: quasi das Straßennetz und die Verkehrsregeln, auf denen Daten sich hin- und herbewegen und auf dem der Privatsektor Serviceleistungen aufbaut.

Murke: Umgekehrt sehen wir bei Anwendungen wie der Telemedizin – also der medizinischen Beratung und Behandlung per Video oder Telefon – auf dem afrikanischen Kontinent eine deutlich stärkere Dynamik als in Europa. Die GIZ hat bereits mehrere öffentlich-private Partnerschaften in diesem Bereich in Afrika gefördert. Das kann Vorbild für Europa sein.

Wenn Afrika und Europa bei der Technologieentwicklung im Gesundheitsbereich enger zusammenarbeiten, stärken wir zudem die Digitalwirtschaft auf beiden Kontinenten. Wir machen uns unabhängiger von der Dominanz amerikanischer oder chinesischer Anbieter.

Hat eine europäisch-afrikanische Kooperation auch Vorteile mit Blick auf die Datensouveränität?

Grosse Frie: Gesundheitsdaten sind sensible Daten. In Afrika wie in Europa ist das Interesse groß, diese vor Missbrauch zu schützen und die Kontrolle darüber zu behalten. Digitale öffentliche Infrastruktur, die Standards und offene Schnittstellen festlegt, sowie die Entwicklung und Nutzung von Open-Source-Lösungen können helfen, unabhängiger von einzelnen Software-Anbietern zu werden. Damit schaffen Afrika und Europa zugleich Rahmenbedingungen für gemeinsame Märkte und Technologietransfer. Das ist eine notwendige Voraussetzung, um im Wettbewerb mit den Tech-Giganten überhaupt noch mithalten zu können.

Wie können Afrika und Europa gemeinsam Gesundheitsdaten nutzen, um das Leben von Menschen auf beiden Kontinenten zu verbessern?

Murke: In Europa und in Afrika sollten sogenannte Health-Data-Spaces entstehen, länderübergreifende Datenräume für Gesundheitsdaten. Forschende können diese anonymisierten Daten nutzen, um schneller neue Medikamente und Therapien zu entwickeln. Gleichzeitig erlauben sie den fairen, transparenten und sicheren Austausch von Daten.

Grosse Frie: Grundsätzlich erhalten Menschen durch die Digitalisierung besseren Zugang zu Informationen über ihre Gesundheit und Risiken. Daten helfen ihnen, gesünder zu leben, informierte Entscheidungen zu treffen und besseren Schutz einzufordern. Forschung und Technologieentwicklung benötigen ebenfalls den Zugriff auf diese qualitativ hochwertigen Daten, um damit die Diagnose von Krankheiten zu verbessern und die Prävention und Behandlung zu individualisieren. Wir stehen hier weltweit erst am Anfang. Die Digitalisierung des Gesundheitssektors ist also ein echtes Empowerment-Programm für die Menschen und die Wirtschaft in Afrika und Europa.

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