„Das Interesse an Afrika steigt stark an“
Heiko Schwiderowski ist Referatsleiter für Subsahara-Afrika und Entwicklungszusammenarbeit bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und Mitglied im GIZ-Wirtschaftsbeirat. Er sieht gute Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft in Afrika – aber auch noch viele Hürden.
Seit Jahren gilt Afrika als Kontinent der Chancen. Ist er das?
Ich würde es gerne umgekehrt formulieren: Wegen der geopolitischen Lage bleibt deutschen Unternehmen keine andere Wahl, als sich um neue Märkte zu kümmern. Wir kennen die Risiken in China, die Herausforderungen in den USA, wissen um das Entkoppeln von Russland. Deshalb streben deutsche Firmen stark danach, sich bei Lieferketten und Absatzmärkten breiter aufzustellen, und richten ihren Blick verstärkt auch auf Afrika.
Spüren Sie bei der DIHK ein wachsendes Interesse?
Wir erleben tatsächlich einen starken Anstieg des Interesses von Unternehmen bei Reisen, Veranstaltungen, Messeteilnahmen und Einzelberatungen. Allerdings gibt es gleichzeitig große Wissenslücken und eine starke Sensibilität gegenüber möglichen Risiken. Beides ist auch größer als auf anderen Weltmärkten.
Bisher gehen erst etwa zwei Prozent der deutschen Exporte nach Afrika. Wird sich das bald ändern?
Der Handel insgesamt liegt bei rund zwei Prozent – immer noch niedrig. Ich bin aber vorsichtig optimistisch, dass das Engagement deutscher Unternehmen von diesem Niveau aus stetig wachsen wird. Auch wenn es Zeit braucht. Die Beschreibung, Afrika sei das neue China, wie manchmal behauptet, halte ich hingegen für überzogen.
Wie weit hinkt Deutschland beim Handel mit Afrika anderen Staaten hinterher?
Weit. Aber deutsche Unternehmen genießen einen sehr guten Ruf in Afrika, wegen der Qualität der Produkte, ihrem meist langfristigen Engagement und der guten Zusammenarbeit vor Ort. Darauf sollten wir aufbauen.
„Wir sehen eine große Offenheit in der internationalen Zusammenarbeit, sich stärker mit der Wirtschaft zu verzahnen. Das ist sehr begrüßenswert, aber jetzt brauchen wir auch die Prozesse dazu. Wir würden uns wünschen, wirtschaftliche Aspekte systematischer in die Planung und Umsetzung von Projekten einzubeziehen.“
In welchen Branchen sehen Sie die besten Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft?
Besondere Potenziale sehen wir derzeit unter anderem in den Bereichen Energie, Gesundheit und Landwirtschaft. Fast alle afrikanischen Länder sind dabei, ihre Energiesysteme hochzufahren und zugleich sozial-ökologisch auszurichten. Hier haben deutsche Firmen viel zu bieten. Vielleicht nicht immer bei der Ausrüstung, da hat Fernost die Nase vorn, aber wir haben zum Beispiel hervorragende Ingenieurbüros, die die energetische Umstellung von Unternehmen begleiten können. Auch bei Effizienztechnologien, die den Energie- oder Ressourcenverbrauch senken, ohne Leistungseinbußen zu verursachen, sind wir gut aufgestellt.
Welche Chancen bieten sich bei Gesundheit und Landwirtschaft?
Der Bedarf im afrikanischen Gesundheitswesen ist riesig – von Krankenhäusern in urbanen Zentren, die es auszustatten gilt, bis zur medizinischen Grundversorgung im ländlichen Raum. Die deutsche Pharmabranche verfügt über hohe technologische Kompetenz. Daraus ergeben sich grundsätzlich interessante Geschäftsmöglichkeiten. Die Landwirtschaft ist der größte Sektor in Afrika und wächst weiter. Auch hier gibt es gute Möglichkeiten, etwa für den Maschinen- und Anlagebau. Allerdings ist das noch zu wenig bekannt.
Was sind außer Wissenslücken und Risikoscheu die größten Hürden für Investitionen in Afrika?
Abgesehen von zum Teil schwierigen Verhältnissen vor Ort, die wir von hier aus nur bedingt ändern können, fehlt es vor allem an Finanzierungen und Risikoabsicherungen. Beides ist für das Engagement in Afrika schwer zu bekommen. Das ist bedauerlich, weil Firmen dann entweder fernbleiben oder auf andere europäische Länder ausweichen müssen und dann oft die Auflage erhalten, Lieferungen aus dem dortigen Land zu beziehen. Hier wünschen wir uns ganz klar, dass deutsche Risikoabsicherungen einfacher zugänglich sind. Das ließe sich politisch regeln. Zusätzlich wäre ein öffentlich-privater Afrika-Investment-Fonds hilfreich.
Welche Länder halten Sie – neben bekannten Märkten wie Südafrika – für besonders attraktiv?
Dynamische wirtschaftliche Entwicklungen beobachten wir beispielsweise in Ländern wie der Elfenbeinküste, Senegal, Sambia, Angola, Ruanda oder Tansania. Auch die Demokratische Republik Kongo bleibt aufgrund ihrer Rohstoffvorkommen wirtschaftlich relevant, wenngleich die bekannten politischen und sicherheitsrelevanten Herausforderungen sorgfältig berücksichtigt werden müssen. Deutschland sollte die wirtschaftlichen Entwicklungen in diesen Märkten aufmerksam begleiten.
Heiko Schwiderowski ist Referatsleiter für Subsahara-Afrika und Entwicklungszusammenarbeit bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Afrika und begleitet die wirtschaftspolitische Arbeit der DIHK zu afrikanischen Märkten. Schwiderowski hat selbst einige Jahre in Namibia gelebt und gilt als ausgewiesener Afrika-Experte.
Der GIZ-Wirtschaftsbeirat bildet eine Plattform für den regelmäßigen Austausch zwischen Wirtschaft und internationaler Zusammenarbeit. Er setzt sich zusammen aus Vertreter*innen von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden. Ziel ist es, Wirtschaft und internationale Zusammenarbeit stärker zu vernetzen.
Was könnte die internationale Zusammenarbeit beitragen, damit es für deutsche Unternehmen einfacher wird?
Die internationale Zusammenarbeit könnte auf Wirtschaftsverbände zukommen, sie über neue Entwicklungsprojekte informieren und so frühzeitig deutsche Unternehmen als Partner oder Zulieferer ins Spiel bringen. Das geht vor Ort über die Außenhandelskammern oder zum Beispiel über die „Subsahara-Afrika Initiative“.
Geschieht das nicht schon?
Zum Teil, aber nicht routinemäßig. Wir sehen eine große Offenheit in der internationalen Zusammenarbeit, sich stärker mit der Wirtschaft zu verzahnen. Das ist sehr begrüßenswert, aber jetzt brauchen wir auch die Prozesse dazu. Wir würden uns wünschen, wirtschaftliche Aspekte systematischer in die Planung und Umsetzung von Projekten einzubeziehen. So könnten die sogenannten ESG-Kriterien um ein „E“ für Economy ergänzt werden. Das bedeutet: die deutsche Wirtschaft pflichtgemäß mitzudenken und einzubinden.
Sie sind auch Mitglied im Wirtschaftsbeirat der GIZ. Welche Impulse könnten von ihm künftig ausgehen?
Er könnte Vorhaben und Formen der Zusammenarbeit, die gut gelaufen sind, sichtbarer machen und so dafür sorgen, dass sie auf andere Gegenden und Länder übertragen werden. Denn wir brauchen Modelle und Best Practices. Damit mehr Firmen folgen. Generell gilt: Wir müssen uns alle noch sehr viel stärker mit Afrika befassen.