Wo jordanische Fachkräfte die Wirtschaft stärken
Ein mittelständischer Betrieb in Ostwestfalen deckt mit Unterstützung der GIZ seinen Fachkräftebedarf: Das kunststoffverarbeitende Unternehmen Hadi-Plast profitiert von Auszubildenden aus Jordanien.
Es ist heiß in der Produktionshalle von Hadi-Plast. Rund 42 Spritzgussmaschinen laufen hier, mehr als 1.300 Werkzeuge sind gleichzeitig im Einsatz. Hitze schmilzt und verflüssigt das Kunststoffgranulat, das unter hohem Druck in seine Formen gespritzt wird. Hier entstehen präzise Kunststoffteile für die Elektronikindustrie, für Automobil- und Fahrradhersteller, für Möbel, Armaturen und medizinische Anwendungen.
Mittendrin steht Ehab Othman an einer Spritzgussmaschine. Der junge Jordanier ist inzwischen im zweiten Jahr seiner Ausbildung. Er kontrolliert die Produktion, setzt Werkzeuge an die Maschinen und verpackt die fertigen Produkte. „Wir haben viele unterschiedliche Aufgaben“, sagt er. „Mir gefällt die Arbeit an den Maschinen.“
Fachkräfte selbst ausbilden
Für Hadi-Plast ist die Suche nach Nachwuchs eine große Herausforderung. Der Familienbetrieb ist seit 1977 auf die Verarbeitung thermoplastischer Kunststoffe im Spritzguss spezialisiert. Produziert wird rund um die Uhr im Dreischichtbetrieb. Fachkräfte zu finden, die bereit sind, in diesem System zu arbeiten, wird immer schwieriger. Das gilt auch für Auszubildende.
„Deutschland will im Bereich Kunststoffkomponenten wettbewerbsfähig bleiben. Dazu braucht es aber auch den entsprechenden Nachwuchs.“
Der Beruf des Verfahrensmechanikers beziehungsweise Kunststofftechnologen sei bei jungen Menschen wenig präsent, sagt Karsten Anger, geschäftsführender Gesellschafter der Hadi-Plast GmbH. Gleichzeitig steige die Nachfrage nach Kunststoffkomponenten wegen des wachsenden Bedarfs der Elektronikindustrie. „Deutschland will hier wettbewerbsfähig bleiben. Dazu braucht es aber auch den entsprechenden Nachwuchs.“
Auf einer Dienstreise nach Jordanien erfuhr Anger von dem Projekt „Partnerschaften für entwicklungsorientierte Ausbildungs- und Arbeitsmigration (PAM)“ und war von der Idee angetan. „Das war für uns eine Chance, Fachkräfte dauerhaft zu sichern und selbst auszubilden“, erzählt er.
Das Projekt „Partnerschaften für entwicklungsorientierte Ausbildungs- und Arbeitsmigration (PAM)“ schlägt eine Brücke zwischen internationalen Nachwuchskräften und deutschen Betrieben, die händeringend Auszubildende suchen. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) setzt die GIZ das Projekt gemeinsam mit Partnern aus Ministerien und Berufsbildungsinstitutionen in den Partnerländern um. Aktuell ist PAM in Ecuador, Vietnam und Jordanien aktiv. Junge Menschen werden beispielsweise in Berufsfeldern wie Bäckerei, Industriemechanik, Elektronik oder Zerspanungstechnik auf eine Ausbildung in Deutschland vorbereitet. Die Unterstützung reicht von intensiven Deutschkursen über transkulturelle Trainings und fachliche Vorqualifizierung bis hin zu Beratung bezüglich Visa und Anerkennung sowie Bewerbungscoaching und Vorbereitung auf Job-Interviews mit deutschen Unternehmen. Ziel sind tragfähige Partnerschaften zwischen der Wirtschaft in Deutschland und Berufsbildungsinstitutionen in den Herkunftsländern. Davon sollen alle profitieren.
Mit PAM kann Hadi-Plast nun einen neuen Weg gehen. Inzwischen beteiligt sich das Unternehmen im zweiten Jahr an dem Projekt und hat bereits den dritten Auszubildenden aus Jordanien aufgenommen. Alle drei erlernen den Beruf des Kunststofftechnologen. In Jordanien hatten sich 20.000 Menschen gemeldet, die einen technischen Beruf in Deutschland erlernen wollten. „Es ist ein Riesenvorteil für uns, dass wir aus einer Quelle mit sehr viel Potenzial schöpfen können, die wir in Deutschland nicht mehr so zur Verfügung haben“, sagt Anger.
Ein neuer Beruf, ein neues Land
Für Ehab Othman war die Entscheidung für Deutschland auch eine Entscheidung für einen neuen beruflichen Weg. In Jordanien hatte er Bauingenieurwesen studiert und im Kundenservice gearbeitet. Dann hörte er von der Möglichkeit, sich über die GIZ auf eine Ausbildung in Deutschland vorzubereiten und in Kontakt mit interessierten Unternehmen zu kommen. „Ich wollte eine gute Ausbildung in Deutschland machen. Ohne das PAM-Projekt hätte ich das nicht geschafft.“ Das Projekt unterstützte ihn bereits in Jordanien bei der Vorbereitung. Der Jordanier lernte mit einer Gruppe junger Leute Deutsch und erhielt Informationen über die Ausbildung und das Leben in Deutschland.
Die GIZ unterstützte auch dabei, das Visum zu beantragen. Seit Herbst 2025 lebt Ehab Othman in Deutschland. Die neue Umgebung und vor allem die Sprache waren zunächst eine Herausforderung. „Am Anfang war alles neu für mich. Aber mit der Zeit wurde es einfacher.“
Seine Berufsschule befindet sich in Lemgo, rund 45 Autominuten vom Firmensitz in Hövelhof entfernt. Der Unterricht findet im Block statt: Mehrere Monate Schule wechseln sich mit mehreren Monaten im Betrieb ab. Besonders beeindruckt ihn das duale Ausbildungssystem mit Theorie und Praxis.
Ankommen im Arbeitsalltag
Christopher Heers ist Produktionsleiter bei Hadi-Plast und damit nah dran an den Auszubildenden und ihrem Arbeitsalltag. Ehab habe sich schnell in das Team integriert, sagt Heers. „Er ist sehr wissbegierig und offen. Wenn er irgendwelche Probleme hat, geht er den Dingen nicht aus dem Weg, sondern fragt explizit nach. Er will den kompletten Kontext wirklich verstehen.“
Gerade die Sprache ist eine der größten Herausforderungen. Neben dem alltäglichen Deutsch kommen im Betrieb zahlreiche Fachbegriffe hinzu. Die Kolleginnen und Kollegen bei Hadi-Plast helfen, wenn etwas unklar ist. Sie sprechen langsamer, fragen nach, ob der Jordanier alles verstanden hat, oder springen, wenn nötig, mit Englisch und Übersetzungsprogrammen ein. Irgendwann, so beschreibt es Heers, fiel Ehab nicht mehr als „der Azubi aus Jordanien“ auf. Er war einfach Teil des Teams geworden, baute selbstständig das Werkzeug auf, war selbstverständlich bei jeder Betriebsfeier dabei.
Vom ersten Azubi zum dritten
Mit dem ersten jordanischen Auszubildenden betrat Hadi-Plast Neuland – von sprachlichen und kulturellen Fragen bis hin zu organisatorischen Themen. Inzwischen kann der Betrieb auf die Erfahrungen aus dem ersten Jahr zurückgreifen. Dies hilft auch den anderen beiden jordanischen Auszubildenden.
Ganz ohne Herausforderungen ist der Weg jedoch nicht. Die Organisation von Wohnungen und die verschiedenen Behördengänge in Deutschland bedeuten für das Unternehmen zusätzlichen Aufwand. Gerade hier sieht Karsten Anger einen wichtigen Vorteil des PAM-Projekts: Die Unterstützung durch das GIZ-Team sei in den verschiedenen Phasen in Jordanien sehr hilfreich gewesen.
„Wir sind davon überzeugt, dass es ein langfristiger Baustein sein kann, um Fachkräfte zu gewinnen, und können PAM anderen Unternehmen empfehlen.“
Ein Weg für die Zukunft
Für Hadi-Plast soll die Ausbildung internationaler Nachwuchskräfte kein einmaliges Projekt bleiben. „Wir sind davon überzeugt, dass es ein langfristiger Baustein sein kann, um Fachkräfte zu gewinnen, und können das Projekt anderen Unternehmen empfehlen“, sagt Geschäftsführer Karsten Anger.
Auch Christopher Heers sieht darin eine Chance, angesichts des Fachkräftemangels neue Wege zu gehen. Entscheidend sei eine offene Haltung aufseiten des Unternehmens ebenso wie bei den Auszubildenden. Dabei gehe es um mehr als die Sicherung von Fachkräften: „Einen großen Mehrwert bringt einfach die Menschlichkeit, weil die Menschen untereinander durch dieses Interkulturelle einen ganz anderen Weg zueinander finden.“
Ehab Othman hat für sich bereits ein klares Ziel. Er möchte seine Ausbildung erfolgreich abschließen, seine Deutschkenntnisse weiter verbessern und anschließend in seinem Beruf arbeiten. „Ich würde gerne hier in Deutschland bleiben und in meinem Beruf arbeiten.“
Sein Rat an andere junge Menschen in Jordanien, die über eine Ausbildung in Deutschland nachdenken, fällt entsprechend eindeutig aus: „Es braucht viel Arbeit, viel Geduld, aber es lohnt sich.“