Thema Flucht: „Menschen neue Perspektiven eröffnen “

26.10.2015 - Weltweit sind rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Im Interview spricht Arno Tomowski, GIZ, über Fluchtursachen und deren Bekämpfung.

Herr Tomowski, 2015 sind so viele Menschen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auf der Flucht. Warum verlassen Menschen ihre Heimat?

Weil sie keine Zukunftsperspektive für sich und vor allem für ihre Kinder sehen. Mit sehr hohen Risiken die Heimat zu verlassen ist eine extrem schwere Entscheidung, das sollten wir nie vergessen. Die Ursachen sind vielfältig: Menschen sind von Gewalt und Krieg betroffen, ihre Menschenrechte werden missachtet. Weitere Ursachen sind, dass es keine Arbeit und unzureichend Ernährung gibt, Wasserkrisen nehmen zu. Die Umweltbedingungen verschlechtern sich zunehmend, zum Beispiel durch den Klimawandel und den Verlust natürlicher Ressourcen. Eine Ursache allein – kriegerische Auseinandersetzungen und unkontrollierte Gewalt ausgenommen – führt in der Regel nicht dazu, dass Menschen fliehen. Das tun sie dann, wenn sie perspektivlos sind, also die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich die Situation zum Besseren ändern wird, und wenn sie in ihrer Mobilität nicht eingeschränkt sind.

Was wird gegen diese Fluchtursachen unternommen?

Sehr viel und doch viel zu wenig. Auch die GIZ ist im Auftrag der Bundesregierung aktiv, um die Lebensgrundlagen in den Herkunftsländern zu verbessern. Die GIZ unterstützt zum Beispiel im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) dabei, in Äthiopien, Kenia, Indien und weiteren Ländern die landwirtschaftliche Produktivität zu erhöhen und so die Ernährungsgrundlage zu verbessern.
Im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und des Australischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und Handel konnten wir in Vietnam 40.000 Menschen besser vor Hochwasser schützen. Salzwasser-resistente Reissorten wurden eingeführt, die Lebensgrundlage von 8500 armen Haushalten, die von der Landwirtschaft leben, wieder hergestellt. Das alles ermöglicht Menschen, zu bleiben.

Für Zukunftsperspektiven im eigenen Land sind Arbeit und Einkommen zentrale Faktoren, auch innerhalb Europas. Vielen Menschen aus dem westlichen Balkan mangelt es in ihren Herkunftsländern unter anderem an Einkommensperspektiven. Deshalb unterstützt die GIZ zum Beispiel im Auftrag des BMZ in Serbien beim Aufbau eines dualen Berufsbildungssystems. Das sind strukturelle Veränderungen, die langfristig die Situation auf dem Arbeitsmarkt verbessern sollen. Der erste Jahrgang mit 380 Schülerinnen und Schülern ist gestartet und in Serbien kann man sich vorstellen, dass sie dann auch eine Anstellung finden. Wie gesagt, immer noch viel zu wenig, aber ein Beitrag, den wir ausweiten könnten.

Im Kosovo gibt es viele junge Menschen, viel zu wenig Arbeit und geringe Chancen auf ein auskömmliches Einkommen. Ebenfalls im Auftrag des BMZ betreibt die GIZ in Pristina ein Informationsbüro, um Optionen im Kosovo, aber auch legale Wege in die Bundesrepublik aufzuzeigen. Dazu arbeiten wir eng mit dem Arbeitsministerium zusammen, unterstützen kleine und mittelständische Unternehmen auf dem Land und verbessern die Qualität der Ausbildung. Ziel ist, die Wirtschaft zu beleben und Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn Menschen sehen, dass sich in ihrem Land etwas zum Besseren verändert und sie eine Zukunftsperspektive haben, machen sie sich sehr viel seltener auf den Weg.

Das ist ein ganz kleiner Ausschnitt zahlreicher Ansätze, die Wirkungen erzielen. Aber man darf sich mit Blick auf die Bekämpfung von Fluchtursachen auch nichts vormachen: Wenn zum Beispiel offene bewaffnete Konflikte herrschen oder korrupte illegitime Regierungen an der Macht sind, sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt.

Was brauchen Menschen, die in einem Flüchtlingslager unterkommen? Was die Länder bzw. die Regionen, die viele Flüchtlinge aufnehmen? Werden Flüchtlinge dazu beitragen, den Fachkräftemangel in Deutschland zu verringern?

Lesen Sie das vollständige Interview hier:

Arno Tomowski koordiniert in der GIZ die Aktivitäten zu den Themen Flucht und Migration.