„Die GIZ wird als wichtiger Partner der WTO wertgeschätzt“
Weniger Bürokratie, mehr Wachstum: Birgit Viohl von der Welthandelsorganisation (WTO) erklärt, wie dynamischer Handel gelingt – und wie die GIZ Staaten weltweit dabei unterstützt, Zollabfertigungen zu beschleunigen.
Frau Viohl, internationaler Handel gilt als Motor für Wirtschaftswachstum und Entwicklung – sowohl im Globalen Süden als auch in Europa. Was bremst Handel und Investitionen?
Da gibt es zum einen Faktoren, die sehr kurzfristig wirken und Verzögerungen verursachen. Das können plötzlich erhöhte Zölle oder Transportprobleme sein. Sie führen dazu, dass Unternehmen versuchen, ihre Lieferketten auf mehrere Länder zu verteilen, um Abhängigkeit zu verringern.
Langfristig hemmen vor allem instabile Rahmenbedingungen Handel und Investitionen: fehlende Transparenz bei Regeln, häufige Änderungen und die Unsicherheit, ob Behörden einheitlich, fair und effizient handeln. Länder, die gezielt in Modernisierung und Vereinfachung der Verwaltung, Zuverlässigkeit und Rechtssicherheit investieren, bauen Handelsschranken ab. Damit stärken sie die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen und fördern den internationalen Handel.
Ziel des Übereinkommens über Handelserleichterungen (TFA, Trade Facilitation Agreement) der Welthandelsorganisation (WTO) ist es, die Kosten im internationalen Handel zu reduzieren. Dazu sollen vor allem Zollverfahren standardisiert, digitalisiert und transparenter gestaltet werden. Seit 2017 ist das Abkommen in Kraft. 162 Mitglieder der WTO haben das Abkommen seither unterzeichnet, darunter Deutschland. 123 der Unterzeichnerstaaten gelten als Entwicklungsländer.
Die Trade Facilitation Agreement Facility sorgt dafür, dass auch weniger entwickelte Länder des Globalen Südens Zugang zu Entwicklungspartnern und Finanzierung haben, damit auch sie die Vorteile des Abkommens vollständig nutzen können.
Handelserleichterungen, wie sie das WTO-Abkommen vorsieht, das klingt zunächst sehr technisch. Was bedeutet das konkret?
Verwaltungsverfahren müssen insgesamt erleichtert und digitalisiert werden, auch um Kosten zu sparen. In vielen Ländern müssen Mitarbeitende von Unternehmen Dokumente persönlich und handschriftlich ausfüllen. Das ist sehr zeitaufwendig. In Sri Lanka haben wir beispielsweise beim Ausstellen eines Ausfuhrzertifikats bis zu elf Unterbrechungen festgestellt. Das sind Momente, in denen persönlich in den Ablauf eingegriffen werden muss, um Dokumente zu präsentieren, Zahlungen zu leisten, Informationen nachzutragen und die Bearbeitung sicherzustellen.
Wie sich das ändern kann, zeigt ein Beispiel aus Tunesien. Die GIZ konnte dort die Digitalisierung beim Warenverkehr voranbringen. Durch elektronische Vorbescheide können pro Dokument 21 Minuten eingespart werden. Wenn man das auf zehntausend Zertifikate hochrechnet, die im Jahr ausgestellt werden, wird da sehr viel Zeit und Geld eingespart.
Wie gestaltet sich grundsätzlich die Zusammenarbeit zwischen WTO und GIZ beim Abbau von Handelshemmnissen?
Die WTO gestaltet die Rahmenbedingungen. Für die Umsetzung sind Organisationen wie die GIZ mit ihrer Expertise und ihrem Mandat zuständig. Dabei hat die GIZ vielen Staaten auch schon vor dem Abkommen geholfen, Handelshemmnisse abzubauen. Seit 2017 unterstützt sie gezielt die Umsetzung des Trade Facilitation Agreement, kurz TFA. Dabei wird die GIZ weltweit als ein wichtiger Partner der WTO wertgeschätzt.
Die GIZ ist seit 2026 auch direkter Umsetzungspartner für die Trade Facilitation Agreement Facility. Darüber können wir kleinere Reformprojekte für das Abkommen finanzieren. Derzeit arbeiten wir hier in Kenia, Kirgisistan und Madagaskar mit der GIZ zusammen.
Das Globalvorhaben Partnerschaften für Nachhaltigen Handel baut im internationalen Handel Bürokratie ab. Das wirkt vielfach: Partnerländer werden wirtschaftlich stärker, die Menschen können ihre Lebensbedingungen verbessern und deutsche und europäische Unternehmen erschließen Märkte effizienter.
Im Schulterschluss mit Behörden und der Privatwirtschaft setzt die GIZ im Auftrag des BMZ Handelserleichterungen um – eng verzahnt mit regionalen und bilateralen Vorhaben in den Partnerländern. Kofinanziert wird das Globalvorhaben seit 2025 von der EU und seit 2026 auch von der WTO.
Im Fall der Ukraine beispielsweise leisten Handelserleichterungen einen Beitrag zur Ernährungssicherung der ärmsten Länder. Viele von ihnen beziehen weiterhin Weizen aus den Kornkammern der Ukraine. Elektronische Zertifikate, sogenannte ePhytos, machen den Getreidehandel schneller, kostengünstiger und sicherer.
Mit dem deutschen Logistikkonzern DHL hat die GIZ in elf Ländern dafür gesorgt, dass Expresslieferungen, wie wichtige Medikamente, schneller durch den Zoll kommen. Durch Vorabfertigung (Pre-Arrival Processing) wird in Montenegro beispielsweise nun der Großteil der Expresssendungen innerhalb einer Stunde freigegeben.
Die GIZ macht grenzüberschreitenden Handel bereits in 24 Ländern schneller, kostengünstiger und transparenter. Sie ist Partner in der Globalen Allianz für Handelserleichterungen, die von der EU, dem BMZ, Kanada und Schweden finanziert wird.
Kontakt: Susanne Wolfgarten
Welche Wirkungen haben vereinfachte Grenzverfahren auf Investitionen privater Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern?
Studien der OECD zeigen eine positive Wirkung auf Investitionen, wenn internationale Regeln eingehalten werden. Transparenz, moderne Verfahren und schnelle Grenzabfertigung senden demnach grundsätzlich ein positives Signal.
Ein weiterer konkreter Effekt zeigt sich bei Investitionen in handelsnahe Dienstleistungen, insbesondere in den Logistiksektor und die Digitalisierung. Denn moderne Grenzverfahren funktionieren nur in einem leistungsfähigen Privatsektor. Dessen Professionalisierung und Modernisierung wird oft durch in- und ausländische Investitionen vorangetrieben. So entsteht eine Wechselwirkung: Handelserleichterungen fördern Investitionen – und Investitionen ermöglichen wiederum bessere und effizientere Grenzverfahren. Beide Entwicklungen verstärken sich gegenseitig.
Welchen konkreten Mehrwert hat ein effizienterer globaler Handel aus Ihrer Sicht für europäische Akteure?
Durch Handelserleichterungen lassen sich die Kosten und Unsicherheit für deutsche und andere europäische Unternehmen bei der Erschließung neuer Märkte reduzieren. Barrieren werden abgebaut und es wird beispielsweise in Afrika leichter, Waren aus dem Zoll herauszubekommen. Die WTO wirkt stabilisierend, weil sich die Länder verpflichtet haben, die gleichen Standards einzuführen. Damit wird der Marktzugang besser kalkulier- und planbar.
„Handelserleichterungen reduzieren auch Barrieren für deutsche Unternehmen, so wird es beispielsweise in Afrika leichter, Waren aus dem Zoll herauszubekommen.“
Wo liegen die größten Herausforderungen für Länder des Globalen Südens beim Abkommen über Handelserleichterungen?
Zunächst ist es ein großer Erfolg, dass sich 123 Entwicklungsländer verpflichtet haben, alle Bestimmungen des Abkommens umzusetzen. Gleichzeitig ist das Abkommen sehr komplex: Es umfasst 39 Einzelmaßnahmen, die von unterschiedlichen Ministerien und Behörden in den Ländern durchgeführt werden müssen. Die volle Wirkung des Abkommens wird sich erst dann entfalten, wenn auch die Länder des Globalen Südens alles umsetzen können. Das braucht Zeit. Die meisten haben sich bis 2030 als Frist gesetzt.
Zu den Herausforderungen gehören die Mobilisierung der Expertise und Finanzierung der Reformen sowie Kultur- und Verhaltensveränderungen sowohl in Behörden als auch im Privatsektor. Offene Kommunikation, faire und gleiche Behandlung, Partnerschaften und Vertrauen müssen langfristig aufgebaut werden.