Erklärt

Den Menschen Stabilität geben

Warum Deutschland mitten im Angriffskrieg Russlands Wiederaufbauhilfe in der Ukraine leistet und welche Strategien die GIZ dabei verfolgt, erklärt GIZ-Projektleiter Eike Vater.

Illustration mit mehreren Personen und Häusern vor dunkelblauem Hintergrund, die eine Gemeinschaft und Wohnraum symbolisieren.
Porträt eines lächelnden Mannes in braunem Sakko vor hellem Hintergrund, sitzend an einem Tisch.
Eike Vater leitet bei der GIZ ein Vorhaben zur Unterstützung der Zivilgesellschaft in der Ukraine.

Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich: Während des Angriffskriegs, der seit 2022 das ganze Land betrifft, wird in der Ukraine bereits am Wiederaufbau gearbeitet. Ist es sinnvoll, Gebäude, Stromleitungen und Krankenhäuser instand zu setzen, wenn russische Kampfdrohnen sie schon bald wieder zerstören könnten?

Tatsächlich ist diese Hilfe besonders wichtig. Deutschland und andere internationale Partner unterstützen den Wiederaufbau gerade jetzt, damit die Versorgung der Bevölkerung nicht abreißt und die Menschen eine Perspektive behalten.

Hilfe für jene, die den Alltag im Krieg bewältigen

Millionen Menschen sind im Land geblieben und bewältigen trotz der fortdauernden Kämpfe in der Ukraine ihren Alltag. Dafür brauchen sie Strom, Wasser und Wärme. Gerade Infrastruktureinrichtungen wie Energie- und Wärmeanlagen sind jedoch immer wieder Ziel russischer Angriffe. Strom und Wärme fallen dann großflächig aus.

Die GIZ begegnet dieser „Kriegslogik“ mit neuen Ansätzen. So hat sie etwa kleinere, dezentrale Anlagen wie Blockheizkraftwerke für die Ukraine beschafft. Diese sind mobil im Einsatz und bieten keine gezielte Angriffsfläche. Allein die zwei Blockheizkraftwerke, die wir Ende Januar 2026 in die Ukraine gebracht haben, versorgen heute 86.000 Menschen in Kyjiw mit Notstrom und Wärme.

Den Wiederaufbau passen wir also den Bedingungen des Krieges an, mit flexiblen technischen Lösungen, die schneller repariert oder ersetzt werden können.

Krankenhäuser sichern

Doch zur Grundversorgung gehört mehr: Seit Beginn des vollumfänglichen Angriffskrieges 2022 haben wir dazu beigetragen, dass rund 4,7 Millionen Menschen besser medizinisch versorgt werden. Hierfür unterstützen wir zahlreiche Krankenhäuser. Einige von ihnen arbeiten eng mit deutschen Kliniken zusammen. Dort können Menschen bei Krankheit oder nach Verletzungen weiterhin auf gute Behandlung vertrauen. Gleichzeitig machen wir die Krankenhäuser gemeinsam sicherer: Operationssäle, Diagnosegeräte und andere wichtige Bereiche für Patient*innen und Mitarbeitende werden in geschützte Kellerräume verlegt. Tiefgaragen werden so vorbereitet, dass sie bei Angriffen Menschen aufnehmen können.

Der Wiederaufbau hat auch eine wichtige soziale Funktion: Für die im Land verbliebenen Menschen ist es entscheidend zu spüren, dass sie nicht alleingelassen werden. Das gilt besonders für alle, die nahe der Front ausharren. Oft sind das ältere Menschen. Sie können oder wollen ihre Heimat nicht verlassen.

Lokale Initiativen haben, unterstützt durch uns, Anlaufstellen eingerichtet. Dort bekommen Bewohner*innen aus Frontgebieten psychologischen Beistand oder Hilfe, wenn sie nach einer neuen Wohnung suchen müssen, weil ihr Zuhause beschädigt wurde. Mobile Arztpraxen sichern dort die Gesundheitsversorgung.

Illustration mit Strommasten, einem orangefarbenen Streifen und einem gelben Blitzsymbol, das in ein graues Schaltschrank-Element führt.
Illustration von drei Personen hinter einer Theke mit Stethoskop und einer Pillenblisterpackung, die auf medizinische Versorgung hinweisen.

Unterricht für Kinder nahe der Front

Auch Tausende Kinder leben noch immer in der Nähe der Frontlinien. Viele konnten jahrelang nur online am Schulunterricht teilnehmen. Doch Kinder brauchen Gemeinschaft. Mit deutscher Hilfe werden daher Schulen in Bunkeranlagen eingerichtet und kindgerecht gestaltet. Dort lernen, singen und spielen Kinder und Jugendliche zusammen – und vergessen den Krieg für einige Stunden.

Schulen in Bunkern sind nicht ideal, aber sie geben den Schüler*innen ein Stück Normalität zurück und stärken sie psychisch. Ohne angemessene Bildungsangebote könnte langfristig eine verlorene Generation aufwachsen, die kaum Zukunftsaussichten hat. Darum ist es wichtig, überall im Land beschädigte Schulen umgehend wiederaufzubauen und auszustatten – und der Unterricht kann weitergehen.

Einkommen sichern

Auch Wirtschaft und Verwaltung stehen vor großen Aufgaben. Nur wenn Unternehmen auch im Krieg weiter produzieren, bleiben Arbeitsplätze erhalten und Menschen verdienen Geld. Und nur wenn Verwaltungen weiter funktionieren, erbringen sie grundlegende Dienstleistungen für die Bürger*innen. Deutschland berät die Ukraine unter anderem bei der Modernisierung und Dezentralisierung der Verwaltung. So kann sich das Land langfristig erholen und unabhängig bleiben.

Wiederaufbauhilfe während des Krieges ist also kein Widerspruch, sondern notwendig. Sie schafft Hoffnung und Perspektiven. Sie bewegt Menschen dazu, in der Ukraine zu bleiben, erleichtert Geflüchteten die Rückkehr. Die Unterstützung hält viele Ukrainer*innen davon ab, abzuwandern. Damit legt sie bereits heute die Grundlage für den vollständigen Wiederaufbau nach dem Krieg.

 

Illustrationen: Designed by Magnific, Bearbeitung: 3st kommunikation

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