Interview

„Die GIZ wirkt für uns wie ein Enzym, das Lösungen beschleunigt“

Professor Malek Bajbouj von der Charité – Universitätsmedizin Berlin spricht im Interview über die internationale Ausrichtung seines Hauses. Und darüber wie die Partnerschaft mit der GIZ wissenschaftliche Innovationen in die Praxis bringt

Interview: Brigitte Spitz
Charité Campus Mitte in Berlin – Außenansicht des Klinikgebäudes zum Interview mit Professor Bajbouj
Professor Malek Bajbouj
Professor Malek Bajbouj, Direktor für Internationale Angelegenheiten der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Professor Bajbouj, seit wann engagiert sich die Charité international?

Im Grunde seit ihrer Gründung. Die Charité ist mehr als 300 Jahre alt und entstand als Pesthaus. Seuchen waren aber nie ein rein lokales Phänomen. Daher haben große Persönlichkeiten der Charité wie Robert Koch oder Rudolf Virchow ihren Blick immer schon über Deutschland hinaus gerichtet. Gesundheitsthemen global zu betrachten, ist Teil unserer DNA.

Die Charité und die GIZ arbeiten seit langem zusammen und haben ihre Kooperation gerade für die nächsten Jahre bekräftigt. Was macht diese Zusammenarbeit so besonders?

Gemeinsam sind wir im Globalen Süden aktiv – etwa in den Bereichen Virologie, Impfstoffentwicklung und mentale Gesundheit. Dabei ergänzen wir uns gut: Die Charité bringt die wissenschaftliche Perspektive ein, die GIZ ihre große Erfahrung in der Umsetzung vor Ort. Daraus ergeben sich viele Synergien.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Chatbot zur mentalen Gesundheit in der Ukraine ist ein gutes Beispiel: Ohne die GIZ wäre er ein Pilotprojekt geblieben. Heute nutzen ihn über 180.000 Menschen. Die Charité entwickelt evidenzbasierte Ideen und Innovationen. Die GIZ sorgt dafür, dass diese vor Ort ankommen – sie kennt die lokalen Strukturen und ist eng mit Ministerien und anderen Behörden vernetzt. 

Zu welchen Schwerpunkten und in welchen Ländern arbeiten Charité und GIZ aktuell besonders eng zusammen?

In der Ukraine liegen die Schwerpunkte auf Rehabilitation und mentaler Gesundheit. In Ghana geht es um Impfstoffentwicklung, Impfkapazitäten und zunehmend auch um Herzgesundheit und mentale Gesundheit. Zudem pflegt die Charité mehrere Dutzend Partnerschaften weltweit über das Programm der Klinikpartnerschaften. 

Es geht längst nicht mehr um einseitige Hilfe für ausgewählte Länder, sondern um gegenseitiges Lernen. In der Ukraine können wir von den digitalen Entwicklungen profitieren und in Afrika entstehen innovative Lösungen und kreative Start-ups. In Jordanien zeigen uns Kolleginnen und Kollegen aus der Medizin, wie man ein widerstandsfähiges Gesundheitssystem aufbaut. Das sind Erkenntnisse durch Krisen und Kriege, die hierzulande bis ins Kanzleramt diskutiert werden. Wie müssen wir uns aufstellen, damit Deutschland auch in Zukunft schwierige Lagen meistert?

Internationale Zusammenarbeit ist also unverzichtbar?

Absolut, weil alle zentralen Herausforderungen global sind. Pandemien, Konflikte, Klimafolgen – all das macht nicht an Landesgrenzen halt. Internationale Zusammenarbeit stärkt nicht nur die Gesundheitssysteme vor Ort, sondern auch unsere eigene Sicherheit. Wenn bei der nächsten Pandemie wissenschaftliche Akteure im Globalen Süden schnell reagieren können, dann kommt das auch Menschen in Deutschland zugute.

Auch jenseits von Gesundheitsthemen?

Ja, auch durch die diplomatische und wirtschaftliche Brille betrachtet, ist internationale Zusammenarbeit wichtig. Mit Ländern, mit denen wir im Gesundheitssektor zusammenarbeiten, ist Deutschland im Austausch. So werden Kontakte aufgebaut und gepflegt. Und dort, wo wir wissenschaftlich zusammenarbeiten, können deutsche Firmen einen Fuß in die Tür bekommen. Das sehen wir gerade in der Medizintechnik in der Ukraine.  

Mit einem Partner wie der GIZ, die den Weg bereitet und die vor allen Dingen auch die lokalen Gegebenheiten kennt, gibt es bessere Ergebnisse. Die GIZ wirkt für uns an der Charité wie ein Enzym, das Lösungen beschleunigt. Und ich denke, dass umgekehrt die Kolleg*innen von der GIZ die Charité bei ihren Maßnahmen in ähnlicher Weise wahrnehmen.

Prof. Dr. Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, und Anna Herken, Mitglied des Vorstands der GIZ, unterzeichnen ein Vertrag.
Prof. Dr. Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, und Anna Herken, Mitglied des Vorstands der GIZ, beim Erneuern des Memorandum of Understanding.
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