„Der Klimawandel kriegt mich nicht klein“
Der Klimawandel setzt die Nahrungsmittelproduktion weltweit unter Druck. Ein Besuch in Kenia zeigt, wie verbesserte Pflanzensorten Ernten sichern. Mit der Initiative „Crops to End Hunger“ hat die GIZ Forschungsstationen fit für die Zukunft gemacht.
Jede Ernte ist für Josefine James wie ein kleiner Sieg. Die Bäuerin geht durch ihr Maisfeld. Die Pflanzen rascheln, während sie die Blätter zur Seite schiebt. James beugt eine Pflanze zu sich herunter und bricht einen Kolben ab. Die Körner sind hart und glänzend, ein Zeichen dafür, dass sie ernten kann.
Seit 25 Jahren bestellt die Kenianerin ihre Felder, insgesamt 2,4 Hektar. Unzuverlässige Regenzeiten und Schädlinge können die Ernte gefährden. Auch eine einzige Fehlentscheidung bei der Sortenwahl kann den Ertrag einer ganzen Saison kosten. Die kenianische Kleinbäuerin kennt diese Risiken genau. Und der Klimawandel hat sie noch verschärft.
Klimawandel und Ernährungssicherheit
Was James erlebt, spiegelt sich in den Warnungen des Weltklimarats wider: Der Klimawandel bedroht die globale Ernährungssicherheit. Eine US-amerikanische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass durch die klimatischen Entwicklungen die weltweiten Weizen- und Mais-Erträge inzwischen um zehn beziehungsweise vier Prozent niedriger ausfallen – verglichen mit einem Szenario ohne Klimawandel.
„Der Klimawandel kriegt mich nicht klein“, sagt Josefine James und setzt auf angepasste Pflanzen. Die 49-Jährige baut nicht nur Mais, Bohnen und Straucherbsen für den Eigenbedarf und den Verkauf an. Sie hilft auch, neue Sorten aus der Forschung auf die Felder zu bringen. James ist im Südosten Kenias eine landwirtschaftliche Vorreiterin.
Von der Forschungsstation aufs Feld
Dort befindet sich eine Forschungsstation der staatlichen kenianischen Agrarforschungsorganisation KALRO, mit der James eng zusammenarbeitet. Sie nimmt an Schulungen teil und gehört oft zu den Ersten, die neue Sorten erproben. In jeder Saison teste sie mindestens drei Maissorten, sagt die Kleinbäuerin.
Die Sorten, die James ausprobiert, wurden unter anderem in der Forschungsstation in Kiboko entwickelt. Fachleute züchten dort Mais und andere Nutzpflanzen für das östliche Afrika. „Kiboko ist eine sehr trockene Gegend“, sagt Aparna Das, die die weltweite Maiszüchtung von CIMMYT koordiniert. CIMMYT ist eines der 15 Agrarforschungszentren der Globalen Forschungspartnerschaft für eine ernährungssichere Zukunft CGIAR. Gerade wegen der Trockenheit sei Kiboko als Zuchtzentrum ausgewählt worden. „Normalerweise wird hier alles bewässert. Aber für einen Dürreversuch stellen wir das Wasser ab, so wie es in der Natur passieren würde. Und dann schauen wir, welche Pflanzen die Dürre überleben.“
Forschen für die Zukunft
In der Forschungsstation betreiben mehrere Partnerinstitutionen, darunter CGIAR und KALRO, Pflanzenzucht und Saatgutforschung. Was gezüchtet wird, bestimmen die Forschenden nicht allein. In Workshops mit Saatgutfirmen und Händlern sowie durch Befragungen von bäuerlichen Betrieben und Verbraucher*innen ermitteln beide Organisationen, welche Eigenschaften eine neue Sorte in einer bestimmten Region mitbringen sollte: Soll sie zum Beispiel früh reifen oder gegen bestimmte Krankheiten und Schädlinge resistent sein? Da Pflanzenzüchtungen Jahre dauern, müssen die Forschenden auch künftige Herausforderungen berücksichtigen: „Wir nehmen vorweg, was mit dem Klimawandel auf uns zukommt“, sagt Aparna Das.
Damit Forschungsstationen für diese Arbeit gut ausgestattet sind, hat die GIZ im Auftrag des BMZ zwischen 2023 und 2025 die Infrastruktur und effiziente Abläufe auf dem Feld verbessert. Außerdem hat sie Anlagen zur hochwertigen Saatgutaufbereitung und digitale Werkzeuge eingesetzt, alles im Rahmen der Initiative „Crops to End Hunger“.
Kiboko – ein Beispiel für globale Investitionen
Die Station in Kiboko zeigt beispielhaft, wie sich diese globale Investition vor Ort auswirkt. Insgesamt wurden in 22 Ländern mehr als 40 Forschungsstationen modernisiert und Mitarbeitende geschult.
Die Initiative „Crops to End Hunger“ (sinngemäß: „Nutzpflanzen zur Bekämpfung des Hungers“) wurde 2019 von mehreren Geldgebern gestartet. Ziel ist es, die öffentliche Pflanzenzüchtung im Globalen Süden auf den neuesten Stand zu bringen und effizienter zu machen. Deutschland engagiert sich hier. So setzte die GIZ beispielsweise von 2023 bis 2025 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über den Fonds für Internationale Agrarforschung (FIA) ein Modernisierungsprojekt in 22 Ländern um. Diese Investitionen unterstützen Pflanzenzüchter*innen dabei, verbesserte Sorten schneller und effizienter zu entwickeln – zum Nutzen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern weltweit. So soll Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels gewährleistet werden.
Kontakt: Sarah M. Schmidt
Vor der Modernisierung wurde in Kiboko vieles von Hand erledigt: Saatgut wurde im Freien an Tischen sortiert, bewässert wurde mit Sprinklern, die das Wasser ungleichmäßig verteilten. Das erschwerte den Vergleich der Versuche: Wenn manche Pflanzen mehr Wasser bekamen als andere, ließ sich nicht zuverlässig vergleichen, welche Sorte besser abschnitt.
Im Zuge der Modernisierung wurden die gesamten 80 Hektar Versuchsfläche auf solarbetriebene Tropfbewässerung umgestellt. Hinzu kamen Sämaschinen, Mähdrescher und eine Halle zur Saatgutaufbereitung.
Genauere Arbeit mit weniger Geld
Die Daten seien dadurch genauer und die Arbeit schneller geworden, sagt Aparna Das. Ihr Kollege Harish Gandhi betont, die Station bearbeite heute vier- bis fünfmal so viel Zuchtmaterial wie vorher, obwohl die Budgets der Zuchtprogramme zuletzt eher geschrumpft sind. Die Züchtung von Trockenlandkulturen wie Sorghum und Straucherbsen sei erst durch die Investition in größerem Umfang möglich geworden.
Die Kleinbäuerin als Vorbild
Wenn die nächste Regenzeit beginnt, will Josefine James wieder neue Sorten auf ihrem Land testen. So macht sie es seit vielen Jahren: ausprobieren, anschauen, anfassen, schmecken und erst dann entscheiden. Viele in ihrem Dorf warten ab, was bei ihr wächst, bevor sie selbst etwas Neues wagen. „Wenn du gepflanzt hast, pflanze ich auch“, sagen sie. Was in Kiboko gezüchtet wird, gelangt über Bäuerinnen wie James am Ende auf die Felder.