Interview

Wie der Weizen der Welt auf deutsche Felder kommt

Internationale Agrarforschung nützt auch Europa: Ruth Hill vom Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik erklärt, wie Erkenntnisse aus Afrika, Asien und Lateinamerika die Landwirtschaft weltweit robuster gegen den Klimawandel machen.

Luftaufnahme eines Mähdreschers, der bei Sonnenlicht ein goldgelbes Weizenfeld aberntet, während eine lange Schattenspur und eine Staubwolke hinter der Maschine entstehen.

Deutschland unterstützt das internationale Agrarforschungsnetzwerk CGIAR. Welche Effekte hat das für Deutschland?

Wir haben in einer Studie festgestellt, dass daraus ein erheblicher Produktivitätsgewinn entsteht, vor allem beim Weizen. Dank der Technologien, die bei CGIAR entwickelt wurden, werden in Deutschland jedes Jahr zusätzlich 661.000 Tonnen Weizen produziert. Das entspricht mehr als drei Prozent der Weizenernte im Jahr 2026.

Was hat Sie dazu bewogen, den Nutzen dieser internationalen Zusammenarbeit für Deutschland zu untersuchen?

Bürgerinnen und Bürger fragen zunehmend, inwiefern es ihrem Land hilft, Geld für Landwirte in anderen Ländern auszugeben. Diese Frage ist berechtigt. Deshalb hielten wir es für sinnvoll, Zahlen als Antwort darauf vorzulegen.

Die von CGIAR entwickelten Sorten sind also für Deutschland nützlich, obwohl sie ursprünglich für Länder in anderen Klimazonen entwickelt wurden?

Ja, es geht um genetische Eigenschaften, die in deutschen Sorten verwendet werden. Ein konkretes Beispiel: Einer der großen Fortschritte, die in Südasien, Lateinamerika und zum Teil auch in Afrika zu erheblichen Produktivitätssteigerungen geführt haben, war die Züchtung von Weizensorten mit deutlich kürzeren Halmen als die traditionellen Sorten. Weil die Pflanzen insgesamt kürzer waren, floss mehr Energie in die Bildung der Körner. Dadurch sind sie außerdem etwas widerstandsfähiger. Und diese Zuchtlinien wurden dann auch in deutschen Weizensorten verwendet.

„Auch deutsche Verbraucher*innen profitieren von unserer Arbeit, weil Nahrungsmittel günstiger produziert werden können.“

Ruth Hill
Porträtfoto einer lächelnden Frau mit schulterlangem, grauem Bob, die einen beigefarbenen Blazer über einem schwarzen Oberteil und goldene Ohrringe trägt, vor hellem, unscharfem Hintergrund.

Profitiert Deutschland noch auf andere Weise?

Ja. Ein zentraler Auftrag von CGIAR besteht darin, die landwirtschaftliche Produktivität und damit die Einkommen von Landwirtinnen und Landwirten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu steigern. Dank dieses zusätzlichen Wohlstands können die Menschen mehr Waren kaufen, auch solche, die aus Deutschland exportiert werden. Wir haben berechnet, dass Deutschland infolge des Einkommenswachstums durch CGIAR-Technologien in Ländern des Globalen Südens jährlich zusätzlich Waren im Wert von drei Milliarden Euro exportiert.

Und schließlich profitieren auch deutsche Verbraucher*innen, weil Nahrungsmittel günstiger produziert werden können. Dadurch sind die Lebensmittelpreise niedriger, als sie ohne diese technischen Fortschritte wären.

Infolge des Klimawandels werden europäische Länder heißer und trockener, zugleich nehmen die Wetterschwankungen zu. Könnten Methoden oder genetisches Material, die CGIAR in trockenen Regionen wie Kiboko in Kenia entwickelt hat, künftig auch für Deutschland relevant werden?

Ja, absolut. Für eine weitere Studie wäre es interessant, den Blick nach vorn zu richten. Ein großer Teil der Züchtung bei CGIAR hat sich in den vergangenen Jahren auf Stresstoleranz konzentriert – sehr oft auf Hitzestress oder Dürre, aber auch auf Überschwemmungen.

Da die Klimavolatilität zunimmt, wird die Entwicklung stresstoleranter Sorten für Landwirte weltweit immer wichtiger. Nicht nur Bäuerinnen und Bauern im Globalen Süden brauchen diese Technologien. Auch für Deutschland und andere Länder des Globalen Nordens bieten sie großes Potenzial.

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