Interview mit Albert Engel, Bereichsleiter Afrika

„Afrika sollte ein klarer Schwerpunkt sein“

Warum der Kontinent eine Schlüsselrolle spielt und wie die GIZ dort aktiv ist

Albert-Engel

Herr Engel, die Themen Afrika und Flüchtlinge stehen derzeit weit oben auf der politischen Agenda. Die GIZ engagiert sich dazu schon sehr lange – wie?

In der Tat sind Migration und Flucht in Afrika kein neues Phänomen, auch wenn sie durch die sogenannte Flüchtlingskrise nun auch in Europa in den Fokus gerückt sind. Wir leisten in Afrika schon seit Jahrzehnten Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung. Viele unserer bisherigen Projekte haben einen Bezug zum Thema, denn sie eröffnen den Menschen Zukunftsperspektiven im eigenen Land. In den Jahren zwischen 2010 und 2015 haben wir zum Beispiel acht Millionen Kindern in Afrika ermöglicht zur Schule gehen. Über zwei Millionen Menschen konnten ihr Einkommen verbessern. Seit 2015 beschäftigen wir uns im Rahmen spezieller Programme auch im engeren Sinne mit Flucht und Migration.

Warum spielt Afrika bei Flucht und Migration so eine große Rolle? Von welchen Zahlen sprechen wir?

Afrika ist beim Thema Flucht und Migration ein klarer Schwerpunkt. Rund 4,5 Millionen aller 21 Millionen Flüchtlinge weltweit leben dort, vor allem in Ostafrika. Zum Vergleich: In Europa gibt es etwa 2,1 Millionen Flüchtlinge. Hinzu kommen die Binnenvertriebenen, die innerhalb ihres eigenen Landes auf der Flucht sind. In Subsahara-Afrika betrifft das rund zwölf Millionen Menschen, vor allem im Kongo, in Nigeria, Somalia und im Sudan. Zudem leben alleine in Subsahara-Afrika schätzungsweise 15 Millionen internationale Migranten, also Menschen, die ihre Heimat etwa zum Arbeiten verlassen haben.

Wo setzt die Arbeit der GIZ an und wo sind ihre Grenzen?

Wir verbessern die Lebenssituation der Menschen, zum Beispiel durch nachhaltigen Anbau von Nahrungsmitteln oder durch Ausbildung und Berufsperspektiven. In Nigeria etwa konzentrieren wir uns stark auf Jugendliche. Junge Frauen und Männer werden gezielt fortgebildet, um in der Landwirtschaft oder im Bausektor leichter Arbeit zu finden. In Niger unterstützen wir ländliche Gemeinden, indem wir weitere Anbauflächen nutzbar machen. So erhöhen wir das Einkommen der Menschen. Im Senegal entwickeln wir neue Berufsprofile im Dienstleistungssektor und im Bereich erneuerbare Energien. Außerdem schaffen wir ein Bewusstsein dafür, dass wirtschaftlicher Erfolg in der Heimat möglich ist – Motto: „Erfolgreich im Senegal“. Ziel ist es Zukunfts- und Bleibeperspektiven für ca. 50.000 junge Menschen aus dem Senegal, einschließlich Rückkehrerinnen und Rückkehrern, zu schaffen. Diese und weitere Ansätze verfolgen wir im Auftrag der Bundesregierung und der EU. Aber auch wir stoßen an Grenzen, wenn Krieg herrscht, Konflikte zunehmen. Mehr als die Hälfte der Länder, in denen die GIZ arbeitet, sind fragile Staaten – Tendenz steigend. Für eine Veränderung braucht man alle: Die Länder selbst, die Wirtschaft und uns: Denn Entwicklungszusammenarbeit ist nicht dazu da, Menschen von etwas abzuhalten. Sie will fördern. Und zwar die Fähigkeiten von Menschen und deren Lebensbedingungen vor Ort.

Was wurde bisher erreicht?

Schauen wir uns beispielhaft Niger an: Rund 3.500 junge Menschen, darunter zurückgekehrte Flüchtlinge und Migranten, haben in Landwirtschaft, Fischerei, Handwerk oder Dienstleistung eine Arbeit gefunden. Insgesamt haben wir mit unserer Arbeit zwischen 2010 und 2015 knapp 1,5 Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene in Afrika erreicht.

In Afrika gibt es besonders viele fragile Staaten mit kaum funktionierenden Strukturen. Wie geht die GIZ damit um?

Fragile Strukturen vor Ort, kombiniert mit hoher Bürokratie und schwieriger Logistik, sind für uns tatsächlich Herausforderungen. Andererseits haben wir den Vorteil, dass wir in vielen dieser Länder seit Jahren aktiv sind – die schwierige Situation ist uns vertraut. Heute gilt, dass unsere Unterstützung unter Zeitdruck geplant und umgesetzt wird, weil die Menschen schnelle Unterstützung brauchen.

Manchmal müssen wir auch unterschiedliche Interessen von Auftraggebern und Beteiligten vereinen. Es gibt verschiedene Schwerpunkte: vor Ort Perspektiven und Sicherheit schaffen oder Flüchtlinge reintegrieren. Die Partnerländer haben oft wenig Möglichkeiten, Projekte zu unterstützen. Auch haben sie oft ein Interesse an den Rücküberweisungen von Migranten im Ausland.

Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen?

Die Kooperation mit Partnern spielt eine große Rolle. Vor allem die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Institutionen und Nichtregierungsorganisationen wie Plan International, CARE und örtlichen Organisationen ist enorm wichtig, weil diese oft einen noch direkteren Zugang zu den Menschen haben. Manchmal ist die Kooperation mit ihnen die einzige Möglichkeit, unsere Arbeit überhaupt umsetzen zu können.