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11.11.2021

Interview: Was hat der Schutz von Wildtieren mit menschlicher Gesundheit zu tun?

Über 700.000 unbekannte Viren in Wildtieren haben das Potenzial als sogenannte „Zoonosen“ auf den Menschen überzuspringen. Wie dies funktioniert und verhindert werden kann, erklärt Tierärztin Hannah Emde im Interview.

Die Corona-Pandemie hat deutlich gezeigt, wie eng die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt zusammenhängen. Denn: Ansteckende Krankheiten kennen keine Grenzen. Der Grundsatz „One Health“, also Gesundheitsschutz als globale Aufgabe, hat unter diesen Bedingungen eine neue Dimension bekommen. Wildtiere spielen bei der Übertragung von Krankheiten eine zentrale Rolle, obwohl sie nur noch drei Prozent aller Säugetiere ausmachen – der Rest zählt zu den Haus- und Nutztieren. Wesentlich ist, dass Wildtiere ein enormes Reservoir für unerforschte Krankheitserreger bilden. Darüber und über Lösungen, um künftige Pandemien zu verhindern und unseren Planeten lebenswert zu erhalten, spricht die Tierärztin und Autorin Hannah Emde, die bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH zu Gesundheitsrisiken im Wildtierhandel arbeitet. 

Die gesundheitlichen Folgen der Tierhaltung für Menschen ist schon länger diskutiert. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie rückt die Übertragung von Krankheiten von Wildtieren auf Menschen in den Fokus. Ist Wildtierschutz nun wirklich ein effektiver Hebel für die globale Gesundheitsvorsorge?

Emde-Hannah

Ja, absolut. Der Schutz von Wildtieren und ihrer Lebensräume ist enorm wichtig für die globale Gesundheitsvorsorge. Konzentrieren wir uns mal auf den direkten Kontakt und die Ausbeutung von wildlebenden Tieren: Der Wildtierhandel birgt ein großes Risiko für die Übertragung von Krankheitserregern. Die Tiere werden in ihrem natürlichen Lebensraum gejagt oder auf Wildtierfarmen gezüchtet, um sie zu verkaufen oder ihre Produkte in die Welt zu verschicken – als Luxusgüter, Schmuck oder Potenzmittel. Begehrt sind beispielsweise die Schuppen vom Pangolin für traditionelle chinesische Medizin oder die Exkremente der Schleichkatze für den „Katzenkaffee“ (Kopi Luwak). Krankheitserreger, die im natürlichen Lebensraum der Tiere unbedenklich wären, werden durch diesen unnatürlichen Kontakt erst gefährlich: Hygienemaßnahmen werden häufig nicht eingehalten, unterschiedliche Tierarten, zwischen denen die Erreger übertragen werden und auch mutieren können, leben auf engsten Raum zusammen – und die Menschen mittendrin. Über 700.000 unbekannte Viren in Wildtieren haben das Potenzial als sogenannte „Zoonosen“ auf den Menschen überzuspringen und Infektionskrankheiten wie Ebola oder AIDS hervorzurufen. Hier wird deutlich, dass es zwingend notwendig ist, bessere Hygienestandards, Arbeitspraktiken ebenso wie eine verringerte Nachfrage nach Wildtieren und ihren Produkten zu erwirken.

In der Diskussion ging es auch um den Zielkonflikt von Menschen, die ihr Geld mit dem Handel von Wildtieren verdienen. Was kann und sollte hier zum Schutz dieser Tiere getan werden? Welche Initiativen gibt es bereits, die womöglich ausgeweitet werden sollten?

Dieser Zielkonflikt ist zentral in der Diskussion um die Regulierung von Wildtierhandel. Bei der Internationalen Allianz gegen Gesundheitsrisiken im Wildtierhandel, die die GIZ gerade im Auftrag der Bundesregierung aufbaut und realisiert, setzen wir uns dafür ein, die Entnahme und Ausbeutung von Wildtieren zu reduzieren. Das darf nicht heißen, dass die Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Es ist essenziell, Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen, die für ihr Einkommen und ihre Ernährung vom Wildtierhandel abhängig sind. Um den Handel mit wildlebenden Tieren und Pflanzen effektiv zu verringern, sind faire und vor allem lokale Lösungen erforderlich. Im Rahmen der Allianz stärken wir den Austausch dazu. Zudem unterstützen wir Partner darin, Menschenrechte zu verstehen und zu respektieren sowie nach alternativen Einkommens- und Proteinquellen zu suchen. Dazu binden wir lokale Gemeinschaften und indigene Völker genauso ein wie Wissenschaftler und Vertreter aus Politik und Verwaltung. Unsere Mitglieder erarbeiten regional angepasste Maßnahmen für den Umgang mit Wildtieren und sprechen Empfehlungen für Politik und Gesellschaft aus. Pandemieprävention beispielsweise fördern wir bei der Allianz durch Forschungsarbeiten unserer Mitglieder zu potenziellen Gesundheitsrisiken im Wildtierhandel. 

Zuletzt hat der World Health Summit (WHS) in Berlin stattgefunden. Zu welchen Fragen gab es hier Antworten? Welche zentralen Punkte wurden hier zu wenig diskutiert?

Der globale Diskurs über „One Health“, also das Zusammendenken von menschlicher, Tier- und Umweltgesundheit in gegenseitiger Abhängigkeit, ist in den letzten Jahren viel intensiver geworden. Das ist gut und war auch ein Thema beim WHS. Die aktuellen Politik-nahen Diskussionen beschäftigen sich häufig allerdings vor allem mit Strukturen, Prozessen und Kapazitäten, die notwendig sind, um schnell und effektiv auf eine zukünftige Pandemie reagieren zu können. Darunter fallen die Impfstoffentwicklung oder Hygienemaßnahmen beispielsweise. Unserer Einschätzung nach sollte ergänzend auch die Vorbeugung solcher „Zoonosen“ mit Epidemie-Potenzial in den Fokus rücken. Das bedeutet mehr Frühwarnsysteme und weniger Wildtierkontakt. Dies kann gelingen, indem die Forschung gemeinsam mit Regierungen die Früherkennung von neuen Krankheitserregern entlang der gesamten Wertschöpfungskette stärkt. Das entspricht auch den Zielen unserer Allianz. Und natürlich geht es auch darum, weltweit die Nachfrage nach wilden Tieren und ihren Produkten zu verringern, den legalen Handel besser zu regeln, den illegalen Handel intensiver zu bekämpfen und die Lebensräume wilder Tiere mehr zu schützen.