„Biodiversitätsschutz ist auch Krisenvorsorge“
Im Interview erklären GIZ-Bereichsleiterin Elke Siehl und Abteilungsleiter Alexander Haack vor der Biodiversitätskonferenz in Armenien, warum die Existenz der Menschen von der biologischen Vielfalt auf der Erde abhängt, wie der Schutz unserer Lebensgrundlagen weltweit klappt und wer Verbesserungen vorantreibt.
Auf der globalen Biodiversitätskonferenz COP17 in der armenischen Hauptstadt Eriwan geht es um die Zukunft auf unserem Planeten. Erstmals liegt eine breite Datengrundlage vor, um gemeinsam zu prüfen: Welche Fortschritte hat die Weltgemeinschaft beim Schutz der Umwelt schon gemacht und wo muss politisch und finanziell nachgesteuert werden? Elke Siehl leitet den Fach- und Methodenbereich der GIZ, Alexander Haack die Abteilung Klima, ländliche Entwicklung, Infrastruktur. Beide sind vor Ort in Armenien dabei, um daran mitzuwirken, dass aus politischen Beschlüssen konkrete Maßnahmen werden.
Was bringt uns der Erhalt der Biodiversität auf der anderen Seite der Welt?
Elke Siehl: Sehr viel. Unsere Ernährung, unsere Wirtschaft und unser Wohlstand hängen von funktionierenden Ökosystemen weltweit ab. Gesunde Wälder, Böden, Flüsse und Meere sichern die Versorgung mit Wasser, Nahrung und Rohstoffen. Damit tragen sie zu widerstandsfähigen Lieferketten und wirtschaftlicher Stabilität bei. Veränderungen in tropischen Wäldern können sich auf unsere Lebensmittelpreise auswirken und darauf, wie Rohstoffe verfügbar sind. Die Biodiversität zu schützen ist deshalb auch eine Frage der wirtschaftlichen Sicherheit und Krisenvorsorge. Das erleben wir auch in Deutschland, wo Hitze, Dürre und Schädlinge unsere Lebensgrundlagen unter Druck setzen.
Naturnahe und artenreiche Ökosysteme federn solche Belastungen besser ab. Das schützt auch Arbeitsplätze und trägt zu einem stabilen Klima und einer zukunftsfähigen Gesellschaft bei. Entscheidend ist jetzt, dass wir gemeinsam konkrete und finanzierbare Lösungen entwickeln und in der Breite umsetzen. Tempo und Umfang reichen derzeit noch nicht aus, um den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2030 zu stoppen.
Wo steht die Welt beim Schutz der biologischen Vielfalt?
Siehl: Mit dem Globalen Biodiversitätsrahmen haben sich die Staaten gemeinsame Ziele gesetzt, darunter, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Landes- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen, die Zerstörung natürlicher Lebensräume zu halbieren und jährlich mindestens 200 Milliarden US-Dollar für den Erhalt der biologischen Vielfalt bereitzustellen. Etwa drei Viertel der 196 Vertragsparteien haben inzwischen ihre nationalen Berichte zur Umsetzung dieser globalen Ziele eingereicht. So liegt erstmals eine breite Datengrundlage vor, um auf der COP17 gemeinsam zu prüfen: Welche Fortschritte gibt es und wo muss politisch und finanziell nachgesteuert werden?
Alexander Haack: Die Erfahrung aus unserer Arbeit weltweit zeigt, wie der Schutz unserer Lebensgrundlagen klappt. Im Auftrag vom Bundesentwicklungsministerium haben wir gemeinsam mit Norwegen acht Länder dabei unterstützt, ihre Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne (NBSAP) an den internationalen Rahmen anzupassen. Dabei ging es zum Beispiel darum, indigene Bevölkerungen und lokale Gemeinschaften besser zu beteiligen, neue Finanzierungswege zu öffnen und ein wirksameres Schutzgebietsmanagement auf kommunaler Ebene zu entwickeln.
Welchen Unterschied macht die GIZ auf der COP17?
Siehl: Wir schlagen die Brücke zwischen globalen Zielen und konkreter Umsetzung vor Ort – oder anders gesagt: Wir verwandeln Theorie in Praxis. Die GIZ arbeitet weltweit mit Regierungen, Regionalorganisationen, Unternehmen, Zivilgesellschaft, indigenen Völkern und lokalen Gemeinden daran, Biodiversitätsziele zu erreichen. Wir wissen also, was funktioniert und wo Hürden sind. Und was Länder brauchen, damit aus politischen Beschlüssen konkrete Maßnahmen werden. Diese Erfahrung bringen wir bei den Verhandlungen im Auftrag der Bundesregierung ein.
Ist die deutsche Wirtschaft Teil der Lösung?
Haack: Viele deutsche Unternehmen sind auf Rohstoffe, Wasser und funktionierende Ökosysteme angewiesen. Sie können Treiber für Veränderung sein: Über ihre Einkaufsentscheidungen, Investitionen und Geschäftsmodelle beeinflussen sie Wertschöpfungsketten und schaffen Märkte für naturverträgliche Produkte. So können sie gleichzeitig Natur schützen, Jobs vor Ort schaffen und ihre wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Die GIZ berät Unternehmen und ihre Partner dabei, Risiken zu erkennen, negative Auswirkungen auf die Natur zu minimieren und Lösungen zu entwickeln – zum Beispiel für nachhaltige Landwirtschaft, Umgang mit Rohstoffen oder Waldschutz.
Warum ist es wichtig, indigene Völker und lokale Gemeinden einzubinden?
Haack: Indigene Völker und lokale Gemeinschaften sind unverzichtbare Partner. Sie leben seit Generationen von und in funktionierenden Ökosystemen und schützen große Gebiete mit hoher biologischer Vielfalt. Es geht um Wissen, Rechte, Mitsprache und wirtschaftliche Teilhabe. Beispiele in Brasilien und Peru zeigen, dass gemeinsames Gebietsmanagement funktionieren kann: Indigene Gemeinschaften übernehmen Verantwortung für den Schutz ihrer Territorien und können gleichzeitig nachhaltige Einkommensmöglichkeiten entwickeln.
Siehl: Es geht darum, mit indigenen Gemeinschaften zusammen zu entscheiden und sie an wirtschaftlichen Chancen zu beteiligen. Wenn Staat und indigene Gemeinschaften an einem Strang ziehen, gelingt Naturschutz besser.
Was leistet die GIZ zum Erhalt der Biodiversität?
Siehl: Die GIZ arbeitet in mehr als 200 Projekten in über 60 Ländern mit Partnern daran mit, Biodiversität zu erhalten. Wir schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Naturschutz langfristig funktioniert: durch nachhaltige Landwirtschaft und Lieferketten, Wiederherstellung von Ökosystemen, verbesserte gesetzliche Rahmenbedingungen und neue Finanzierungsmodelle. Allein 2025 haben wir mit unseren Partnern dazu beigetragen, dass weltweit rund 37,7 Millionen Hektar Naturschutzgebiete besser geschützt wurden – das entspricht mehr als der Fläche Deutschlands.
Haack: Wir bringen Länder, Institutionen, Fachleute und Menschen zusammen und schaffen Räume, in denen Partner ihre Erfahrungen vergleichen, anpassen und gemeinsam weiterentwickeln können. 2025 hat die GIZ etwa Brasilien, Indonesien und die DR Kongo zusammengebracht, damit sie voneinander lernen. Gerade beim Biodiversitätsschutz liegen wichtige Erfahrungen und Innovationen im Globalen Süden selbst. Diese Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen, haben aber unterschiedliche Lösungsansätze.
Wüsten-COP, Biodiversitäts-COP, Klima-COP plus UN-Wasserkonferenz: Warum muss das alles zusammengedacht werden?
Siehl: Weil die Natur unsere politischen Zuständigkeiten nicht kennt. Ein Wald ist gleichzeitig Lebensraum für Tiere und Pflanzen, speichert Kohlenstoff, hält Wasser zurück und sichert Einkommen. Deshalb sollten wir diese Themen nicht getrennt voneinander bearbeiten. Wenn wir beispielsweise einen Landschaftsraum schützen, können wir gleichzeitig etwas für Klima, Wasser, Böden, Ernährung und Biodiversität tun. Genau darin liegt eine große Chance für die internationale Zusammenarbeit.
Was können Menschen in Deutschland für die biologische Vielfalt tun?
Haack: Biodiversität beginnt vor unserer Haustür. Wir können unsere eigenen Lebensräume naturnäher gestalten – zum Beispiel im Garten oder auf dem Balkon. Wir können bewusster konsumieren und darauf achten, woher unsere Lebensmittel und Produkte kommen und wie sie hergestellt werden. Aber individuelle Entscheidungen allein werden die Biodiversitätskrise nicht lösen. Dafür brauchen wir auch gute politische Rahmenbedingungen und Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle und Lieferketten verändern.