Raum für Frieden
Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe in geopolitisch schwierigen Zeiten: fragile Regionen zu Orten der sozialen und wirtschaftlichen Stabilität zu entwickeln. In Westafrika setzt die GIZ auf ganzheitliche Ansätze, die Wirtschaft, gesellschaftliche Teilhabe und staatliche Strukturen zusammendenken.
Im Herzen Westafrikas, wo Guinea, Mali und Senegal zusammentreffen, existierte einst ein kultureller und wirtschaftlicher Schmelztiegel. Heute gilt die Region als fragil. Eine schwache Wirtschaft, grenzüberschreitender Schmuggel sowie Angriffe extremistischer und bewaffneter Gruppen gehören zum Alltag der Menschen.
Die GIZ arbeitet schon seit langem in Ländern der Region, seit Januar 2025 setzt sie mit ihren Partnern im Dreiländereck auf einen vernetzten Ansatz. Öffentliche und nichtstaatliche Akteur*innen aus Guinea, Mali und Senegal arbeiten zusammen, um die Lebensbedingungen in den Grenzregionen zu verbessern – trotz einer herausfordernden politischen Lage im Sahel.
Das Programm RéZo (Renforcement de la Résilience dans les Zones Frontalières/Stärkung der Resilienz in Grenzgebieten) macht die Grenzregion von Guinea, Mali und Senegal krisenfester. Die GIZ arbeitet mit den nationalen Grenzkommissionen, den Dezentralisierungsministerien und einer Vielzahl weiterer Fachministerien aus den drei Ländern an der Verbesserung der Lebensbedingungen in mehr als 60 Grenzgemeinden. Die Europäische Union finanziert den Auftrag zu 75 Prozent, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung trägt den Rest. Das Programm ist Teil der EU-Initiative „Peaceful and Resilient Borderlands II“ und verbindet wirtschaftliche Entwicklung mit Friedensförderung sowie grenzüberschreitender Zusammenarbeit.
Kontakt: Tobias Erbert
RéZo – ausgesprochen wie das französische Wort für Netzwerk (réseau) – verbindet drei Handlungsfelder: Das Programm baut Infrastruktur aus, schafft Arbeitsplätze und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bis 2028 sollen mehr als zwei Millionen Menschen besseren Zugang zu Wasser, Strom und Bildung erhalten. Rund 40.000 Menschen profitieren von der Beschäftigungsförderung und neuen Einkommensmöglichkeiten. Das Programm belebt Handelsrouten wieder und fördert Wirtschaftsbeziehungen über Grenzen hinweg.
Aktuell legt das Programm die Grundlagen für diese ambitionierten Ziele. 2025 trafen sich Delegationen aus Ministerien der drei Länder mit Vertreter*innen der Europäischen Union und Deutschlands. „Wir zeigen, dass internationale Zusammenarbeit auch in einem schwierigen Umfeld als Brückenbauerin wirken kann“, sagt GIZ-Programmleiter Tobias Erbert.
„Grenzverwaltung und -sicherheit erfordern gemeinsame Strategien und grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Nur so können wir unsere Grenzen in Räume verwandeln, die Frieden, Sicherheit und Stabilität fördern.“
Auch Bürgermeister*innen und Landrät*innen aus den Grenzgebieten tauschen sich über Sicherheitsfragen aus. Gemeinsam mit Ortsvorsteher*innen ermitteln die GIZ und ihre Partner, welche öffentliche Infrastruktur sie instand setzen müssen – Wasserentnahmestellen, Sanitäranlagen oder Gesundheitszentren. Das Programm bildet junge Menschen aus der Region in Bautechnik und Elektroinstallation aus und setzt sie anschließend in den Renovierungsprojekten ein. Sie sanieren Gebäude, montieren Solaranlagen, reparieren Pumpen. So entstehen etwa funktionierende Gesundheitszentren mit verlässlicher Stromversorgung. Gleichzeitig sichert die Arbeit Einkommen und bietet Perspektiven für die Jugendlichen in den Grenzregionen.
Frauen als Hoffnungsträgerinnen in Nigeria
Ortswechsel. Mehr als 3.000 Kilometer weiter östlich, im Nordosten Nigerias, müssen die Menschen seit Jahren mit extremer Gewalt und den Auswirkungen der Klimakrise leben. Seit 2009 haben Attacken von Islamistengruppen wie Boko Haram Zehntausende Menschen das Leben gekostet und Hunderttausende in die Flucht getrieben. Allein im Bundesstaat Borno leben nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 1,7 Millionen Binnenvertriebene, im benachbarten Bundesstaat Adamawa weitere rund 220.000.
Nachhaltige soziale Sicherung, Teilhabe und wirtschaftliche Resilienz für den krisengeschüttelten Nordosten Nigerias – so lautet das Ziel des Programms SEPIN SUSI. Durch langjährige Erfahrung und Kontakte ist die GIZ in Nigeria als verlässlicher Partner etabliert. Sie führt das Programm im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums durch – kofinanziert von der Delegation der Europäischen Union in Nigeria. Nigeria ist mit rund 240 Millionen Einwohner*innen Afrikas bevölkerungsreichstes Land.
Kontakt: Ana Garcia Vinambres
Die GIZ unterstützt in Nigerias Nordosten Menschen, die alles verloren haben – und hilft ihnen, neu anzufangen. Binnenvertriebene, Rückkehrer*innen und die Menschen in den aufnehmenden Gemeinden erweitern ihre Fähigkeiten in klimaintelligenter Landwirtschaft und werden etwa dabei unterstützt, über Kooperativen Kleinunternehmen zu gründen.
Parallel dazu stärkt die GIZ staatliche Strukturen, die langfristig tragen sollen: In Borno und Adamawa bringt sie ein Sozialregister auf den neuesten Stand und ermöglicht so, dass rund 1,4 Millionen Menschen korrekt registriert sind. Dadurch können betroffene Menschen bei Krisen wie Naturkatastrophen oder gewaltsamen Konflikten gezielt durch staatliche Leistungen unterstützt werden.
Die GIZ setzt auf Frauen als Akteurinnen des Wandels. „Wenn sie Frauen stärken, dann ist das der effektivste und nachhaltigste Weg, etwas zu verändern. Frauen bringen Erfahrung in die Erziehung ihrer Kinder ein, in die Ernährung der Familien und in die Gesundheitsfürsorge. Es zieht weite Kreise“, erklärt GIZ-Programmleiterin Ana Vinambres. Erste Erfolge im öffentlichen Leben dieser stark patriarchalisch geprägten Region sind sichtbar.
Im Bundesstaat Adamawa sind zum ersten Mal in der Geschichte Nigerias 21 Frauen als stellvertretende Vorsitzende von Landkreisen tätig. In allen 27 Gemeinderäten der Landkreise des nigerianischen Bundesstaats Borno sind inzwischen Frauen vertreten. Das gilt als Meilenstein in der Region.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor, die die Wirtschaftsentwicklung auf kommunaler Ebene voranbringt. Sie schafft zugleich die Grundlage für den Wiederaufbau der Bundesstaaten.
Bürger*innen gestalten auf lokaler Ebene ihre Zukunft
Zudem sind 175 eigenständig finanzierte Selbsthilfeprojekte aus dem Programm entstanden: Kommunen sanieren Märkte, Schulwege und Brunnen. Sie pflanzen Bäume, errichten Zäune für mehr Sicherheit an Schulen, bauen Klassenräume sowie Sanitäranlagen und unterstützen Menschen mit Behinderungen. Das stärkt nicht nur das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Behörden. Es schafft auch Zusammenhalt zwischen Binnenvertriebenen und der lokalen Bevölkerung.
Das Programm zeigt, wie aufeinander abgestimmte Maßnahmen in verschiedenen Bereichen nicht nur zur Stabilisierung beitragen, sondern langfristig echten wirtschaftlichen Wandel anstoßen können. Indem es tragfähige Lösungen schafft und die wirtschaftlichen Grundlagen stärkt, entsteht ein Umfeld, das Sicherheit und Verlässlichkeit bietet – und damit auch private Investoren anzieht. So wird der Weg frei für eine Region, die widerstandsfähiger, wohlhabender und dauerhaft stabiler ist.
Tschadseeregion: Wenn Grenzen keine Trennlinien sind
Stabilität entsteht von innen: durch Menschen, die Verantwortung übernehmen – und durch Ansätze, die Wirtschaft, Teilhabe und staatliche Strukturen zusammendenken. Genau das ist der rote Faden, der sich durch die Arbeit der GIZ in Westafrika zieht. Und er führt weiter in eine Region, in der Staatsgrenzen auf der Landkarte existieren, im Alltag aber kaum eine Rolle spielen.
In der Tschadseeregion ziehen Hirtengemeinschaften seit Generationen im Lauf der Jahreszeiten mit ihren Tieren durch Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun – auf der Suche nach Wasser und Weideland. Doch beides wird knapper. Der Tschadsee, Wasser- und Ernährungsreservoir am Südrand der Sahara, ist zeitweise durch Klimawandel und Übernutzung geschrumpft.
Für viele Hirtenfamilien bedeutet das: längere Wege, unsicherere Routen, mehr Risiko. Wer mit der Herde neue Weideflächen sucht, gerät häufiger in landwirtschaftlich genutzte Gebiete und damit in Konflikte. So werden traditionelle Wanderkorridore, die früher Austausch ermöglichten, zu umkämpften Räumen. In einer Region, in der die Sicherheitslage ohnehin fragil ist, genügt oft ein ausbleibender Regen oder ein versperrter Zugang zu Wasserstellen, um Spannungen eskalieren zu lassen.
Hier setzt die GIZ an: Mit einem Programm, das lokal, national und regional arbeitet, soll der Teufelskreis aus Knappheit, Verdrängung und Gewalt durchbrochen werden. Im Zentrum steht ein pragmatischer Ansatz: Die saisonale Wanderung von Hirten und ihren Herden wird gezielt genutzt, um Kooperation zwischen Viehhaltung und Ackerbau zu erleichtern.
Die GIZ führt ein Programm zur Weidewirtschaft in der Tschadseeregion (PRADEP-LT-PETRA) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Europäischen Union durch. Es ist in Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun aktiv und arbeitet mit der Tschadseekommission sowie nationalen Ministerien zusammen. Ziel ist es, das Zusammenleben von sesshaften Bauern und mobilen Hirten friedlich und nachhaltig zu gestalten.
Kontakt: Luca Ferrini
Die GIZ bringt Hirtengemeinschaften, Behörden und nationale Institutionen an einen Tisch – um Konflikte zu verhindern, bevor sie entstehen. Gemeinsam kartieren und sichern sie Weiderouten, etablieren Dialogforen zwischen Bäuerinnen, Bauern und Hirt*innen, stärken beispielsweise Gesundheits- und Veterinärdienste. Denn Tierseuchen machen an Grenzen nicht halt. Gleichzeitig werden Wertschöpfungsketten ausgebaut: Milch, Fleisch, Häute und Leder sollen vor Ort verarbeitet und zu fairen Preisen verkauft werden. Diese Verdienstmöglichkeiten schaffen Perspektiven und nehmen Konflikten den Nährboden.
In all diesen Regionen Westafrikas zeigt sich: Stabilität lässt sich nicht von außen verordnen – sie wächst von innen.