„Das alte Afrika existiert nicht mehr“
Von der Abhängigkeit zur digitalen Souveränität: Afrika definiert seinen Platz in der globalen Technologieordnung neu. Lacina Koné, Generaldirektor und CEO von Smart Africa, und GIZ-Vorstandsmitglied Anna Sophie Herken sprechen darüber, warum Europa und Afrika gemeinsam handeln müssen und warum beide Kontinente mehr davon profitieren können, als ihnen bewusst ist.
ist Generaldirektor und CEO von Smart Africa, einer panafrikanischen zwischenstaatlichen Allianz, die die digitale Transformation des afrikanischen Kontinents vorantreibt. Er führt die Organisation seit 2019 und war zuvor als Berater für digitale Angelegenheiten des Präsidenten von Côte d’Ivoire tätig. Er hat Abschlüsse von der George Washington University, der Brunel University und der Ajman University.
Digitale Souveränität ist bereits seit einigen Jahren ein Thema. Ist es in letzter Zeit akuter geworden?
Koné: Wir leben im Zeitalter der KI, und Daten sind zu einem der strategisch wichtigsten Güter geworden. Wenn Sie Daten nicht nach Ihren eigenen Regeln verwalten, haben Sie auch keine wirkliche Kontrolle über Ihre eigene Weiterentwicklung. Für afrikanische Regierungen, Unternehmen und Bürger ist das keine abstrakte Schwachstelle, sondern eine konkret existierende Einschränkung. Und in einer Welt, in der die geopolitische Unsicherheit immer weiter zunimmt, ist die Abhängigkeit von wenigen externen Akteuren bei der kritischen digitalen Infrastruktur ein Risiko, das kein Land ignorieren darf, wenn es glaubwürdig agieren will.
Herken: Da stimme ich voll zu. Digitale Infrastruktur, Daten und KI-Systeme werden zunehmend von wenigen globalen Akteuren kontrolliert. Das schafft weltweit Abhängigkeiten für Regierungen, Unternehmen und Bürger. Das ist keine abstrakte Vorstellung: Ganz konkret geht es darum, wer in digitalen Gesellschaften wirklich die Macht hat. Es ist damit de facto ein hochpolitisches und nicht nur ein technisches Thema.
Gleichzeitig rückt die Frage der digitalen Souveränität auf beiden Kontinenten immer schneller in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Denn die Menschen spüren, dass es sich hierbei nicht um ein Nischenthema für Tech-Insider handelt, sondern um etwas, das den Alltag eines jeden von uns betrifft – ganz gleich, ob wir in Berlin oder in Lagos leben.
„Die Menschen spüren, dass es sich hierbei nicht um ein Nischenthema für Tech-Insider handelt, sondern um etwas, das den Alltag eines jeden von uns betrifft – ganz gleich, ob wir in Berlin oder in Lagos leben.“
Menschen umfasst der geplante digitale Binnenmarkt von Smart Africa.
Was könnte man tun, um die genannten Risiken zu bewältigen?
Koné: Bei Smart Africa arbeiten wir daran, bis 2030 einen digitalen Binnenmarkt in Afrika zu schaffen. Das ist nicht nur ein Slogan, sondern die Arbeitsagenda. Kein afrikanisches Land kann alleine eine nennenswerte digitale Souveränität erreichen. Unsere Märkte sind einzeln für sich genommen zu klein und die Kosten für den Aufbau der Infrastruktur innerhalb von Landesgrenzen sind zu hoch. Betrachtet man jedoch unsere mehr als vierzig Mitgliedsstaaten mit zusammen über 1,1 Milliarden Menschen, dann sieht die Gleichung ganz anders aus.
Wir bauen eine gemeinsam genutzte Infrastruktur auf, entwickeln afrikanische Datenräume sowie Cloud-Ökosysteme und legen gemeinsame Regeln und Standards fest. Wir haben bereits ein Pilotprojekt zur grenzüberschreitenden digitalen Identität zwischen Ruanda, Ghana und Benin gestartet. Achtzehn weitere Länder befinden sich derzeit im Beitrittsprozess.
Herken: Und Europa ist ein aktiver Partner bei diesen Bemühungen. Wir stehen vor denselben Herausforderungen und müssen daher strategisch zusammenarbeiten, um digitale Systeme gemeinsam aufzubauen. Europa stellt nur vier der 50 führenden Technologieunternehmen; Afrika beherbergt weniger als ein Prozent der weltweiten Rechenleistung. Im Rahmen der EU-Initiative „AI Factories“ können afrikanische Partner unter klaren und transparenten Bedingungen auf europäische Hochleistungsrechner zugreifen und gleichzeitig den Ausbau von Rechenzentren in Afrika unterstützen. So sieht echte Co-Investition aus.
Afrika ist zu einem Dreh- und Angelpunkt geworden, insbesondere für chinesische und US-amerikanische Technologieunternehmen. China baut 5G-Netze auf, während die USA Unterseeleitungen wie 2Africa verlegen. Europa möchte stärker als Partner auftreten. Wie bringt man alle diese Dinge unter einen Hut?
Koné: Die Haltung von Smart Africa ist eindeutig: Wir begrüßen Partnerschaften. Dabei bestehen wir darauf, dass Partnerschaft bedeutet, gemeinsam zu gestalten, gemeinsam zu investieren und gemeinsam zu führen. Und dass keine der beiden Parteien der anderen Auflagen vorgibt. Ich beschreibe es manchmal als das Zusammenfließen zweier Flüsse: Jeder bringt seine eigene Kraft mit und gemeinsam entsteht ein stärkerer Strom. Afrika sucht keinen einzelnen Gönner. Wir bauen ein vielfältiges Ökosystem aus strategischen Partnerschaften auf, und zwar zu unseren eigenen Bedingungen.
Herken: Aus Sicht der GIZ liegt Europas besondere Stärke in diesem Bereich nicht nur in der Finanzierung. Europa steht auch für menschenzentrierte Entwicklung, offene Technologien und Partnerschaften, die keine Abhängigkeiten schaffen.
Projekte wie „FAIR Forward“ haben über mehrere Jahre hinweg gezeigt, dass die Förderung von Open Data und Open-Source-Sprachmodellen afrikanischen Innovatoren echte Wahlmöglichkeiten bietet. Sie können entscheiden, ob sie auf geschlossene, von Unternehmen kontrollierte Plattformen setzen oder auf offene Grundlagen, die zu ihren spezifischen Bedürfnissen passen. Diesen Ansatz wenden wir in der gesamten GIZ und in unseren Partnerschaften an.
Wie sehen digitale Innovationen in Afrika konkret aus?
Koné: Eines meiner Lieblingsbeispiele ist Amini KI, ein in Nairobi gegründetes Start-up. Das Unternehmen hat eine Anwendung entwickelt, die Bodendaten und Satellitenbilder nutzt, um Entscheidungen in der Agrarwirtschaft zu unterstützen. Landwirte können so einschätzen, wie viel Wasser verfügbar sein wird, sie können klimabedingte Risiken vorhersehen und ihre Erträge optimieren. Das ist genau die Art von Innovation, die sich unmittelbar der Herausforderungen Afrikas annimmt. Bei der digitalen Transformation in Afrika geht es nicht um Bequemlichkeit, sondern darum, Probleme zu lösen, die für das Leben der Menschen von Bedeutung sind. Denn in diesem Umfeld agieren afrikanische Unternehmer*innen und daraus entstehen Lösungen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.
Herken: Genau aus diesem Grund investiert die GIZ in die grundlegenden Bausteine – offene Datensätze, lokal relevante Sprachmodelle und digitale öffentliche Infrastruktur –, auf denen Start-ups wie Amini AI aufbauen können. Das Ziel ist ein echter Handlungsspielraum: die Freiheit, nach den eigenen Vorstellungen innovativ zu sein, ohne in kommerziellen Abhängigkeiten gefangen zu sein, die mit der Zeit unerschwinglich teuer werden.
ist seit 2023 Mitglied des GIZ-Vorstands. Die deutsch-schwedische Juristin hatte zuvor leitende Positionen bei Allianz Asset Management, der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung inne. Die digitale Transformation in Afrika und Europa gehört zu ihren zentralen Arbeitsschwerpunkten. Sie hat Abschlüsse von der Universität Cambridge, dem Washington College of Law, der Universität Bordeaux und der Freien Universität Berlin.
„Bei der digitalen Transformation in Afrika geht es nicht um Bequemlichkeit, sondern darum, Probleme zu lösen, die für das Leben der Menschen von Bedeutung sind. Denn in diesem Umfeld agieren afrikanische Unternehmer*innen und daraus entstehen Lösungen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.“
Wie realistisch ist ein digitaler Binnenmarkt für Afrika bis 2030?
Koné: Vollkommen realistisch. In der Praxis bedeutet dieser Markt, dass Bürger*innen und Unternehmen grenzüberschreitend digital agieren können und dass eine in einem Land ausgestellte digitale Identität in einem anderen Land anerkannt und akzeptiert wird. Es bedeutet zudem, dass Daten sicher zwischen nationalen Systemen ausgetauscht werden können und dass regionale Märkte als integriertes Ganzes funktionieren. Mit unserem Pilotprojekt zwischen Ruanda, Ghana und Benin haben wir bereits gezeigt, dass dies technisch und politisch erreicht werden kann. Und wir nehmen Fahrt auf.
Das sind drei von mehr als 50 Ländern …
Koné: Achtzehn weitere Länder befinden sich derzeit im Beitrittsprozess. Man wird dabei zusehen können, wie sich bestimmte Regionen in Afrika weiterentwickeln, etwa die Ostafrikanische Gemeinschaft und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft. Wir werden beide zusammenbringen. Dieser Prozess schreitet schneller voran, als die meisten Menschen erwarten.
Herken: Die Erfahrungen in Europa sind in dieser Hinsicht aufschlussreich. Die EU-Verordnung eIDAS 2.0 wurde jahrelang verhandelt und schließlich im Jahr 2024 verabschiedet. Bis Ende 2026 muss jeder EU-Mitgliedsstaat seinen Bürger*innen ein grenzüberschreitend nutzbares, digitales Identitäts-Wallet anbieten. Danach wird es in Schlüsselbranchen wie dem Bankwesen und der Telekommunikation verpflichtend sein, das Wallet anzuerkennen. Sobald diese Grundlagen geschaffen sind, wird die Integration schneller voranschreiten, als man erwartet.
Wir arbeiten außerdem daran, die Systeme beider Kontinente miteinander zu verknüpfen. Wir unterstützen die Afrikanische Union dabei, ihren datenpolitischen Rahmen umzusetzen. Mit Kenia arbeiten wir darauf hin, dass die EU dem Land ein angemessenes Datenschutzniveau bescheinigt, damit Daten frei und sicher zwischen unseren Regionen fließen können.
Digitale Identität
Mit einer digitalen Identität können Menschen ihre Identität ohne Papier oder Kunststoff nachweisen – und das sicher und von Regierungen, Banken und Unternehmen anerkannt. Die digitale Identität ist dabei weit mehr als nur ein Benutzername oder ein Passwort: Sie entscheidet darüber, ob jemand ein Bankkonto eröffnen, einen Vertrag unterzeichnen, ein Unternehmen gründen oder öffentliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen kann, ohne Schlange stehen oder Berge von Papier mit sich herumtragen zu müssen.
Ihre wahre Stärke zeigt sich über Grenzen hinweg. Wenn digitale Identitäten länderübergreifend anerkannt werden, können Menschen in einer ganzen Region reisen, arbeiten, studieren und Betriebe führen – nahtlos und ohne bürokratische Hürden. Aus diesem Grund ist die digitale Identität zu einer geopolitischen Frage geworden: Wer auch immer die Standards festlegt und die Infrastruktur betreibt, bestimmt, wie Menschen und Volkswirtschaften miteinander vernetzt sind. Sowohl für Europa als auch für Afrika ist der Aufbau vertrauenswürdiger, interoperabler digitaler Identitätssysteme ein Eckpfeiler der Souveränität und der regionalen Integration – vom digitalen Identitäts-Wallet der EU bis hin zu den Bemühungen von Smart Africa für grenzüberschreitende digitale Identitäten.
der afrikanischen Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt.
In Europa überwiegt nach wie vor ein Afrikabild, das von armen Dörfern ohne Internetzugang geprägt ist. Wie ist dies zu erklären?
Koné: Auch solche Realitäten gibt es und ich will sie nicht herunterspielen. Doch als vorherrschendes Bild, das Europa sich von Afrika macht, sind diese Ansichten völlig überholt.
Die digitale Transformation auf dem Kontinent schreitet immer schneller voran. Den neuesten Daten der GSMA zufolge macht 3G nach wie vor den Großteil der Mobilfunkverbindungen in Subsahara-Afrika aus. Im Jahr 2023 lag 4G immerhin bei 31 Prozent der Mobilfunkverbindungen und bis 2030 werden voraussichtlich 50 Prozent erreicht. Dennoch besteht nach wie vor eine erhebliche Versorgungslücke: 13 Prozent der Bevölkerung sind noch immer nicht erreichbar. Und 60 Prozent der Menschen leben zwar in Versorgungsgebieten, sind jedoch mit Hürden konfrontiert: Sie verfügen nur über begrenzte digitale Fähigkeiten oder können sich die Endgeräte nicht leisten. Die Herausforderung besteht also heute nicht nur im Zugang zu digitalen Möglichkeiten, sondern auch in der Erschwinglichkeit und sinnvollen Nutzung.
Afrika hat die jüngste Bevölkerung der Welt, sechzig Prozent sind unter 25 Jahre alt. Dieser demografische Vorteil führt in Verbindung mit der Freiheit, eine digitale Infrastruktur ohne Altlasten neu aufzubauen, zu einer Innovationskultur, die von der europäischen Wirtschaft und Politik ernsthafte Beachtung verdient. Das alte Afrika existiert nicht mehr.
Herken: Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Bei jedem meiner Besuche, egal auf welchem Teil des Kontinents, fällt mir weniger die Infrastrukturlücke auf als vielmehr die Mentalität: Ich beobachte eine bemerkenswerte Offenheit dafür, Dinge anders zu gestalten. Und Europa sollte dem Aufmerksamkeit schenken, denn wir können viel davon lernen. Viele afrikanische Länder steigen direkt auf E-Governance-Lösungen um und überspringen damit kostspielige Altsysteme, die Europas eigene digitale Transformation behindern. Es ist also eine Partnerschaft auf Augenhöhe, keine Geber-Empfänger-Beziehung.
Dennoch haben mehr als 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung keinen Zugang zu Strom. Wie passt das zusammen?
Koné: Die digitale Transformation und die Energiewende müssen Hand in Hand gehen. Ohne zuverlässige und bezahlbare Energie gibt es keine echte digitale Souveränität. Da die KI-Infrastruktur immer energieintensiver wird, wird diese wechselseitige Beziehung nur noch stärker. Wir bei Smart Africa betrachten dies als einen doppelten Wandel und nicht als aufeinanderfolgende Prioritäten. Beides muss parallel voranschreiten.
Herken: Das spiegelt sich auch im umfassenden Engagement der GIZ auf dem afrikanischen Kontinent wider. Neben unseren digitalen Programmen setzen wir uns aktiv für den Zugang zu Energie und eine Wende hin zu erneuerbaren Energien ein. Das Potenzial von Solarenergie und anderen erneuerbaren Energien, auch in ländlichen Gebieten, ist enorm. Und diese beiden Entwicklungen verstärken sich gegenseitig: Ein besserer Zugang zu Energie ermöglicht den Aufbau digitaler Infrastruktur; digitale Tools tragen wiederum dazu bei, Energiesysteme zu optimieren und deren Reichweite zu vergrößern.
„Ich beobachte eine bemerkenswerte Offenheit dafür, Dinge anders zu gestalten. Und Europa sollte dem Aufmerksamkeit schenken, denn wir können viel davon lernen.”
Bedeutet das, dass Afrika ganz besonders von der digitalen Transformation profitieren kann?
Herken: Ich würde diese Aussage vorsichtig hinterfragen. Afrika ist hier kein Begünstigter, sondern ein Motor und ein Partner auf Augenhöhe. Die unternehmerische Energie, das demografische Profil und die Freiheit, ganze Generationen veralteter Systeme zu überspringen – all das macht Afrika zu einer treibenden Kraft, die die Zukunft der digitalen Entwicklung weltweit mitgestaltet. Die vielleicht wichtigere Frage ist, ob Europa bereit ist, aus dem zu lernen, was hier entsteht. Und ob unsere beiden Kontinente gemeinsam das schaffen können, was keiner von beiden allein schaffen kann.
Koné: Ich bin überzeugt, dass wir einen entscheidenden Moment erleben – für Afrika und für die Beziehungen zwischen unseren beiden Kontinenten. Wir sehen die Dringlichkeit, haben das Talent und verfügen zunehmend auch über die institutionellen Rahmenbedingungen, um in großem Maßstab voranzukommen. Afrika kann jahrzehntelange Transformationen in den Bereichen E-Governance, Fintech, Gesundheitswesen und Agrarwirtschaft auf wenige Jahre verkürzen. Was wir entwickeln, ist keine Kopie von Modellen, die anderswo entwickelt wurden. Das ist etwas Neues. Und die Welt sollte genau hinschauen.