Porträt eines älteren Mannes mit grauen Haaren im Anzug vor gelbem Hintergrund.
Interview

„Unternehmertum und gesellschaft­liche Verant­wortung gehören zusammen“

Nachhaltiges Wirtschaften ist für unsere Zukunft unverzichtbar. Diese Überzeugung vertritt der Unternehmer und Stifter Michael Otto im Interview und erklärt zudem, warum der Globale Süden für Deutschland entscheidend ist.

Herr Otto, Sie sind Unternehmer und Gründer gleich mehrerer Stiftungen im Bereich Nachhaltigkeit und Demokratie. Was treibt Sie an?

Mich treibt die feste Überzeugung an, dass Unternehmen ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind und deswegen große Verantwortung tragen. Unternehmerische Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung gehören für mich untrennbar zusammen. Diese Verantwortung versuche ich durch mein Engagement in Stiftungen wie der Aid by Trade Foundation, der Umweltstiftung Michael Otto, der Michael Otto Foundation for Sustainability und der Stiftung KlimaWirtschaft in die Tat umzusetzen.

Mein Einsatz für Nachhaltigkeit ist dabei keine Frage des Zeitgeists, sondern eine innere Haltung, die bereits in den 70er Jahren in mir erwachsen ist und die ich bis heute für eine unverzichtbare Voraussetzung für verantwortungsvolles Unternehmertum halte. Mir war es immer ein Anliegen, langfristige Lösungen mitzugestalten, den Dialog zu fördern und dort Verantwortung zu übernehmen, wo wir Gestaltungsspielräume haben.

Sie sind auch Mitinitiator der Hamburg Sustainability Conference. Welche Verantwortung sehen Sie bei Unternehmen für die Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele?

Die Wirtschaft hat maßgeblich von der Globalisierung profitiert. Eine Entwicklung, die Prinzipien nachhaltigen Wirtschaftens ignoriert, gefährdet diesen Erfolg ebenso wie die Zukunft unseres Planeten. Deshalb sollten Unternehmen ein vitales Interesse am Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele haben. Sie verfügen auch über alle Möglichkeiten, um Teil der Lösung zu sein: Innovations- und Gestaltungskraft sowie Transformationskompetenz.

Entscheidend ist, Nachhaltigkeit als tragfähiges Geschäftsmodell zu verankern – auch im eigenen Betrieb – und auch dann Verantwortung zu übernehmen, wenn es unbequem wird. Freiwilliges Engagement ist wichtig, aber oft nicht ausreichend; klare politische Vorgaben können nachhaltiges Handeln beschleunigen. Sie sorgen zudem für faire Wettbewerbsbedingungen, so dass Entscheidungen zugunsten von Nachhaltigkeit nicht in Konkurrenz zu unternehmerischen Gewinnen stehen.

Gruppenfoto von vielen Personen in formeller Kleidung auf einer Treppe in einem repräsentativen Innenraum.
Gruppenbild mit Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (mitte) bei der Hamburg Sustainability Conference 2025

Wie wichtig ist der Globale Süden für die deutsche und europäische Wirtschaft?

Sehr wichtig. Viele unserer Rohstoffe und Vorprodukte stammen aus Partnerländern des Globalen Südens; dort finden sich auch die Wachstumsmärkte der Zukunft. Deshalb wäre es ein Irrtum zu glauben, weniger Investitionen in internationale Zusammenarbeit führten zu mehr Wohlstand bei uns. Wir brauchen international stabile Verhältnisse, um unsere wirtschaftliche Grundlage zu sichern. Die diversen Krisen und Kriege im Moment führen uns das eindrücklich vor Augen. Was etwa in Afrika passiert, darf uns nicht gleichgültig sein. Eine nachhaltige und partnerschaftliche Entwicklung im Globalen Süden ist für uns strategisch und wirtschaftlich notwendig.

Zuletzt wurde vermehrt gefordert, die Entwicklungspolitik stärker auf – wirtschaftliche – Interessen Deutschlands auszurichten. Wie stehen Sie dazu?

Systemische Veränderungen zum Wohl von Menschen und Umwelt lassen sich nur erreichen, indem wir die Kräfte von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bündeln. Nachhaltige Entwicklung in Ländern des Globalen Südens schafft Rahmenbedingungen, von denen unsere Wirtschaft direkt profitiert – durch verlässliche Lieferketten, qualifizierte Arbeitskräfte und neue Märkte, aber auch durch bessere gesellschaftliche Verhältnisse, die die Ursachen von Migration vermindern. Organisationen wie die GIZ bauen hier Brücken: Sie bringen Wissen über die Verhältnisse vor Ort, vertrauensvolle Beziehungen und politische Erfahrung ein, während Unternehmen Investitionen, Innovation und Umsetzungskraft beisteuern. Es geht darum, wirtschaftliche Interessen immer an gemeinsamen Werten auszurichten und so Win-win-Situationen zu schaffen. Ein Beispiel ist die Kooperation der Otto Group mit der GIZ und dem Textildialog (ehemals Textilbündnis). Gemeinsam unterstützen wir zirkuläre Prozesse in Ländern der textilen Lieferkette. Solche Partnerschaften verbinden wirtschaftlichen Nutzen mit globaler Verantwortung.

Welche Möglichkeiten bietet die Hamburg Sustainability Conference für solche Kooperationen?

Die Konferenz ist ein wichtiges Forum für den Dialog zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Hier kommen wir auf Augenhöhe zusammen, um gemeinsam Lösungen für globale Herausforderungen zu entwickeln, sei es für nachhaltige Lieferketten, Klimaschutz oder soziale Teilhabe, und um in die Umsetzung zu kommen. Der internationale Austausch ist entscheidend, um Vertrauen aufzubauen, Kompetenzen zu bündeln und Partnerschaften zu ermöglichen, die wirtschaftliche Innovationskraft mit entwicklungspolitischer Erfahrung und globaler Verantwortung verbinden. Nur aus diesem Dialog heraus können tragfähige und zukunftsweisende Konzepte entstehen.

Noch eine Frage zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Das Jahr 2030 ist nicht mehr weit, was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

Es liegt mir besonders am Herzen, dass wir endlich entschlossener handeln und mehr tun, als nur zu reden. Glaubwürdigkeit entsteht durch Handeln – nicht durch Worte. Die Zeit drängt und die Folgen von Untätigkeit wären über Generationen hinweg spürbar. Wir brauchen jetzt echte Anstrengungen für Klima- und Umweltschutz sowie soziale Teilhabe. Gleichzeitig habe ich als Unternehmer gelernt, dass man für große Ziele einen langen Atem braucht. Es geht darum, die Gegenwart entschlossen zu gestalten und gleichzeitig die Grundlage für langfristigen Erfolg zu schaffen.

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