„Internationale Zusammenarbeit ist eine Frage der Vernunft“
UNICEF und GIZ arbeiten seit rund 15 Jahren zusammen. Das zahlt sich besonders in Krisengebieten aus, erläutert Verena Knaus. Als Leiterin von UNICEF in Berlin ist sie verantwortlich für die Partnerschaft mit Deutschland.
leitet das Berliner Büro des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF und ist für die strategischen Partnerschaften mit den Regierungen Deutschlands, der Schweiz, Österreichs und Liechtensteins zuständig.
Frau Knaus, warum ist die Zusammenarbeit von UNICEF und GIZ jetzt besonders wichtig?
Wir stehen an einem Wendepunkt der traditionellen Entwicklungszusammenarbeit. Das Geld wird knapper – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und in Deutschland. Umso wichtiger ist es, dass wir belegen, wie wirksam und wichtig Entwicklungszusammenarbeit und internationale Partnerschaften sind. Die Erwartungen an uns sind hoch. Gleichzeitig können wir zeigen, dass wir in unterschiedlichen, sich ergänzenden Rollen gut und effizient zusammenarbeiten.
UNICEF ist als multilaterale UN-Organisation in über 190 Ländern aktiv, auch in aktuellen Krisengebieten. Unsere Arbeit gründet auf der UN-Kinderrechtskonvention. Zudem arbeiten wir in Bereichen, die Reformen staatlicher Systeme stärken. Als Bundesunternehmen bringt die GIZ besondere Kompetenzen, etwa bei staatlichen Reformen und Berufsbildung, ein. So ergänzen wir uns. Das zeigt sich auch in fragilen Regionen wie der Sahelzone.
Können sich beide Organisationen gerade in diesen Gegenden unterstützen?
Auf jeden Fall. Viele Länder, in denen wir gemeinsam unterwegs sind, kämpfen mit schwierigen Regierungsverhältnissen oder befinden sich in akuten Konflikten. Dort arbeiten wir komplementär zusammen, um die Prioritäten der deutschen Entwicklungspolitik umzusetzen. Für UNICEF ist die Arbeit in Krisen- und Konfliktgebieten Alltag. Hier bringen wir viel Erfahrung und Präsenz vor Ort ein. Von der GIZ wiederum profitieren wir beispielsweise durch ihre technische Kompetenz.
Wo zeigt sich die gute Zusammenarbeit ganz konkret?
Vor einigen Jahren hat UNICEF, gemeinsam mit Partnern wie der GIZ und jungen Menschen aus Afrika, die Plattform Youth Agency Marketplace (Yoma) entwickelt. Yoma richtet sich an benachteiligte Jugendliche in Afrika und gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Schulausbildung fortzusetzen und dabei gleichzeitig Geld zu verdienen. Gerade um jungen Menschen, die die Schule aus wirtschaftlichen Gründen verlassen mussten, Perspektiven zu schaffen, haben wir uns erfolgreich zusammengetan. Daraus hat sich eine langfristige Zusammenarbeit entwickelt, die inzwischen auch über Afrika hinausreicht.
Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die Sahel-Resilienz-Partnerschaft von UNICEF, GIZ und dem Welternährungsprogramm (WFP). Gemeinsam stärken wir die Widerstandskraft der Bevölkerung in Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und Tschad – also in Ländern, die besonders von Krisen, Konflikten und Klimawandelfolgen betroffen sind.
Welche Herausforderungen bereiten Ihnen derzeit die größten Sorgen?
Am meisten macht mir der politische Gegenwind gegenüber internationaler Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe zu schaffen. Dabei wird hier besonders sorgfältig, wirksam und evidenzbasiert gearbeitet. Und wir wissen: Ein heute klug investierter Dollar kann später ein Vielfaches an Kosten vermeiden. Es geht um Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung und Zukunftsperspektiven.
„Internationale Zusammenarbeit ist keine Frage des Idealismus, sondern der Vernunft. Sie hilft, Krisen vorzubeugen, Stabilität zu stärken und gemeinsame Probleme wie Klimawandel oder Pandemieprävention wirksam anzugehen.“
Können Sie Beispiele nennen?
Gerade in der humanitären Hilfe und in Schlüsselbereichen wie der globalen Gesundheit oder Bildung wird derzeit stark gekürzt. Das ist kurzsichtig. Wenn beispielsweise an der Gesundheitsversorgung gespart wird, zeigen sich die schwerwiegenden und deutlich teureren Folgen oft erst Jahre später. Das sieht man an der Ebola-Krise in der Demokratischen Republik Kongo. Durch das Wegbrechen von Gesundheitspartnern, Institutionen und Programmen ist es dort jetzt viel schwieriger, zu reagieren.
Das gilt auch für Bildung. Wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr in die Schule gehen, verlieren wir nicht nur eine ganze Generation, die die Wirtschaft eines Landes voranbringen könnte. Es entstehen auch neue Risiken für die gesellschaftliche Stabilität. Wer keine Perspektive sieht, ist anfälliger für Radikalisierung und extremistische Ansprachen. So entstehen Probleme, die sich durch grundlegende Investitionen in Bildung und Versorgung verhindern ließen.
Welche Folgen haben die knappen Budgets und veränderte politische Prioritäten für die Arbeit von UNICEF?
Wir müssen neue Prioritäten setzen und das ist schmerzhaft. Für UNICEF bedeutet es etwa, dass wir Kliniken in Somalia schließen und Programme stark herunterfahren müssen.
Zugleich verschieben sich in der aktuellen politischen Weltlage internationale Normen. Auch für humanitäre Akteure wie UNICEF wird die Arbeit zunehmend gefährlicher. Kriegsführung ändert sich, Drohnenangriffe sind eine neue Herausforderung. Das Völkerrecht wird missachtet – auch das macht die Arbeit vielerorts viel schwieriger.
Was antworten Sie Menschen, die internationale Zusammenarbeit für entbehrlich halten?
Wir leben in einer vernetzten Welt und haben gerade erst erlebt, wie sich das Schließen einer Schiffsroute wie in der Straße von Hormus auswirkt. In Deutschland steigen die Energiepreise, in Somalia kommen Düngemittel nicht an oder werden unerschwinglich. Wir können uns von globalen Herausforderungen nicht abschotten, wir müssen sie vielmehr gemeinsam bewältigen. Internationale Zusammenarbeit ist daher keine Frage des Idealismus, sondern der Vernunft. Sie hilft, Krisen vorzubeugen, Stabilität zu stärken und gemeinsame Probleme wie Klimawandel oder Pandemieprävention wirksam anzugehen. Wir alle profitieren davon, wenn es auch den Menschen in anderen Regionen gut geht.