Interview mit Lucia Fetzer (Friedensfachkraft, Ruanda)

Was sind Sie von Beruf?

Ich habe interdisziplinär studiert (B.A. Kulturwirt und M.A. European Studies) und mich in diesem Rahmen auf verschiedene Konfliktkontexte spezialisiert (Nordirland, Zypern, Bosnien, Sri Lanka...). In diesen Ländern habe ich auch meine Arbeitserfahrung gesammelt, zumeist bei zivilgesellschaftlichen und staatlichen Trägern der internationalen Zusammenarbeit.

Was ist Ihre Aufgabe als Friedensfachkraft?

Ich unterstütze die Partnerorganisation IBUKA, ein Netzwerkverband für Genozidüberlebende. Wir haben gemeinsam ein Projekt in der Südprovinz aufgebaut, in dem Freiwillige in Trauma- und Konfliktbearbeitung ausgebildet werden. Diese Freiwilligen vermitteln dann in ihrem Umfeld bei Konflikten und lindern Trauma-Symptome, die häufig in Zusammenhang mit diesen Konflikten stehen. Auf diese Weise tragen sie zu den Versöhnungsprozessen in ihren Gemeinden bei. Ich war an allen Phasen der Projektentwicklung beteiligt, habe bei der Planung, Umsetzung und Evaluierung mitgewirkt. Des Weiteren habe ich die Organisation im Networking unterstützt und über Partner des ZFDs in Burundi einen regionalen Erfahrungsaustausch initiiert sowie IBUKA in Fragen der Organisationsentwicklung, z.B. zu Fundraising und PR, beraten.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, für die GIZ als Friedensfachkraft zu arbeiten?

Im Zentrum der Entscheidung stand mein allgemeines Interesse an Konflikten und zwischenmenschlicher Interaktion. Ich war neugierig, wie Menschen in anderen Kulturen mit Konflikten umgehen. Als Friedensfachkraft habe ich die Möglichkeit, dies an der Basis zu verfolgen und durch interkulturellen Austausch über Andere und mich selbst zu lernen.

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Ich habe sehr unterschiedliche Arbeitsalltage. Einerseits arbeite ich im Büro im Süden zusammen mit der einheimischen Fachkraft. Hier besprechen wir uns, dokumentieren Projektaktivitäten und planen nächste Schritte. Manchmal kriegen wir Besuch von Freiwilligen, die ihre Fortschritte und Herausforderungen mit uns teilen oder anderen ruandischen zivilgesellschaftlichen oder staatlichen Partnern, welche im gleichen Bereich tätig sind. Oft machen wir Feldbesuche in den 3 Distrikten, wo wir arbeiten. Entweder führen wir Workshops durch, an denen jeweils 30 der insgesamt 90 Freiwilligen teilnehmen, oder wir besuchen einzelne Freiwillige und ihre „Klienten“ an ihrem Wohnort, um die friedensfördernde Wirkung der Arbeit zu untersuchen und Verbesserungsvorschläge entgegen zu nehmen. Andererseits verbringe ich ca. 1/3 meiner Arbeitszeit im Hauptbüro meiner Partnerorganisation in der Hauptstadt Kigali. Hier nehme ich an strategischen Besprechungen zur Stärkung von IBUKA teil und trage zum internen Mainstreaming des im Süden gesammelten Wissens zur Konflikttransformation bei. Ebenfalls unterstütze ich die Kommunikation zwischen IBUKA und der GIZ. Bei regelmäßigen Treffen mit anderen FFKs und den Partnern des ZFDs entwickeln wir das Landesprogramm gemeinsam weiter. Auch wird die Kooperation zwischen den Partnerorganisationen gestärkt.

Wie ist es, als Friedensfachkraft für das ZFD-Programm zu arbeiten?

Anstrengend und Bereichernd! Einerseits habe ich durch die hohe Eigenverantwortung und die enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Zielgruppen unendliche Möglichkeiten, mich sinnvoll einzubringen und mich wirkungsorientiert zu engagieren. Es ist sehr befriedigend zu sehen, was die direkten Auswirkungen unserer Arbeit auf die Bevölkerung sein können. Andererseits sind Prozesse oft langsam und manchmal auch destruktiv. Daher ist es wichtig, sich abzugrenzen und seine eigene Belastungsgrenze zu kennen. Ich erlebe das ZFD Programm als sehr teamorientiert und erfahre durch den programminternen Zusammenhalt große Unterstützung und Rückhalt.

Was ist Ihre wichtigste Erfahrung, seit Sie als FFK arbeiten?

Mich beeindruckt die Stärke, Offenheit und Lernbereitschaft der Menschen, die unglaubliches Leid erfahren haben. Durch meine Rolle als FFK habe ich direkten Zugang zu Lebensgeschichten aus dem ruandischen Alltag und kann die Veränderungen beobachten, die die Menschen durch das von uns initiierte Empowerment durchlaufen. Zu sehen, wie Genozidüberlebende, die bis vor kurzem selbst mit Trauma-Symptomen zu kämpfen hatten, andere Menschen in der Verarbeitung ihres Leids unterstützen oder sich mit Tätern versöhnen, spiegelt für mich ergreifende Beispiele für Menschlichkeit und Hoffnung.

Ihr Rat für jemanden, der als Friedensfachkraft für den Entwicklungsdienst der GIZ im ZFD-Programm tätig werden will?

Wichtig für die Arbeit als Friedensfachkraft ist die Freude an interkultureller Kommunikation, der Wille, gut zuzuhören, und im Team zu arbeiten. Im Vorfeld sollte man sich mit der Frage nach der persönlichen Frustrationstoleranz und Flexibilität auseinander setzen, da vor Ort die wenigsten Sachen so ablaufen, wie geplant. Es ist unerlässlich, gute und erprobte Selbstschutzmechanismen mitzubringen.