Entwicklungshelfer/innen und Digitalisierung

Digitalisierung in der GIZ ist ein großes Thema, für das sich u. a. auch EH einsetzen. Im Dezember 2017 haben sechs Teams ihre digitalen Innovationsideen bei einem Digitalisierungswettbewerb, dem GIZ Innovation Fund, präsentiert.

Fast zehn EH haben Projektvorschläge eingereicht, und unter den Teilnehmer/innen, deren Projekte in die Endbetrachtung kamen, waren zwei EH aus Südafrika, Thomas Hellmann und seine damalige Kollegin, Johanna Tyrakowski, die zusammen mit ihren nationalen Kollegen, Matsetsebale Tleane (VCP) sowie Khotso Lefatsa (PISA), die App YouthActs entwickelt haben. Wir freuen uns, dass Thomas Hellmann, der im Programm für Inklusive Gewaltprävention (VCP - Inclusive Violence and Crime Prevention) arbeitet, sich zu einem Interview bereit erklärt hat. Vielen Dank dafür.

Herr Hellmann, wie sind Sie auf den GIZ Innovation Fund aufmerksam geworden?

Innerhalb unserer „Youth Bubble“ in VCP hatten wir mit verschiedenen Kollegen schon länger überlegt, wie uns eine digitale Plattform bei unserer Arbeit, organisierte Jugendliche zu unterstützen, helfen könnte. Dafür hatten wir auch schon die grundsätzliche Unterstützung des Programms. Uns fehlten allerdings die nötigen Ressourcen und die Expertise. Der Call for Innovation kam da wie gerufen, und gerade die Aussage „InnoFund leaves room for trial and error“ sprach uns an, denn so hatten wir bei der Erarbeitung unseres Projektvorschlags die Möglichkeit zum Testen und Ausprobieren, getreu dem Motto „Think outside the box“.

Warum haben Sie sich für Südafrika und Lesotho entschieden?

Der Innovation Fund war darauf ausgelegt, die Skalierbarkeit der digitalen Innovation zu zeigen. Dieser Anforderung konnten wir gerecht werden, indem wir unsere App in Südafrika auf das o. g. Programm VCP und in Lesotho auf das Programm PISA (Participatory Initiative for Social Accountability) ausgerichtet haben, die beide mit organisierten Jugendgruppen zusammenarbeiten. PISA, ein EU-Projekt, arbeitet in Lesotho mit Methakas zusammen im Bereich politische Bildung und Bürgerbeteiligung, und in Südafrika arbeiten wir mit Youth Desks, die an die Polizei angedockt sind und sich mit dem Thema Gewaltprävention und sicherere Gemeinden befassen. Das Gleiche könnte man z. B. auch in Äthiopien zur Wasseraufbereitung o. Ä. machen. Voraussetzung ist nur, dass es organisierte Jugendgruppen sind, die an gewisse Strukturen gebunden sind und wir als GIZ diverse Trainings zur Vorbereitung bzw. auch Nutzung der App anbieten können.

Zusammen haben Sie die App YouthActs ins Leben gerufen. Wie ist es zu dieser Idee gekommen, und worum geht es in dem Projekt?
Wir arbeiten mit organisierten Jugendgruppen zusammen, die sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzen. In Südafrika sind das die Youth Desks und in Lesotho die Methakas. In Südafrika versuchen wir mit unseren Partnern, junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren zu aktivieren, um ihre Gemeinden sicherer zu machen und an Projekten, die dazu beitragen Gewalt zu reduzieren, teilzunehmen, ihre Resilienz zu stärken und sie als Botschafter/innen für Gewaltprävention zu gewinnen. Viele Jugendliche haben großes Interesse daran, ihre Gemeinden mit viel Enthusiasmus und positiver Energie mitzugestalten und einen positiven Einfluss auszuüben. Natürlich sehen sie darin auch Chancen, einen Job zu bekommen, denn die Jugendarbeitslosigkeit liegt in vielen Teilen Südafrikas bei um die 70 bis 80 %. 

Einerseits sind die Umsetzung von sinnstiftenden Aktivitäten und der Zugang zu neuen Netzwerken häufig problematisch, für die Jugendlichen somit frustrierend und nicht zielführend; sie benötigen mehr Unterstützung und Anleitung. Andererseits lieben junge Menschen in Südafrika Technologie und sehen in der Digitalisierung enormes Potenzial. Damit die Youth Desks bzw. Methakas ihre Erfahrungen austauschen können, müssen sie ihre Aktivitäten aufzeichnen und teilen können, Anleitung erhalten sowie die Möglichkeit zur Netzwerkbildung untereinander haben. YouthActs macht all dies und darüber hinaus durch den Knowledge Hub und das Recording von Aktivitäten durch Fotos oder Videos, ergänzt mit kurzen Texten, möglich.

Wie sind Sie bei der Umsetzung vorgegangen?

Das InnoFund-Team hat uns dabei sehr gut unterstützt: durch eine tolle und strukturierte Anleitung, Coaching von erfahrenen Design-Thinking-Experten und diversen Workshops. Angefangen haben wir mit einem Bootcamp in Berlin und regelmäßigen Check-ins via Skype. IDA hat uns mit weiteren Informationen versorgt. Zudem bekamen wir einen Coach gestellt, durch den wir hands-on Unterstützung während des gesamten Prozesses erhielten. Unser Coach kam vom Institute of Design Thinking der UCT (University of Cape Town). 

Das erste Gebot war „Do one thing very well!“, anstatt sich auf viele verschiedene Problemlösungen zu stürzen. Das haben wir neben den Design-Thinking-Prinzipien im Bootcamp gelernt. Dazu mussten wir zunächst viel Nutzerforschung mit den Jugendlichen betreiben, um die größten Herausforderungen in ihren Gemeinden zu identifizieren, um herauszufinden, was ihnen am meisten helfen würde und inwieweit Technik in ihren Gemeinden genutzt wird. Von Vorteil war, dass wir durch unsere direkte Arbeit mit den Jugendlichen schon einiges Wissen mitbrachten. 

Nach den ersten Design-Thinking-Schritten, dem Discover und Define des Projektes in Form von verschiedenen Events, und einer Design-Thinking-Week in Cape Town haben wir unseren ersten Prototyp und erste Features der App entwickelt. Unsere ersten Prototypen waren noch keine digitalisierte App, sondern Zeichnungen, Rollenspiele usw. Wir haben versucht, uns in den Nutzer hineinzuversetzen und sog. Personas zu erstellen, sozusagen konkrete Beschreibungen eines typischen Nutzers, um am Ende unser MVP (Minimum Viable Product) entwickeln zu können.

Welche Herausforderungen gab es, und was ist besonders gut gelaufen?

Es gab im Grunde vier Arten von Herausforderungen: technische, finanzielle, geographische und zeitliche. In Südafrika arbeitet das Programm in zwei Regionen mit sehr unterschiedlichen technischen Möglichkeiten: im sehr ländlichen Eastern Cape und in der weiterentwickelten und geographisch viel kleineren Region Gauteng. Auch im eher ländlichen Lesotho gibt es weniger Zugang zu Smartphones, Tablets und Daten. Daten im südlichen Afrika sind zudem extrem teuer. Das mussten wir mitbedenken, denn für unsere App braucht man Daten. Viele Jugendliche haben auch Einsteiger-Smartphones mit zu geringen Kapazitäten für viele Apps. Das haben wir durch die Nutzerforschung gelernt. Wir mussten also eine App entwickeln, bei der man online seine Arbeit hochladen kann, die aber im Prinzip auch offline funktioniert und nicht so viele Daten und Speicher braucht. 

Die finanzielle Herausforderung bestand darin, dass wir 20.000 € sowie unseren Coach zur Verfügung hatten, um das MVP zu entwickeln. Für eine digitale Anwendung ist das natürlich nicht viel und braucht viel Kreativität. Die Herausforderungen bestanden auch darin, dass wir vier Kollegen an drei ganz verschiedenen Standorten waren und dass wir einerseits Treffen und Skype-Besprechungen mit dem Team und unserem Coach und andererseits Check-ins mit dem InnoFund koordinieren mussten. Check-ins waren am Anfang alle sechs Wochen und am Ende etwas flexibler. Aber sie waren sehr notwendig, denn ohne Druck hätten wir sicherlich weniger erreicht.

Den ganzen Prozess zu durchlaufen war extrem positiv, nicht nur durch den regelmäßigen Austausch unter den Teams, sondern auch durch den enormen Lerneffekt durch die ganze praktische Unterstützung von der Zentrale, dem InnoFund und unserem Coach. 

Nach unserem ersten Prototyp haben wir einen 36-stündigen Hackathon veranstaltet, bei dem verschiedene kreative Spezialistenteams an der Weiterentwicklung hin zu unserem MVP gearbeitet haben. All dies waren tolle Momente für alle. Vor allem die Begeisterung und der Enthusiasmus der Jugendlichen, den Prozess von Anfang an mitzugestalten, waren eine große Bereicherung.

Wie wurde YouthActs in Südafrika und in Lesotho aufgenommen?

Von den Jugendlichen kam viel positives Feedback. Durch das Human-Centred Design steht der Nutzer im Mittelpunkt und macht die Entwicklung extrem spannend für alle Beteiligten. Kritische Stimmen kamen nur von unseren Partnern, weil wir sie nicht in den Gesamtprozess involvieren konnten. Da es ein Trial-and-Error-Prozess der GIZ war, konnten wir ihnen nicht wie bei unseren Vorhaben versprechen, dass ein gutes Resultat dabei herauskommt. In Lesotho war das etwas einfacher als in Südafrika, da PISA ein EU-Projekt mit geringerer Bindung an politische Partner ist.

Wie hat sich YouthActs seit der Preisverleihung in Eschborn weiterentwickelt?

Innerhalb unseres Hackathons hatten wir verschiedene Expertenteams von 4 bis 5 Jugendlichen, die frisch aus dem Studium kamen und sich daran versucht haben, einen Prototypen weiterzuentwickeln. Am Ende hatten unsere beiden GIZ-Programme ein Gewinnerteam gekürt, von dem wir glaubten, dass es unsere Jugendlichen am meisten unterstützen würde. Dieses Team war im Prinzip ein Start-up. Aufgrund der geringen finanziellen Ressourcen haben wir die Weiterentwicklung des MVP an dieses Team abgegeben, was sich als kritisch herausstellte, da sie am Ende vor Problemen standen, die sie selbst nicht mehr lösen konnten. Daher haben wir unser eigens gesetztes Ziel, für den Final Pitch ein bereits nutzbares Produkt zu haben, zunächst nicht erreicht.

Durch den Gewinn der „Steilsten Lernkurve“ hatten wir Zugang zu weiteren 20.000 €. So konnten wir einen Experten-Dienstleister unter Vertrag nehmen, um die App weiterzuentwickeln und nutzbar zu machen. YouthActs ist mittlerweile im Google Store erhältlich und steht allen Mitgliedern der Youth Desks frei zur Verfügung. 

Im Februar hatten wir den nächsten Schritt vorgenommen, Youth Acts zwischen Lesotho und in Südafrika zu teilen, da die zwei verschiedenen Jugendgruppen in verschiedenen Bereichen und Ländern arbeiten. Es war jedoch gut, dass VCP und PISA das Projekt zusammen eingereicht haben und im InnoFund gemeinsam die Skalierbarkeit auch auf andere Programme innerhalb der GIZ bewiesen haben. 

Wir wollten von Anfang an ein Belohnungssystem als Anreiz entwickeln, eine Art Punktesystem z. B. für Zertifikate, Rabatte oder gewisse Gutscheine und die Privatwirtschaft mit involvieren. Das ist Zukunftsmusik und wir hoffen daran gemeinsam mit kleineren Updates der App weiterarbeiten zu können. Eine letzte Herausforderung besteht noch darin, zu entscheiden, welcher Partner das Projekt und dessen Wartungen, Updates etc. übernimmt, da unsere momentane Phase von VCP Mitte 2019 ausläuft.

Ihr Projekt hat den Preis für die „Steilste Lernkurve“ gewonnen. Was bedeutet das?

Ich glaube, das InnoFund-Team und die Jury haben gemerkt, mit welcher Begeisterung wir an dem Projekt gearbeitet haben. Wir wussten, dass es am Ende den Jugendlichen zugutekommt und wir auch zum Erfolg unseres Programms mit VCP und PISA beitragen. Sie haben erkannt, dass wir extrem viel Nutzerforschung und Workshops durchgeführt haben. Auch in einem unserer Videos konnten wir das tolle Feedback der Jugendlichen und das große Partnerinteresse dokumentieren.

Auch dieses Jahr findet der GIZ Innovation Fund erneut statt. Welchen Rat können Sie den Teilnehmer/innen mit auf den Weg geben?
Ich denke, es ist wichtig, dass das ausgewählte Projekt auch relevant für das Programm ist. Das erhöht die Entwicklung von Ideen und den Ansporn, am Projekt zu arbeiten, und dient am Ende auch der Rechtfertigung. Uns als VCP-PISA hat es extrem geholfen, dass unser Projekt in das Programm eingebettet war.

Welchen Beitrag zu digitalen Innovationsvorhaben können EH leisten? Wie wichtig ist Digitalisierung für ihre Arbeit? War Ihre Rolle als EH von Vorteil bei der Umsetzung?

Unser großer EH-Vorteil ist, dass wir sehr nah mit den Partnern zusammenarbeiten und direkten Zugang zu unseren Endnutzern haben, aber trotzdem unabhängig und flexibel bleiben. Wir können Brücken zwischen der Zivilgesellschaft und der Regierung bauen und im Prinzip als Vermittler zwischen den verschiedenen politischen Ebenen agieren, zwischen nationaler, provinzieller und lokaler Ebene. Digitalisierung ist das Umwandeln von analogen Werten in digitale Formate, was natürlich für uns als EH von großem Vorteil und Nutzen ist. So lernen wir schneller und können Gelerntes nutzbar machen. Da wir direkt mit dem Endnutzer zusammenarbeiten, haben wir Zugang zu lokalem Expertenwissen on the ground. 

Wir konnten das Wissen der jungen Menschen in die Entwicklung unserer Prototypen sehr gut miteinfließen lassen. Und wenn wir es schaffen, mehr Menschen auf lokaler Ebene mit einfachen Mitteln einen Zugang zu Digitalisierung zu ermöglichen, können wir sehr viel effektiver arbeiten und das, was wir auf lokaler Ebene generiert haben, auf nationaler Ebene in die Entwicklung von Policies und Strategien mit einfließen lassen. Digitalisierung ist daher natürlich auch für die Arbeit von EH von großer Bedeutung.

Das Interview wurde geführt von Annika Hornberger, Praktikantin in der Gruppe EH

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