„Was wir in Städten tun oder lassen, ist entscheidend für die Erderwärmung“
Wie hängt der weltweite Wohnungsmangel mit dem Klimawandel zusammen? Anacláudia Rossbach, Exekutivdirektorin des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-Habitat), erklärt diese Verbindung und zeigt, mit welchen Maßnahmen Städte widerstandsfähiger werden.
Frau Rossbach, in vielen Städten des Globalen Südens sehen wir Slums, während es im Globalen Norden an Wohnraum mangelt. Ist Wohnen weltweit eine Herausforderung?
Auf jeden Fall! Bis zu 3,4 Milliarden Menschen, also fast 40 Prozent der Weltbevölkerung, wohnen unter unzureichenden Bedingungen. Mehr als 1,1 Milliarden von ihnen leben in informellen Siedlungen und Slums, über 300 Millionen sind obdachlos und viele Millionen sind vertrieben. Zwar scheint es so, als läge das Hauptproblem im Globalen Süden, doch auch im Globalen Norden ist Wohnen ein bedeutsames Thema. In den meisten Großstädten der Industrieländer fehlt Wohnraum, wodurch er für viele Menschen zunehmend unbezahlbar wird. Also, wohin wir auch schauen, ist Wohnen eine Herausforderung.
Wie kann mehr und besserer Wohnraum entstehen, ohne den Klimawandel weiter anzuheizen?
Das ist eine sehr gute Frage, aber ich würde umgekehrt argumentieren: Besserer Wohnraum hilft uns, mit dem Klimawandel umzugehen, statt ihn anzuheizen. Die städtischen Armen sind sowohl vom Wohnraummangel als auch von den Folgen des Klimawandels besonders stark betroffen. Wenn wir angemessenen Wohnraum schaffen und dabei Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit berücksichtigen, können Menschen ein Zuhause finden und zugleich vor extremen Wetterereignissen geschützt werden.
Es braucht unterschiedliche Ansätze in den verschiedenen Weltregionen. Im Globalen Norden lässt sich viel erreichen, wenn man bestehende Gebäude aufwertet, saniert und umbaut, Leerstände nutzt und Städte insgesamt nachverdichtet. Im Globalen Süden sieht das anders aus: Dort wachsen und expandieren die Städte weiterhin in enormem Tempo. Schätzungen zufolge werden bis 2050 allein in Asien und Afrika rund zwei Milliarden Menschen in städtische Gebiete ziehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass mehr Wohnraum benötigt wird. Doch es reicht nicht, einfach mehr Häuser zu bauen. Wir brauchen grundlegende Veränderungen und eine solide Stadtplanung.
Anacláudia Rossbach ist seit 2024 Exekutivdirektorin von UN-Habitat. Die brasilianische Ökonomin verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Siedlungspolitik und Stadtentwicklung. Zuvor arbeitete sie für die Weltbank und die Cities Alliance. Zu Beginn ihrer Karriere war sie für die Stadtverwaltung von São Paulo tätig. Außerdem gründete sie dort die NGO Rede Interação, die sich mit informellen Gemeinschaften befasste.
Welche Aspekte sollte eine solche Planung umfassen?
Vor allem müssen Stadtplanerinnen und Stadtplaner dafür sorgen, dass die Flächennutzung nicht schneller wächst als die Bevölkerung – wie es derzeit der Fall ist. Die Zersiedelung nimmt zu und muss gesteuert werden. Wir müssen außerdem anerkennen, dass Flächen eine soziale und ökologische Funktion haben. Deshalb brauchen wir gut durchdachte und geplante Stadtviertel mit Grünflächen und „Schwamm“-Techniken. Bei Letzteren geht es darum, Regenwasser aufzunehmen, zu speichern und langsam wieder abzugeben, statt es sofort in die Kanalisation fließen zu lassen.
Warum ist das wichtig?
Solche Maßnahmen wirken kühlend und helfen dabei, Überschwemmungen in Städten zu reduzieren. Sie füllen das Grundwasser wieder auf und machen Städte insgesamt widerstandsfähiger gegen starke Regenfälle. Sie sind besonders wichtig für die ärmsten und verletzlichsten Einwohnerinnen und Einwohner, denn diese leiden am stärksten unter dem Klimawandel. Wir wissen zum Beispiel, dass es bei Hitze in informellen Siedlungen deutlich heißer werden kann als in anderen Stadtteilen. In Rio de Janeiro kann der Unterschied bis zu acht Grad Celsius ausmachen, wie eine lokale Studie belegt.
Zusammengefasst: Was sind Ihrer Ansicht nach die drei wichtigsten Maßnahmen, um Städte widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen?
An erster Stelle steht die Umwandlung informeller Siedlungen; das ist eine Frage der Menschlichkeit. Es hilft den Städten zudem, sich an den Klimawandel anzupassen und eine unkontrollierte Ausdehnung in die Natur zu verhindern. Zweitens ist eine gute Planung erforderlich, um der steigenden Nachfrage nach Wohnraum gerecht zu werden. Drittens benötigen Städte deutlich mehr Grünflächen und städtische Gewässer. Diese drei Maßnahmen hängen miteinander zusammen.
„Städte müssen in die Lage versetzt werden, Klimaschutzmaßnahmen zu verwirklichen. Sie benötigen Zugang zu den erforderlichen Ressourcen, um den Klimawandel zu bekämpfen und die Lebensqualität ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu verbessern.“
Bei nachhaltigen Städten denken viele sofort an Kopenhagen oder Amsterdam. Welche Städte im Globalen Süden würden Sie als gute Beispiele nennen?
Medellín in Kolumbien zeigt, wie sich informelle Siedlungen weiterentwickeln lassen: Bessere Verkehrsverbindungen schaffen Zugang zur Stadt und mehr Teilhabe, während grüne Korridore die Hitze reduzieren. Auch Rio de Janeiro setzt verstärkt auf Grün in seinen informellen Siedlungen. Dabei kommen mehrstufige Ansätze zum Einsatz, welche die Bevölkerung sowie die Stadt-, Landes- und nationale Ebene einbeziehen. UN-Habitat arbeitet mit der Regierung des Bundesstaats Rio de Janeiro zusammen, um gemeinsam mit den Städten des Bundesstaates lokale Klimaschutzpläne zu entwickeln und dabei gleichzeitig entsprechende Kapazitäten aufzubauen. Gute Beispiele finden sich auch in kleinen und mittelgroßen Kommunen. So stellt beispielsweise die Stadt Morondava auf Madagaskar ihr Mangrovenökosystem wieder her, indem sie lokale Jugendgemeinschaften dafür schult. Dadurch sinkt das Risiko von Überschwemmungen und Sturmfluten, Wasser fließt besser ab.
Es gibt noch viele weitere Beispiele. Nairobi macht Fortschritte bei der Renaturierung von Flüssen. Quezon City auf den Philippinen stellt die Katastrophenvorsorge in den Mittelpunkt seiner Flächennutzungsplanung und verdichtet zugleich die Stadt nach. Dadurch hat die Bevölkerung Zugang zu städtischen Dienstleistungen, ohne weite Wege abseits der Hauptverkehrsachsen in Kauf nehmen zu müssen. In Curitiba und São Paulo in Brasilien wird der öffentliche Nahverkehr zunehmend mit Elektrofahrzeugen betrieben. Viele Städte unternehmen große Anstrengungen.
Stimmt es, dass der Kampf gegen den Klimawandel in den Städten gewonnen oder verloren wird?
Definitiv. Schließlich sind Städte bereits jetzt für bis zu 70 Prozent der Emissionen verantwortlich. Heute leben rund 58 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten. Bis zur Mitte des Jahrhunderts dürfte dieser Anteil auf etwa zwei Drittel steigen. Was wir in Städten tun oder nicht tun, wird deshalb entscheidend für die künftige Erdtemperatur sein.
Städte sind zudem die Verwaltungsebene, die näher an den Menschen und ihrem Leben dran ist. Globale Verpflichtungen wie das Pariser Abkommen werden in den Rathäusern und Stadtverwaltungen für die Menschen umgesetzt. Deshalb müssen Städte in die Lage versetzt werden, Klimaschutzmaßnahmen zu verwirklichen. Sie benötigen Zugang zu den erforderlichen Ressourcen, um den Klimawandel zu bekämpfen und die Lebensqualität ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu verbessern.
Das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-Habitat) wurde 1978 gegründet, um eine nachhaltige Stadtentwicklung und angemessenen Wohnraum für alle zu fördern. Es ist in der ganzen Welt aktiv und befasst sich unter anderem mit informellen Siedlungen, städtischer Armut, den Folgen des Klimawandels und inklusiver Stadtplanung. Der Hauptsitz von UN-Habitat befindet sich in Nairobi, Kenia.
Ist die Rolle der Städte beim Klimaschutz weithin anerkannt?
Ja, die Wertschätzung dafür hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Eine aktuelle Studie von UN-Habitat zeigt, dass 80 Prozent der nationalen Klimaschutzbeiträge, der sogenannten Nationally Determined Contributions (NDCs), klare Verpflichtungen zum Klimaschutz in Städten enthalten.
Die Herausforderung liegt nun in der Umsetzung. Bislang haben sich nur 19 Prozent dieser Länder dazu verpflichtet, mehr Mittel für die Klimafinanzierung auf der kommunalen Ebene zu Verfügung zu stellen. Das zeigt, dass die Rolle von Städten zwar gewürdigt, aber noch nicht mit den entsprechenden Investitionen verbunden wird. Diese Lücke zu schließen, wird eine der entscheidenden Aufgaben der kommenden Jahre sein.
Wie lässt sich mehr Geld in die Städte lenken?
Dafür braucht es Partnerschaften zwischen den Stadtverwaltungen und den nationalen Regierungen. Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister können das Problem nicht allein lösen. Sie müssen Mittel aus weiteren Quellen erhalten. Finanzierungsmechanismen für den Wohnungsbau aufzusetzen, obliegt zum Beispiel den nationalen Regierungen. Die lokalen Behörden wiederum müssen sicherstellen, dass neuer Wohnraum nachhaltig gebaut wird und auch bedürftigen Menschen zugutekommt. Das schließt den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und ausreichend Grünflächen mit ein.
Wie viel Geld wird benötigt, um Städte widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen?
Dafür benötigen die Städte bis 2030 jährliche Investitionen in Höhe von rund 4,5 Billionen US-Dollar. Dazu gehören Maßnahmen in den Bereichen Verkehr, Energie, Wasser, Abfall und Kommunikation ebenso wie Anpassungsmaßnahmen. Derzeit belaufen sich die Investitionen jedoch lediglich auf rund 831 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das reicht bei Weitem nicht aus. Um das Investitionsniveau zu erreichen, das für die Umsetzung des Pariser Abkommens erforderlich ist, müsste sich die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen in Städten mehr als verfünffachen.
„Die strategische Partnerschaft zwischen UN-Habitat und der GIZ ist sehr wichtig. Gemeinsam können wir auf Stadt- und Landesebene sowie bei der politischen Mitgestaltung mehr erreichen.“
UN-Habitat arbeitet mit der GIZ zusammen. Wie wichtig ist diese strategische Partnerschaft für Sie?
Sehr wichtig. Wir können unsere Erfahrungen und unser Wissen aus Projekten auf der ganzen Welt bündeln. Wir haben ein bisschen mehr Expertise bei urbanen Themen, während die GIZ auf eine etwas längere Erfahrung im Klimabereich zurückblickt. Gemeinsam können wir auf Stadt- und Landesebene mehr erreichen, zugleich mehr politisch mitgestalten und den systemischen Wandel vorantreiben. Die bereits erwähnte Studie ist ein Beispiel für diese strategische Partnerschaft. GIZ, UN-Habitat und der Globale Konvent der Bürgermeister (GCoM) haben zusammen ein Strategiepapier dazu veröffentlicht, wie wichtig es ist, klimatische und urbane Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Es ist ein Beitrag zum Sonderbericht des Weltklimarats über Klimawandel und Städte, der 2027 erscheinen wird – als erster seiner Art.
Die strategische Partnerschaft zwischen UN-Habitat und GIZ bündelt globale Expertise in der Stadtpolitik sowie praktische Erfahrungen vor Ort. Gemeinsam decken die Organisationen Themen wie inklusives Wohnen, klimaresiliente Städte und Stadtplanung ab. Im Frühjahr 2026 veröffentlichten sie ein Strategiepapier zum Thema Klimawandel und Städte. In dem Papier betonen sie, dass beide Themen zusammen angegangen werden müssen und Städte dringend besseren Zugang zu Klimafinanzierung benötigen. Zusammen mit dem Global Covenant of Mayors for Climate & Energy, einem Zusammenschluss von Städten zur Bekämpfung des Klimawandels, wirken UN-Habitat und GIZ außerdem am nächsten Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) mit. Zu diesem Zweck organisieren sie die bislang größte Vor-Ort-Prüfung des Berichts, der sich ausschließlich mit Urbanisierung in Zeiten des Klimawandels befassen wird.
Welches Ergebnis wünschen Sie sich von der bevorstehenden Weltklimakonferenz in der Türkei?
Die Mitgliedstaaten sollten klar anerkennen, dass Klimawandel und Stadtentwicklung eng miteinander verbunden sind. Klimagerechtigkeit bedeutet letztlich auch Gerechtigkeit beim Wohnen. Klimaschutz wird in und gemeinsam mit Städten verwirklicht. Daher ist es entscheidend, lokale Regierungen durch Klimafinanzierung und die nötige Umsetzungsfähigkeit zu stärken. Während die Mitgliedstaaten die dringend erforderlichen Verhandlungen zum Pariser Abkommen vorantreiben, können sich Lokalverwaltungen den Luxus nicht leisten, beim Kampf gegen den Klimawandel innezuhalten.