Drei Fragen an Olav Kjørven, UNICEF

„Wir können Syriens Kinder nicht allein retten“

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Fast 50 Millionen Kinder weltweit sind entwurzelt, so das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF in einem Anfang September 2016 veröffentlichten Bericht. Sie haben ihre Heimat verlassen, weil Gewalt oder Hunger drohen und weil Perspektiven fehlen.

Herr Kjørven, ein großer Teil der Flüchtlinge stammt zurzeit aus Syrien. Die Nachbarstaaten Syriens stehen unter enormem Druck, weil so viele Menschen dort Zuflucht gesucht haben. Was unternimmt UNICEF, um diese Länder und die dort lebenden geflüchteten Kinder zu unterstützen?

Olav Kjørven: Wir engagieren uns stark, um den am stärksten betroffenen Nachbarländern Syriens zu helfen, nämlich Jordanien, dem Libanon, der Türkei und dem Irak. In Zusammenarbeit mit lokalen und nationalen Behörden tun wir alles, was wir können, um den syrischen Kindern auf breiter Basis den Zugang zu Schulbildung zu ermöglichen. Außerdem fehlt es an einer angemessenen Sanitär- und Wasserversorgung, und auch hier leisten wir Unterstützung. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Gewährleistung eines ausreichenden Impfschutzes. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder angemessen medizinisch versorgt werden.

Dabei arbeiten Sie mit staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen wie der GIZ zusammen. Welchen Nutzen bieten diese Partnerschaften im Allgemeinen und mit der GIZ im Besonderen?

Wir können Syriens Kinder nicht allein retten. Deshalb müssen wir Partnerschaften schließen, mit örtlichen Behörden und NROs, internationalen NROs und unseren bilateralen Partnern. Deutschland hat seine Unterstützung für die Flüchtlinge aus Syrien erheblich gesteigert, auch über UNICEF. Dieses Engagement ist beeindruckend und macht für das Leben vieler Kinder einen enormen Unterschied. Natürlich spielt die GIZ eine entscheidende Rolle bei den Maßnahmen Deutschlands in Bezug auf den Syrienkonflikt. Wir arbeiten auf vielen verschiedenen Gebieten mit der GIZ zusammen, beispielsweise in den Flüchtlingslagern im Nordirak.

Die UNICEF profitiert von der Fachkompetenz und der Erfahrung der GIZ, und ich glaube auch, dass unser Wissen die GIZ weiterbringt. Außerdem gibt es noch die finanzielle Unterstützung für spezielle Interventionen vor Ort. Ich habe den Eindruck, dass wir sehr gut zusammenarbeiten. Ich glaube aber, dass wir sogar noch besser werden können, wenn es uns gelingt, die Wirksamkeit der Kooperation zu steigern. Ich freue mich sehr auf das nächste Kapitel der Zusammenarbeit mit der GIZ.

Syrien wird eine Herausforderung bleiben. Welche anderen Herausforderungen sehen Sie künftig für UNICEF?

Manchmal erscheinen uns die noch vor uns liegenden Probleme riesig. Wir sehen großes Leid, den Klimawandel, Drogenhandel, Konflikte, die durch den Waffenhandel angeheizt werden, oder die Folgen der Urbanisierung. Doch diesen negativen Entwicklungen stehen positive Trends gegenüber: Noch nie hatten die Menschen eine so lange Lebenserwartung, noch nie war ihr Gesundheitszustand besser, und noch nie war ein so kleiner Teil der Weltbevölkerung von extremer Armut betroffen. Außerdem bietet die Technik Chancen für den Fortschritt, von denen wir vor zehn Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Und aus der neuen Entwicklungsagenda werden sich weitere Chancen ergeben. Wenn wir diese Chancen nutzen und unsere Arbeit so gut wie möglich erledigen, können wir in den nächsten 15 Jahren viel für die Kinder erreichen.