Aufnahmeregionen stärken

Ost-Ukraine: Unterstützung für aufnehmende Kommunen

 

Interview mit Sabine Müller, Landesdirektorin der GIZ in der Ukraine

Frau Müller, vom Konflikt im Osten der Ukraine sind mehr als vier Millionen Menschen betroffen. 1,5 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen und sind als so genannte Binnenvertriebene – also Vertriebene im eigenen Land – registriert. Wie stellt sich die Situation in der Ukraine heute dar?

Anders als zum Beispiel in anderen Ländern haben sich die Binnenvertriebenen in der Ukraine nicht zentral in großen Lagern gesammelt, sondern verteilen sich in jeweils eher kleinen Gruppen auf eine große Anzahl an Städten und Gemeinden. Diese hat das vor große Herausforderungen gestellt. Sie müssen die Neuankömmlinge registrieren, mit Wohnungen versorgen, mit Plätzen in Kindergärten, Schulen und Altenheimen und ihre Gesundheitsversorgung sicherstellen. Auch für die ansässige Bevölkerung der Städte und Gemeinden war es nicht leicht, plötzlich so viele neue Menschen in ihr vertrautes Umfeld zu integrieren. Zwar herrscht allgemein große Solidarität, es kommt aber auch zu Konflikten, wenn es beispielsweise um knappen Wohnraum geht oder um Renovierungskosten an einer Schule, sofern ortsansässige Eltern auch den Anteil für binnenvertriebene Schüler übernehmen müssen. Die Städte und Gemeinden verfügen ohnehin über knappe Kapazitäten. Der Konflikt in der Ost-Ukraine verstärkt bestehende Probleme und sorgt dafür, dass sie stärker in den Vordergrund treten.

Die Gemeinden werden also an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht. Wo setzt die Arbeit der GIZ an – wie kann man die Gemeinden unterstützen?

Die GIZ arbeitet im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums mit mehr als 100 Gemeinden in den Regionen Charkiw, Dnipropetrowsk und Saporischschja sowie in den von der Regierung kontrollierten Teilen der Regionen Donetsk und Lugansk zusammen. In diesen Gebieten haben sich rund 300.000 Binnenvertriebene niedergelassen. Unsere Aktivitäten helfen den Gemeinden, ihre Einwohner und die Binnenvertriebenen besser zu versorgen: Zum Beispiel, weil wir IT-Ausrüstung für Bürgerbüros und Möbel für Wohnheime zur Verfügung stellen oder medizinisches Personal schulen. Weil wir Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser renovieren und modernisieren, haben Schüler bessere Lernbedingungen und Patienten erhalten bessere medizinische Versorgung. In Notfällen wie zum Beispiel bei Bränden oder Unfällen kann der ukrainische Katastrophenschutz die Bevölkerung besser schützen, weil die GIZ Schutzkleidung, technische Ausrüstung und Fahrzeuge zur Verfügung gestellt und die Einsatzkräfte in deren Nutzung geschult hat. Neben Gemeinden und Institutionen unterstützt die GIZ aber auch die Menschen selbst. Wir fördern zum Beispiel Fußballschulen sowie Theater- und Videoprojekte, wo sich Menschen aus der lokalen Bevölkerung und Binnenvertriebene begegnen und kennenlernen. Nur so wird Integration überhaupt möglich – und damit eine gemeinsame Zukunft.
 
Die derzeitige Arbeit der GIZ zielt darauf ab, eine Notsituation zu überwinden. Was braucht es mittel- und langfristig, damit sich nachhaltige Wirkungen entfalten und Integration gelingen kann?

Es ist richtig, dass wir den Großteil unserer derzeitigen Aktivitäten als Übergangshilfe leisten. Das heißt aber nicht, dass sie nicht trotzdem langfristig Wirkung entfalten. Wenn wir heute Psychologen ausbilden, um das Angebot an Therapien für traumatisierte Menschen zu erweitern, wird das die Ausbildung auch für weitere Psychologiestudenten verändern. Wenn wir ehrenamtlich engagierten Menschen das Wissen vermitteln, wie sie ihre sozialen Projekte planen und umsetzen, wird das mittel- und langfristig die Zivilgesellschaft stärken. In den Fokus rücken muss nun jedoch stärker das Thema Beschäftigung. Die Integration der Binnenvertriebenen kann nur gelingen, wenn sie die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Um sie dabei zu unterstützen, setzt die GIZ seit Herbst 2017 im Auftrag der Bundesregierung ein neues Projekt um. Das hat zum Ziel, Binnenvertriebene in praxisorientierten Maßnahmen beispielsweise in Projektmanagement oder IT-Nutzung zu qualifizieren und sie so beim Wiedereinstieg in das Berufsleben zu unterstützen.