17.02.2021

Die Pandemie hat den SDG-Kompass nachkalibriert

Jetzt ist die Zeit, überall die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit zu stellen – mit den globalen Zielvorgaben als Richtschnur. Ein Beitrag von GIZ-Vorstandssprecherin Tanja Gönner.

Waren die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) bereits vor Ausbruch des Coronavirus das Paradigma für all unsere Anstrengungen, hat die Pandemie den SDG-Kompass nachkalibriert: Die Wucht der Pandemie hat die Schwachstellen und Stärken in unseren Gesellschaften offengelegt; das gilt für Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen. Die Folgen werden uns noch lange fordern, doch ich werte dies auch als Chance: Die Pandemie hat die SDGs als weltgemeinschaftliches politisches Ziel gestärkt.

Die Agenda 2030, die im Jahr 2015 von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen beschlossen wurde, ist mit ihren 17 Zielen für eine soziale, wirtschaftliche und ökologische nachhaltige Entwicklung heute wichtiger denn je. Wir erleben durch die Pandemie, wie stark diese verschiedenen Ebenen miteinander verwoben sind: Nur wenn alle fünf Säulen – Planet, People, Peace, Prosperity und Partnership – stabil sind, entsteht ein tragfähiges Konstrukt der nachhaltigen Entwicklung. Es gilt das Grundverständnis Alexander von Humboldts, dass alles mit allem zusammenhängt.

Die Vereinten Nationen warnen vor einem drastischen Anstieg der Armut infolge der Pandemie. Menschen haben nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern es fehlt ihnen an Grundlegendem: 2021 benötigen rund 235 Millionen Menschen Hilfe, um Zugang zu Wasser, Lebensmitteln und Sanitäreinrichtungen zu bekommen. Die Erholung muss nachhaltig geschehen: Es geht nicht darum, den Status quo vor der Krise herbeizuführen.

Sondern jetzt ist die Zeit, die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit zu stellen, um einen verbesserten Wiederaufschwung zu erreichen. „Green Recovery“, auch von unseren Hauptauftraggebern – der Bunderegierung mit dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ) und der Europäischen Union (EU) – in den Fokus gerückt, bedeutet, eine sozial gerechte, umwelt- und klimafreundliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu schaffen – mit den SDGs als Richtschnur. 

Zum Beispiel helfen wir in Bosnien-Herzegowina im Sinne des grünen Wiederaufschwungs kurzfristig 80 kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Holz- und Metallindustrie dabei, ihre Lieferketten auf nationale und regionale Zulieferer auszurichten und die Produktion umweltfreundlicher zu gestalten. So überstehen sie die Pandemie und bauen langfristig ressourcenschonende Produktionsabläufe und Recycling-Strukturen auf. Das wirkt sich positiv auf Umwelt und Klima aus und sichert den Unternehmen wirtschaftliche Stabilität.

Green Recovery erweitert auch bestehende Programme wie jenes in Indonesien, wo wir Produktion und Vertrieb solarbetriebener Eismaschinen fördern werden. Gemeinsam mit lokalen Herstellenden entwickelt, stellen sie die regionale Vermarktung von Lebensmitteln sicher. Vor allem in abgelegenen Regionen tropischer Länder ist es eine Herausforderung, sichere Kühlketten zu etablieren. Auch hier wirkt die Hilfe auf verschiedenen Ebenen: Die Zusammenarbeit mit der Regierung, dem nationalen Covid-19-Recovery-Programm und der Privatwirtschaft fördert grüne Investments und dadurch nicht nur den Klimaschutz durch Solarenergie, sondern schafft auch neue Arbeitsplätze.

Räder müssen ineinandergreifen

Solche Beispiele machen deutlich, wie sehr die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung voneinander abhängen. Nur wenn alle Räder ineinandergreifen, gelingt grüne Modernisierung. Es ist schwer vorstellbar: Im Jahr 2020 haben noch immer circa 840 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu Strom; 2,7 Milliarden kochen mit Holz oder Holzkohle. Das ist gesundheitsschädlich und schlecht für Biodiversität und Klima. Wir haben das Programm „Energising Development“ auf den Weg gebracht. Auftraggeber sind BMZ, weitere europäische Ministerien und unter anderem die EU. Es fördert in 21 Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens den Zugang zu erneuerbarer Energie. So erhielten 22,9 Millionen Menschen auf drei Kontinenten Strom und moderne Kochherde. 

Im Energiebereich arbeiten wir im Auftrag verschiedener deutscher Bundesministerien und begleiten Länder bei der Entwicklung von Energieszenarien und -strategien. Aktuell liegt ein Fokus auf der Produktion von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Das ist für Länder mit viel Sonnen- und Windenergie wirtschaftlich interessant. In Chile sind wir beispielsweise bereits seit 2014 zu grünem Wasserstoff aktiv. Hier könnten bis 2050 rund 94.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Ein Drittel der Finanzkraft unserer Arbeit im gemeinnützigen Bereich ist schon heute dem Themenfeld Klima und erneuerbare Energien gewidmet – rund 883,6 Millionen Euro. 

Denn der Kampf gegen den Klimawandel ist auch, das wird oft übersehen, ein Friedensprojekt. Nicht nur, aber besonders in fragilen Staaten: Dürren, Überschwemmungen, unbewohnbare Regionen und Perspektivlosigkeit treiben Menschen in die Flucht, destabilisieren Nachbarstaaten, verstärken soziale Spannungen und gesellschaftliche Unzufriedenheit, lösen Konflikte aus. Der Klimawandel hat bereits 24 Millionen Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Migration wird zunehmen: Die Weltbank prognostiziert, dass bis 2050 bis zu 143 Millionen Menschen von Binnenmigration aufgrund des Klimawandels betroffen sein könnten. Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel stärken die Resilienz und wirken stabilisierend. Sie sichern die Erfolge der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Denn Entwicklung gibt es nur mit Sicherheit. 
 

Integriertes Denken

Allein in Subsahara-Afrika könnten in den kommenden Jahren 100 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren. Daher unterstützen wir das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR, den Globalen Flüchtlingspakt umzusetzen. In Ostafrika stärken wir entlang von Flüchtlingsrouten die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur, um sowohl den Geflüchteten zu helfen als auch die Aufnahmeregionen zu entlasten. In Äthiopien, Kenia und Uganda helfen wir beim Aufbau von „Energie-Kiosken“, die Flüchtlinge mit Solarlampen und Solarkochern versorgen. In Kenia werden drei Gesundheits- und vier Bildungszentren sowie zwei Flüchtlingsunterkünfte errichtet, die in Pandemie-Zeiten auch zur Isolation Kranker genutzt werden können. Und in Uganda werden wir drei Gesundheitszentren mit erneuerbarem Strom versorgen. Gleichzeitig aber – und das ist im Sinne der nachhaltigen Sicherheit bedeutend – unterstützen wir, Fluchtursachen zu bekämpfen: Menschen müssen in ihren Herkunftsländern Perspektiven sehen. Kurz- und mittelfristig müssen Lebensgrundlagen gesichert werden; langfristig ist es notwendig, Governance-Strukturen zu stärken. 

Wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte greifen bei nachhaltiger Entwicklung ineinander. Beispiel Mexiko: 43 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, 60 Prozent aller Beschäftigten sind nicht sozialversichert. Die GIZ unterstützt Mexiko dabei, seine 2019 entwickelte Strategie zur Umsetzung der SDGs zu verfolgen. Mitgearbeitet haben daran rund 1.300 Akteure, und erste Kommunen richten ihre Entwicklungspläne bereits danach aus. Als eines der Länder mit der größten Artenvielfalt birgt Mexiko enormes Potenzial für nachhaltigen Tourismus. Natur- und Umweltschutz muss derart gelingen, dass Menschen zugleich sozial und wirtschaftlich profitieren. Auch dabei werden Betroffene eingebunden, etwa, um ein Konzept für Schutz und Nutzung von Küstenregionen zu entwickeln. Ein Vorgehen, das die Struktur unserer Arbeit deutlich macht: Wir denken integriert und schließen alle Beteiligten ein. Nachhaltigkeit ist dabei die Klammer, die alle Themen zusammenhält – und zugleich die Maxime, die jeden Bereich durchdringt. 

Tanja Gönner ist Vorstandssprecherin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH.

Zuerst erschienen in:
F.A.Z.-Magazin Verantwortung 1-2021, S. 8-11