„Aus Klimazusagen müssen jetzt Taten werden“
Ingrid-Gabriela Hoven erklärt im Interview, was sie von der Weltklimakonferenz COP31 in Antalya erwartet. Die stellvertretende GIZ-Vorstandssprecherin macht deutlich, warum die Arbeit der GIZ hierbei auch deutschen Interessen dient.
Frau Hoven, Sie waren 1999 als deutsches Delegationsmitglied zum ersten Mal bei einer Klimakonferenz dabei. Ist die Klimapolitik seitdem gescheitert oder nur zu langsam erfolgreich?
Misst man am Ziel, ist sie zu langsam. Misst man am Anfangspunkt, ist viel passiert. Als absolutes Highlight erachte ich das Pariser Klimaabkommen von 2015. Seitdem gilt das Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung: Alle Länder handeln gemeinsam, doch Industriestaaten, die am meisten zur Erderwärmung beigetragen haben, tragen eine größere Verantwortung als Länder des Globalen Südens.
Außerdem haben die Staaten in Paris beschlossen, ihre Volkswirtschaften zu dekarbonisieren, und das 1,5-Grad-Ziel festgeschrieben. Die Glaubwürdigkeit des Pariser Abkommens hängt jetzt wesentlich davon ab, ob aus den Zusagen tatsächlich Taten werden.
2015 wurden auch die nachhaltigen Entwicklungsziele, die SDGs, verabschiedet …
Ja, das war ein ganz besonderes Jahr für den Multilateralismus, also für die Idee, dass Staaten Probleme nur gemeinsam lösen können. Die Agenda 2030 besagt im Kern, dass globale Sicherheit und Wohlstand für alle nur durch Kooperation, Solidarität mit den Bedürftigsten und gemeinsame Verantwortung für das Weltklima bewahrt werden können.
Die Rahmenbedingungen von heute sind völlig andere. Die geopolitische Lage ist sehr angespannt, die USA stehen dem multilateralen System alles andere als freundlich gegenüber.
Dazu kommen enge nationale Budgets und hohe Staatsschulden in vielen Ländern. Gleichzeitig nimmt der Handlungsdruck zu. Wir spüren zugleich die Auswirkungen der höheren Temperaturen überall auf der Welt. In Deutschland haben Hitze und Dürre im Sommer 2026 massive wirtschaftliche Folgen nach sich gezogen. In Spanien gab es erst Waldbrände, jetzt Überschwemmungen. Auch in Thailand, Nepal und Ostafrika haben Überflutungen, Erdrutsche sowie Dürren und Ernteausfälle Menschen existenziell getroffen. Die Liste an Beispielen ist lang.
Was bedeutet das für die bevorstehende COP31 in der Türkei?
Die Entwicklungsbudgets werden kleiner, gleichzeitig haben vor allem die Least Developed Countries, also die ärmsten Länder, große Erwartungen. Sie leiden am meisten unter der Klimakrise.
Nehmen wir Nepal als Beispiel. Es trägt nur 0,1 Prozent zum weltweiten Ausstoß an Treibhausgasen bei, hat aber durch die jüngsten Erdrutsche geschätzte Schäden von 2,6 Milliarden Dollar erlitten. Dazu muss man wissen, dass Nepals Staatshaushalt bei rund 14 Milliarden Dollar pro Jahr liegt. Deshalb ist nachvollziehbar, dass Länder wie Nepal mehr Geld von den reicheren Staaten erwarten, die für ein Vielfaches an Emissionen verantwortlich sind.
„Die internationale Gemeinschaft hinter dem Elektrifizierungsziel ,35 by 35‘ zu versammeln, wäre wegweisend.“
Die Finanzen werden also auch in Antalya wieder eine große Rolle spielen?
Mit Sicherheit. Wir sind nicht annähernd dort, wo wir bei der Klimafinanzierung sein müssten. Vor zwei Jahren bei der COP29 in Baku wurde beschlossen, dass die Industrieländer in besonderem Maße bis 2035 pro Jahr 300 Milliarden Dollar aufbringen sollen. Zwar wachsen die Summen, aber sie liegen nach jüngsten Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit knapp 140 Milliarden noch nicht einmal bei der Hälfte.
Ein Jahr später im brasilianischen Belém haben die Vertragsstaaten zusätzlich beschlossen, bis 2035 dreimal so viel Geld für den Schutz von Menschen vor den Folgen der Klimakrise bereitzustellen. Entscheidend ist jetzt, dass aus politischen Zusagen verlässlich Mittel für die besonders gefährdeten Länder wie Nepal werden.
In Zukunft müssen wir sehr viel mehr dafür tun, private Investitionen zu mobilisieren und nationale Förderbanken stärker einzubinden. Nur so können wir die notwendige Transformation beschleunigen. Die technische Zusammenarbeit spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle.
Die GIZ unterstützt Deutschlands Partnerländer dabei, ihre Finanzen für mehr Klimaschutz nachhaltig zu gestalten und den Zugang zu Finanzierungsquellen zu erleichtern. Dazu gehören beispielsweise:
- die Weiterentwicklung nationaler Klimafinanzstrategien,
- die Einbindung des privaten Sektors,
- die Beratung zu politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen,
- die Zusammenarbeit mit internationalen Klimafonds.
Mehr zur Expertise der GIZ: Klimawandel | GIZ
Was sind Ihre konkreten Erwartungen an die COP in Antalya?
Die Türkei ist ein sehr engagierter Gastgeber; ich habe das in verschiedenen Gesprächen mit Entscheidungsträgern selbst erlebt. Sie verfolgt trotz der schwierigen Weltlage eine ehrgeizige Agenda. Dazu zählt neben Fortschritten bei der grünen Industrialisierung auch das Ziel „35 by 35“. Demnach sollen bis 2035 35 Prozent des globalen Energieverbrauchs elektrisch sein.
Derzeit liegen wir weltweit bei etwa 23 Prozent. Die internationale Gemeinschaft hinter so einem Elektrifizierungsziel zu versammeln, wäre wegweisend. Es ließe sich auch sehr gut umsetzen, auf jedes Land herunterbrechen und mit erfahrenen Partnern wie der GIZ in konkrete Maßnahmen übersetzen.
Generell hat die Türkei das Treffen zur „Umsetzungs-COP“ erklärt. Das halte ich für richtig. Die meisten Themen sind mittlerweile durchverhandelt, die Regelwerke stehen. Jetzt geht es darum, die Beschlüsse tatkräftig zu realisieren. Das ist eine entscheidende Wende im internationalen Klimaprozess.
Ingrid-Gabriela Hoven ist seit 2020 Vorstandsmitglied der GIZ. Zuvor war sie in leitenden Positionen im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und bei der Weltbank tätig. Einer ihrer fachlichen Schwerpunkte liegt auf den Themen Klima, Wasser und Biodiversität. Sie ist seit fast dreißig Jahren direkt oder indirekt an den internationalen Klimaverhandlungen beteiligt und kennt die Materie wie wenige andere in Deutschland.
Ein konkretes Ausstiegsdatum aus den fossilen Energien gibt es noch nicht. Wie steht es damit?
Hier ist noch kein Durchbruch erzielt, richtig. Aber es gibt eine TAFF-Roadmap. TAFF steht für „Transitioning Away from Fossil Fuels“ – das ist eine „Koalition der Willigen“ außerhalb der offiziellen Verhandlungen. Sie bespricht konkrete Schritte für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. An der ersten TAFF-Konferenz im vergangenen Frühjahr nahmen bereits 57 Staaten teil, darunter auch Länder wie Frankreich, Dänemark, Deutschland und die Türkei. Das ist beachtlich. Ich hoffe, dass diese Staaten als Pioniere auftreten und den Wandel vorantreiben.
Denn die wirtschaftlichen Argumente für erneuerbare Energien wiegen einfach zu schwer. Aus vielen der GIZ-Partnerländer höre ich, dass sie die regenerativen Energien gerne noch viel schneller ausbauen würden, um ihre Abhängigkeit von teuren Importen zu drosseln; sie wollen nicht in der fossilen Kostenfalle gefangen sein. Erneuerbare Energien sind sicherer und billiger und eröffnen manchen Ländern sogar neue Exportchancen.
Welchen Beitrag leistet die GIZ zum internationalen Klimaschutz?
Unsere Auftraggeber – von der Bundesregierung über die Europäische Union bis hin zum Privatsektor – wissen: Ohne Klimaschutz und eine stärkere Resilienz gegenüber den Folgen der Erderwärmung gibt es keine nachhaltige Entwicklung. Klimaschutz ist heute ganz eng mit Sicherheits- und Wirtschaftsfragen verknüpft.
Unsere deutschen und auch europäischen Auftraggeber haben dies ebenfalls erkannt: 40 Prozent unseres Portfolios in über 100 Ländern bearbeiten die drängendsten Klima-Herausforderungen, den Schutz globaler Lieferketten und Fragen der Energiesicherheit. Dabei verbindet die GIZ die Klimaagenda immer mit wirtschaftlicher Entwicklung, Beschäftigung und menschlicher Sicherheit.
Was sind besonders zielführende Lösungen der GIZ?
Unsere Arbeit wirkt vielfältig und bleibt nicht bei einzelnen Maßnahmen stehen. Wir begleiten mehr als 50 Länder beim Umstieg auf ein nachhaltiges Energiesystem. Wir unterstützen sie, unabhängiger von fossilen Importen zu werden, den Übergang gerecht zu gestalten und wirtschaftliche Chancen in Zukunftsbranchen zu nutzen.
Mit der brasilianischen Regierung etwa haben die gesetzlichen Grundlagen für das Einspeisen von Solarstrom in die dortigen Netze erarbeitet. Das regulierte den Markt neu und öffnete ihn für Millionen Haushalte. Heute stammen fast 20 Prozent des brasilianischen Stroms aus Solarenergie.
Allein zwischen Anfang 2023 und Ende 2025 sparte das Land dadurch fast 55 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ein. Das entspricht den Emissionen von etwa 20 Kohlekraftwerken. Aus einem Nischenthema ist ein Pfeiler der Energieversorgung geworden. Diesen Wandel haben Brasilien und Deutschland gemeinsam angestoßen. Davon profitieren nicht nur das Weltklima und die brasilianischen Haushalte, sondern auch deutsche Unternehmen wie Siemens Energy, BayWa und SMA.
Ein weiteres, aktuelles Beispiel sind Kohlenstoffmärkte – das heißt: Länder oder Firmen zahlen für Klimaschutzprojekte anderswo und bekommen dafür Zertifikate, die sie auf ihre eigene Bilanz anrechnen können. Damit unsere Partner solche Zertifikate überhaupt anbieten und verkaufen können, brauchen sie verlässliche Regeln und leistungsfähige Institutionen.
Die GIZ arbeitet bereits jetzt in 36 Ländern daran, transparente und faire Märkte aufzubauen, die dem Klima und der Entwicklung dienen. Das Potenzial des Kohlenstoffmarkts ist enorm: Allein in Afrika wird es auf 50 bis 100 Milliarden US-Dollar bis 2030 geschätzt.
Ziehen öffentliche Investitionen private nach sich?
Ja, das zeigt unsere Erfahrung: Klug investiert, hebeln öffentliche Mittel ein Vielfaches an Investitionen, die nachhaltig soziale und ökologische Fortschritte bewirken.
Ein Beispiel ist die Multigeber-Plattform GET.pro. Sie wird von der GIZ koordiniert und ist weltweit in 57 Ländern tätig, hat 675 Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Investitionsvorhaben unterstützt und so 573 Millionen Euro an Investitionen in nachhaltige Energien mobilisiert.
Geld gibt es genug auf den Kapitalmärkten, aber Mittel in klimafreundliche Vorhaben in Entwicklungsländern zu lenken, ist kompliziert, weil die Einzelideen oft zu klein und die Risiken für Investoren zu hoch sind.
Hier setzen wir mit dem Städtenetzwerk C40 an: Mit der Cities Finance Facility unterstützen wir gemeinsam Städte im Globalen Süden dabei, klimafreundliche Infrastrukturprojekte zu planen und die nötige Finanzierung dafür zu erschließen. Die auf diese Weise mobilisierten und absehbaren Investitionen entsprechen dem 22-Fachen der ursprünglichen öffentlichen Förderung aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA und von der Children’s Investment Fund Foundation. So entstanden beispielsweise in der indonesischen Hauptstadt Jakarta ein E-Bus-Netz, im brasilianischen Curitiba der erste Solarpark Lateinamerikas auf einer stillgelegten Mülldeponie und im südafrikanischen Durban ein naturbasiertes System zur Hochwasserkontrolle.
In welcher Hinsicht sind Fachkräfte für eine klimaresiliente Wirtschaft wichtig?
Der Weg in eine klimafreundliche Zukunft wird nur gelingen, wenn wir die Menschen auf die Chancen der neuen, grünen Ökonomie vorbereiten, und diese sind vielversprechend. Aber gibt es die Fachkräfte vor Ort nicht, verlangsamen sich die Fortschritte und die Investoren bleiben aus. Bisher steht die Fachkräfteausbildung nicht im Zentrum der Klimaverhandlungen und nur ein Prozent der Klimafinanzierung wird in den Fachkräfteaufbau investiert. Die GIZ arbeitet daran, dass sich das ändert, zum Beispiel mit der „Global Initiative on Jobs & Skills for the New Economy“, die auf der COP30 in Brasilien gelauncht wurde und die wir mit vorbereitet haben.
Warum liegt es im deutschen Interesse, dass sich die GIZ für den globalen Klimaschutz engagiert?
Weil der Klimawandel weit mehr ist als eine Umweltkrise, die vor unserer Haustür haltmacht. Die bereits jetzt spürbaren, massiven Auswirkungen bedrohen Wohlstand und Sicherheit weltweit. Das betrifft auch die Frage, ob wir hier in Deutschland künftig noch in einer menschengerechten Umgebung werden leben können.
Ich hatte schon Wasserknappheit und Hitzewellen erwähnt. Die Auswirkungen sind greifbar. Allein können wir die Erderwärmung nicht bremsen, die Folgen des Biodiversitätsverlustes nicht eindämmen und die Risiken für die menschliche Sicherheit nicht einhegen. Das ist nur gemeinsam, auf Augenhöhe, im beiderseitigen Interesse und mit Solidarität möglich. Dafür brauchen wir starke Allianzen und gewachsenes Vertrauen. Genau hier setzt die Arbeit der GIZ an.