Interview

„Kürzungen im Entwicklungsetat sind ein Fehler“

Marcel Fratzscher hält Investitionen im Globalen Süden für genauso wichtig wie im Inland. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sagt, ohne offene Märkte und internationale Partnerschaften sinkt unser Wohlstand.

Interview: Friederike Bauer
Marcel Fratzscher, im Anzug mit Krawatte vor blauem Hintergrund, der beim Sprechen beide Hände gestikulierend vor sich hält.

Herr Fratzscher, wie wichtig sind internationale Beziehungen für Deutschland aus ökonomischer Sicht?

Gute Partnerschaften und offene Märkte sind essenziell für die deutsche Wirtschaft. Es gibt keine andere Volkswirtschaft dieser Größe, die so stark von den globalen Märkten abhängt. Mehr als 40 Prozent der Wirtschaftsleistung gehen auf Exporte zurück, fast jeder zweite Job hängt direkt oder indirekt daran. Wir haben darüber in der Vergangenheit erheblichen Wohlstand geschaffen, der jetzt aus verschiedenen Gründen in Gefahr ist. Um ihn zu sichern, brauchen wir keine Abschottung, sondern weiterhin Offenheit, fairen Wettbewerb und gemeinsame Regeln – das lässt sich nur über internationale Beziehungen erreichen. Sie haben für uns eine enorme Bedeutung.

Schließt das auch die sogenannten Länder des Globalen Südens ein?

Der Globale Süden ist wichtig – und bisher in Deutschland massiv unterschätzt. Die Länder werden an Bedeutung gewinnen. Einmal, um Risiken zu minimieren: Wir haben zuletzt den Fehler gemacht, uns zu stark von den USA und China abhängig zu machen. Durch engere wirtschaftliche und politische Beziehungen mit Ländern aus dem Globalen Süden können wir diese Abhängigkeiten verringern. Das ist eine riesige Chance.

„Im Globalen Süden liegen die Märkte der Zukunft. Wir müssen uns viel mehr als bisher für eine engere Zusammenarbeit engagieren.“

Marcel Fratzscher

Zweitens werden diese Volkswirtschaften schon aufgrund der Demografie stark wachsen. Dort liegen die Märkte der Zukunft. Deshalb müssen wir uns viel mehr als bisher für eine engere Zusammenarbeit mit ihnen engagieren. Auf keinen Fall sollten wir naiv sein und glauben, dass die Länder auf uns warten, sondern wir müssen uns umgekehrt um sie bemühen.

Im Moment hält sich die Wirtschaft mit Investitionen, zum Beispiel in Afrika, aber noch sehr zurück. Woran liegt das?

Für das typische deutsche mittelständische Unternehmen war es bis jetzt sehr viel leichter, in einem anderen europäischen Land oder auch in China zu investieren als in Ghana oder Nigeria. Das ist ein Grund für die Zurückhaltung in Afrika; der andere liegt in den Staaten selbst. Noch sind viele Länder Afrikas vergleichsweise arm, haben ein geringeres Pro-Kopf-Einkommen. In manchen Gegenden gibt es auch Unsicherheiten und Konflikte. Aber Afrika ist im Wandel. Und diesen Wandel sollten wir begleiten, indem wir zum Beispiel über die Entwicklungszusammenarbeit dabei helfen, stabile Institutionen zu schaffen und Armut zu bekämpfen. Das hilft den Staaten selbst, nutzt aber langfristig der gesamten Welt und natürlich auch Deutschland und unserer Wirtschaft.

Was müssten wir den Ländern bieten, damit sie sich für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa statt mit China entscheiden?

Vor allem Ehrlichkeit und Verlässlichkeit, damit wirklich langfristige und starke Partnerschaften zustande kommen. Die andere Seite muss sehen, dass ein echter Mehrwert für sie entsteht. Dann unterscheiden wir uns von anderen. Doch das allein genügt nicht. Wir müssen auch Handelshemmnisse nach Europa abbauen. Bisher legen wir gerade afrikanischen Staaten hohe Hürden in den Weg, wenn sie mit uns Handel treiben wollen. Das gilt vor allem für landwirtschaftliche Güter. Diese Barrieren sind schädlich. Um Kooperationen auf Augenhöhe zu schaffen, muss die EU ihren Markt öffnen.

„Die GIZ hat Kontakte in alle Welt; sie genießt Vertrauen und kann sie noch mehr als bisher als Türöffner für deutsche Unternehmen nutzen.“

Marcel Fratzscher

Was kann internationale Zusammenarbeit dazu beitragen, Kooperationen mit Ländern im Globalen Süden zu stärken?

Indem sie mit ihrer Arbeit fortfährt und alles daransetzt, die Länder zu stabilisieren, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und zum Beispiel Ausbildungsprogramme aufzulegen, damit deutsche und europäische Firmen investieren und Handel treiben können. Die GIZ hat Kontakte in alle Welt; sie genießt Vertrauen und kann sie noch mehr als bisher als Türöffner für deutsche Unternehmen nutzen.

Solidarität und gemeinsame wirtschaftliche Interessen müssen dabei kein Widerspruch sein, sondern können Hand in Hand gehen, wenn Verträge fair sind und niemand über den Tisch gezogen wird. Wir müssen unsere Stärken ausspielen, nur so können wir im Wettbewerb mit China bestehen. Und nur wenn wir noch stärker europäisch auftreten. Auch dazu kann und sollte die GIZ beitragen.

Wie genau könnte die GIZ die Wirtschaft unterstützen, in schwierigeren Märkten Fuß zu fassen?

Hier bieten sich die Auslandskammern an, die sehr eng mit den inländischen Verbänden und Handelskammern verbunden sind. Mit ihnen sollte die GIZ stärker kooperieren. Das geschieht zum Teil schon, hier besteht aber sicherlich noch mehr Potenzial für systematische Zusammenarbeit. Ich halte die Kombination aus Deutschen Auslandshandelskammern (AHKs), Unternehmen und GIZ für sehr vielversprechend.

„Entwicklungspolitik ist Sicherheitspolitik und in jeder Hinsicht eine kluge Investition.“

Marcel Fratzscher

Wie bewerten Sie als Ökonom den Entwicklungshaushalt?

Ich halte Kürzungen für einen Fehler. Wir stocken die Verteidigungsausgaben massiv auf – Entwicklungspolitik fällt für mich in dieselbe Kategorie. Sie ist Sicherheitspolitik und in jeder Hinsicht eine kluge Investition: geopolitisch, wirtschaftlich, in Bezug auf Krieg und Frieden und als Vorsorge gegen große Migrationsströme. Und noch ein Vergleich: Wir geben in den nächsten zehn Jahren 500 Milliarden Euro für Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz in Deutschland aus, nicht zuletzt auf lokaler Ebene. Das halte ich für absolut richtig. Aber Investitionen im Globalen Süden sind genauso dringlich und wichtig.

„Wir dürfen nicht anfangen, Investitionen in Deutschland gegen Investitionen anderswo auszuspielen. Wirtschaftlicher Erfolg stellt sich nur ein, wenn beides geschieht.“

Marcel Fratzscher

Können Sie verstehen, wenn sich Leute fragen, warum wir Straßen und Brücken anderswo bauen sollen, obwohl wir hier einen Investitionsstau haben?

Der Gedanke ist falsch. Wir dürfen nicht anfangen, Investitionen in Deutschland gegen Investitionen anderswo auszuspielen. Beide ergänzen sich. Es geht nicht um ein Entweder-oder: Wirtschaftlicher Erfolg stellt sich nur ein, wenn beides geschieht. Erst dadurch entsteht die Dynamik und Arbeitsteilung, die unsere Wirtschaft braucht.

Ändert künstliche Intelligenz etwas am Fachkräftemangel in Deutschland? Brauchen wir dadurch weniger Zuwanderung und deshalb weniger internationale Kooperation?

Wir wissen noch nicht genau, wie KI die Arbeitswelt in den kommenden fünf bis zehn Jahren verändern wird. Aber vor allem in Bereichen, die die KI nicht leicht ersetzen kann, hatten wir schon in der Vergangenheit eine starke Zuwanderung und werden künftig noch stärker darauf angewiesen sein. Etwa in der Pflege oder in Krankenhäusern. Nicht zuletzt, weil die Babyboomer-Generation jetzt nach und nach in Rente geht. Wenn wir hier dichtmachen, wird der wirtschaftliche Schaden für Deutschland sehr groß sein. Ich wiederhole, was ich eingangs gesagt habe: Ohne internationale Beziehungen sinkt unser Wohlstand.

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